Grüne Stahlproduktion:"Es geht um unsere Zukunft"

Grüne Stahlproduktion: Tausende Stahlarbeiter versammelten sich an diesem Mittwoch vor dem Werk von Thyssenkrupp in Duisburg, um für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze zu demonstrieren.

Tausende Stahlarbeiter versammelten sich an diesem Mittwoch vor dem Werk von Thyssenkrupp in Duisburg, um für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze zu demonstrieren.

(Foto: WOLFGANG RATTAY/REUTERS)

Wirtschaftsminister Habeck spricht vor besorgten Stahlarbeitern in Duisburg über den Umbau der Produktion mit grünem Wasserstoff. Und gibt ein Versprechen ab.

Von Björn Finke und Christian Wernicke, Duisburg

Matthias Werner ist eher der Typ ruhiger Malocher. Kein Krakeeler. Also keiner, der wie die Kollegen vorn an der Bühne laute Buhrufe brüllt, sobald nur der Name Robert Habeck fällt. Arbeitsstiefel, grüne Gewerkschaftsweste überm T-Shirt, Stoppelbart und, na klar, eine rote Kappe von der IG Metall auf dem Kopf: So steht der 40-jährige Schlosser auf der Wiese vor der Hauptverwaltung von Thyssenkrupps Stahlsparte, hinter ihm ragt das Stahlwerk in den Himmel. 30 Grad im Schatten, Werner steht in der Sonne, nimmt einen Schluck aus der Wasserflasche und sagt: "Mal hören, was der Habeck zu sagen hat." Punkt.

Es ist fünf nach zwölf, die IG Metall ist spät dran. Eigentlich sollte ihr "Stahl-Aktionstag" Punkt fünf vor zwölf losgehen, wegen der Symbolik. Denn, das befürchten die Gewerkschafter, der gesamte Stahlstandort Deutschland stehe auf der Kippe: Macht 27 000 Arbeitsplätze bei Thyssenkrupp. Seit Jahr und Tag, so beklagt an diesem Mittwoch etwa Jürgen Kerner, Vorstandsmitglied der IG Metall, pilgerten zwar Politiker ins größte Stahlwerk Europas in Duisburg-Bruckhausen und versicherten, sie wollten klimagerechten "grünen Stahl". "Aber", schimpft Kerner, "wir haben noch immer keinen Förderbescheid." Keine Genehmigung, das hieße keine zwei Milliarden Euro Staatszuschuss für den Umbau von Kohle auf Wasserstoff: "Da droht der Einstieg in den Ausstieg!" Gerüchte wabern, der Konzern könnte die im März bestellte knapp drei Milliarden teure Direktreduktionsanlage wieder abbestellen. Was das bedeutete, weiß auch Matthias Werner: "Es geht um unsere Zukunft", sagt er knapp, "bis 2049 muss ich ran." Noch 26 Jahre bis zur Rente.

Also: Druck machen! 12 000 Teilnehmer, so jedenfalls zählt die Gewerkschaft, stehen auf einer verdorrten Wiese. Auf der Bühne steht Tekin Nasikkol, der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats. Die Bundesregierung, also Habeck, und die EU-Kommission, die jede Großsubvention im Binnenmarkt prüfen und genehmigen muss, würden seit Monaten "die Verantwortung hin und herschieben. Damit muss Schluss sein!" Zur Drohung stemmt er einen schweren Stahlhammer in die Höhe. Prompt ertönen (als Beifall) tausende Trillerpfeifen, auch Werner hat jetzt eine im Mund. Und er nickt leise, als der Betriebsrat die Menge in der Mittagshitze zusätzlich aufheizt: "Der wahre Hammer seid Ihr!"

Der Umbau zur grünen Produktion soll die Stahl-Standorte retten

Das Event ist auch Schauspiel. Die Gewerkschafter schimpfen auf die Politik; und die geladenen Politiker - darunter neben Habeck auch NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) und seine grüne Wirtschaftsministerin Mona Neubaur - klatschen artig Beifall. Nach einer halben Stunde bekommt schließlich der Wirtschaftsminister aus Berlin - Anzughose ohne Jackett, Ärmel des weißen Hemdes hochgekrempelt - seine Chance.

Habeck verspricht Beistand. Und Einsatz: Er werde "alles dafür tun, dass diese Stahlindustrie in Deutschland in allen Standorten erhalten bleibt, indem sie grün wird". Es grummelt im Publikum auf der Wiese, als der Grüne mahnt, man möge bitteschön "den Horizont" und "nicht nur die eigene kleine Welt sehen". Aber dann kriegt Habeck die Kurve, berichtet von einem neuen Schreiben aus Brüssel. Im Prinzip, so Habeck, habe die Brüsseler Kommission ihr OK signalisiert. Was noch fehle, sei die Entscheidung des Stahlkonzerns. "Es liegt nicht an uns," versichert der Minister, das Geld stehe bereit: "Wir werden das im Sommer hinkriegen."

"Im Sommer," präziser sagt es Habeck nicht. Aus informierten Kreisen ist in Duisburg zu hören, der Zuschuss für die neue Anlage sein kein Problem. Aber die EU-Wettbewerbshüter zögern, sobald es um Subventionen (etwa für teuren Wasserstoff) bei der laufenden Produktion geht. Auch eine Erlaubnis, vorerst Stahl auch mit nicht klimaneutral gewonnenen Wasserstoff zu kochen, beäugt Brüssel kritisch. Habeck nennt es "das Kleingedruckte".

Immerhin, zur Belohnung überreichen Gewerkschafter dem Minister ein knallrotes T-Shirt: "Stillstand hat noch nie etwas bewegt," steht da drauf. Matthias Werner sagt, er traue der Zukunft erst, "wenn die Sache auch unterschrieben ist". Er muss weg, zurück zur Arbeit. Noch hat er eine.

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