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Finanzdienstleister:Wirecard soll seit 2014 betrogen haben

Staatsanwaltschaft bei Wirecard / Journalisten stehen vor Insolventer Konzern Wirecard in Aschheim bei München / Datum:

Die Strafverfolger verdächtigen Wirecard, bereits von der Jahresbilanz 2015 an mit falschen Zahlen gearbeitet zu haben.

(Foto: imago images)

Staatsanwälte gehen davon aus, dass der Konzern schon früh mit falschen Zahlen arbeitete. Aufsichtsbehörden und Prüfer ließen sich demnach ein halbes Jahrzehnt lang täuschen.

Von Klaus Ott, Nicolas Richter und Jörg Schmitt

Der nach Erkenntnissen von Ermittlern groß angelegte Schwindel beim insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard dauert offenbar schon viel länger als bisher vermutet. Bereits im Jahr 2014 soll sich die Führungsriege des in Aschheim bei München ansässigen Internetkonzerns entschlossen haben, mit vorgetäuschten, also erfundenen Einnahmen die Umsätze und Erlöse künstlich aufzublähen. Davon geht die Staatsanwaltschaft München I nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR aus.

Die Staatsanwaltschaft München I ermittelt gegen Ex-Konzernchef Markus Braun, den früheren Vorstand Jan Marsalek und weitere Manager wegen verschiedener mutmaßlicher Delikte, darunter Bilanzfälschung und Manipulation des Börsenkurses. Die Strafverfolger verdächtigen Wirecard, bereits von der Jahresbilanz 2015 an mit falschen Zahlen gearbeitet zu haben. Angebliche Treuhandkonten, auf denen nach offiziellen Angaben des Konzerns eine Milliardensumme lag, hätten gar nicht existiert.

Ziel der mutmaßlichen Betrügereien sei es gewesen, den Konzern finanzkräftiger und somit attraktiver erscheinen zu lassen, als das tatsächlich der Fall gewesen sei. Die Staatsanwaltschaft stützt sich bei diesen Annahmen auf zahlreiche interne Unterlagen von Wirecard. Sollten die bisherigen Erkenntnisse und Verdachtsmomente der Ermittler zutreffen, dann hätten alle Aufsichtsorgane und Prüfer ein halbes Jahrzehnt lang nicht bemerkt oder wahrhaben wollen, was sich bei Wirecard abspielte. Das gilt auch für die deutsche Finanzaufsicht Bafin, die wegen des Milliardenskandals heftig unter Druck geraten ist.

Die Staatsanwaltschaft verweist in ihren Ermittlungsunterlagen darauf, dass einzelne Medien spätestens seit 2016 über offenbar fiktive Umsätze von Wirecard mit angeblichen Partnerfirmen berichtet hätten. Dabei sei von den Medien auch darauf hingewiesen worden, dass es sich bei diesen Partnern im Wesentlichen um Schein- und Briefkastenfirmen handele, notierten die Ermittler. Die erste große Strafanzeige der Bafin, die vom April 2019 stammt, richtete sich aber nicht gegen Wirecard.

Marsalek befindet sich auf der Flucht, Braun will kooperieren

Die Bafin zeigte vielmehr mehrere Börsenhändler sowie zwei Journalisten der britischen Zeitung Financial Times (FT) wegen angeblicher Manipulation des Börsenkurses von Wirecard an. Die FT berichtet seit Jahren über Missstände bei Wirecard. Dem gehen deutsche Behörden erst jetzt konsequent nach. Die Staatsanwaltschaft München I ermittelt inzwischen auch wegen Veruntreuung von Firmenvermögen gegen Braun, Marsalek und weitere Wirecard-Manager. Der Konzern habe Firmen in Asien Kredite bis zu 365 Millionen Euro gewährt, ohne Sicherheiten zu verlangen.

Genauso dubios erscheint den Strafverfolgern auch ein Geschäft über eine Briefkastenfirma auf Mauritius, bei dem 315 Millionen Euro abflossen. Der Verbleib des Geldes ist unklar. Vor allem Marsaleks Rolle bei diesem Geschäft ist undurchsichtig. Gegen Marsalek liegt ein Haftbefehl vor, er befindet sich auf der Flucht. Braun hingegen hat sich den Ermittlern gestellt und will kooperieren.

© SZ vom 03.07.2020

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