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Coronavirus:OECD: Wirtschaftswachstum könnte sich halbieren

German Economy And Container Shipping Ahead of GDP Figures

Stillstand in den Häfen: Das Coronavirus drückt zunehmend auf die Weltwirtschaft, die Industrie fürchtet Lieferengpässe aus China.

(Foto: Bloomberg)
  • Das weltweite Wirtschaftswachstum könnte in diesem Jahr auf eineinhalb Prozent fallen, sollte sich die Situation beim Coronavirus nicht verbessern.
  • Würde sich die Lage bald stabilisieren, erwartet die OECD, dass die Weltwirtschaft 2020 um 2,4 Prozent zulegen wird.

Der Termin stand schon lange fest, aber der Inhalt des Berichts dürfte sich kurz vor diesem Montagmorgen noch deutlich geändert haben. Bislang war die Industrieländer-Organisation OECD von einem deutlichen Wachstum der Weltwirtschaft ausgegangen. Das Virus mit der Abkürzung Sars-CoV-2 hat das schlagartig geändert. Ohne Panik zu schüren, sagen die Ökonomen der OECD in ihrem Zwischenausblick voraus: Falls sich die Krise nicht schnell abschwächt, wird die Wirtschaftsentwicklung auf globalem Niveau leiden.

Je nach Szenario fiele die Wachstumsprognose nur noch halb so hoch aus wie bisher angenommen - mit der schon jetzt empfindlich getroffenen chinesischen Wirtschaft als Epizentrum global integrierter Lieferketten. Die Weltwirtschaft könnte den Berechnungen zufolge 2020 im schlimmsten Fall nur noch um 1,5 Prozent wachsen. Für die Eurozone hieße das, zumindest vorübergehend mit Wachstumsraten auf dem Niveau der Euro-Schuldenkrise umgehen zu müssen.

Die OECD sieht die Regierungen ihrer Mitgliedstaaten deshalb akut in der Pflicht. Das gelte vor allem für die öffentliche Gesundheitsvorsorge, um Ansteckungsgefahren einzudämmen und die Ausbreitung des Virus unter Kontrolle zu halten. Dazu müssten die Gesundheitssysteme ausreichend finanziert werden, nötigenfalls mit zusätzlichen staatlichen Ausgaben. Insbesondere müsse ausreichend Personal und Material zur Verfügung stehen.Daneben sprechen sich die OECD-Experten für weitere Konjunkturhilfen aus, um die Auswirkungen der Virus-Krise abzumildern. Insbesondere Kurzarbeit sei empfehlenswert.

In Deutschland etwa dürfen viele Unternehmen vorübergehend die Arbeitszeit ihrer Angestellten verringern, um Kündigungen zu vermeiden. Unter bestimmten Voraussetzungen ersetzt die Arbeitsagentur einen Teil der Lohnausfälle durch Kurzarbeitergeld. Das Instrument hatte sich insbesondere in der Finanzkrise um 2008 bewährt. "Die Arbeitszeitkonten und Überstundenkonten sind voll, die Regeln für Kurzarbeit sind großzügig - das sind sehr wirkungsvolle Instrumente, die auch jetzt wirken würden", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Kurzarbeitergeld ist ein zielgerichtetes Instrument. Von anderen Konjunkturhilfen, etwa Steuersenkungen, hält er derzeit nichts. "Jetzt schlägt die Stunde der Gesundheitspolitiker, nicht der Wirtschaftspolitiker", sagt er. In einer solchen Krise sei Vertrauen die wichtigste konjunkturelle Größe. Dennoch empfiehlt die OECD, auch direkte Konjunkturhilfen für Unternehmen zu erwägen. Vor allem im Finanzsystem angemessene Liquidität müsse sichergestellt sein. Banken müssten die Möglichkeit haben, vor allem kleinen und mittelgroßen Firmen mit kurzfristigen Geldsorgen über die Zeit zu helfen. Eigentlich solvente Unternehmen sollten nicht pleitegehen. In besonders betroffenen Regionen wären Erleichterungen denkbar, beispielsweise Subventionen für Energiekosten oder die Stundung anstehender Steuerzahlungen.

Solche Dinge hat die chinesische Regierung teilweise schon auf den Weg gebracht, um den besonders betroffenen Mittelstand im Land vor den Folgen der Viruskrise zu schützen. Das Virus dürfte Chinas Wirtschaft empfindlich getroffen haben: Die Ökonomen der OECD rechnen hier im laufenden Jahr nur noch mit 4,9 Prozent Wachstum, nach 6,1 Prozent im Jahr 2019. Folgen der wirtschaftlichen Probleme in der Volksrepublik dürften dann schnell in den weltweit vernetzten Lieferketten von Unternehmen zu spüren sein, ebenso für Reiseanbieter und Rohstoffhändler. In den ersten drei Monaten des Jahres könnte die Weltwirtschaft der OECD zufolge sogar schrumpfen.

Alle 20 führenden Industrie- und Schwellenländer sind wirtschaftlich betroffen. Je stärker die Verbindungen zu China seien, desto stärker seien auch die Auswirkungen - etwa in Japan, Südkorea und Australien.In China haben sich bislang mehr als 80 000 Menschen mit dem Virus infiziert, die meisten in der Provinz Hubei. Fast 3000 Personen sind bereits daran gestorben. Während die Zahl der Neuinfektionen in China zuletzt nicht mehr so stark stieg, schoss sie in anderen Ländern - zum Beispiel in Iran und Italien - in die Höhe. Das veranlasst Experten wie Commerzbank-Volkswirt Krämer, noch einmal die Ursache dieser Konjunktursorgen zu betonen, die gar nicht wirtschaftlicher Natur ist: "Das Grundproblem ist dieses Virus", sagt er. "Entschiedenes, konsequentes Handeln der Gesundheitspolitik verringert die Unsicherheit und schützt die Konjunktur." Die Unsicherheit verringert hat aber sicher auch Bundesfinanzminister Olaf Scholz, als er am Wochenende versicherte, über die nötigen Mittel für ein Konjunkturpaket zu verfügen und ein solches im Ernstfall auch aufzulegen. Manchmal reicht es ja schon, so etwas zu versprechen.

Mit Material von Reuters

© sz.de/ds/sana/evg

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