Kauf von Activision Blizzard:Microsofts Milliardenrisiko

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dpa-Bild des Jahres 2016 - 3. Platz Wirtschaft

Eintauchen in fremde Welten: Das soll mit Virtual Reality möglich sein.

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Big Tech rüstet sich fürs Metaversum, deshalb kauft Microsoft den Spielehersteller Activision Blizzard. Das birgt einige Gefahren - und auch die Nutzer erwartet nichts Gutes.

Kommentar von Helmut Martin-Jung

Was ist eigentlich dieses Metaversum? Bisher bekommt man darauf mindestens ebenso viele Antworten, wie man Leute fragt. Fest steht, es hat damit zu tun, mit möglichst vielen Sinnen und jeder Menge Technik einzutauchen in komplett virtuelle Umgebungen oder aber solche, in denen sich die reale mit der virtuellen Welt vermischen. Das Verbinden von realer und virtueller Welt ist keineswegs nur Blödsinn und Gedaddel. Zum Beispiel kann man heute schon bei der Küchenplanung in manchen Studios mit einer VR-Brille zwischen Herd und Spülmaschine herumgehen, fast als gäbe es die Küche schon. Daher steckt hinter dem geplanten Mega-Deal von Microsoft, das für fast 70 Milliarden Dollar den Spielehersteller Activision Blizzard kaufen will, mehr als nur die eigene Spielesparte weiter auszubauen. Es geht auch um das Wettrennen, im Metaversum möglichst viel Einfluss zu gewinnen.

Der Deal ist aber auch ein Risiko - aus mehreren Gründen. Zum einen ist keineswegs ausgemacht, dass das Metaverse wirklich so einschlägt, wie momentan auch viele Investoren denken. Zum anderen wird sich zeigen müssen, wie die beiden Firmenkulturen miteinander klarkommen. Hier der eher behäbige Koloss Microsoft, dort der Spielehersteller, der unter hohem Zeitdruck neue Versionen seiner Erfolgsspiele rausbringen muss. Der Spielehersteller hat - drittens - offenbar auch gut verhandelt, denn Microsoft zahlt weit mehr pro Aktie, als das Unternehmen zuletzt wert war. Ob sich das auszahlt, bleibt abzuwarten.

Der vierte Aspekt dürfte der schwierigste sein. Activision Blizzard ist zwar in seiner Branche einer der Großen, aber nicht zwingend ein Unternehmen, bei dem man gerne arbeitet. Vor allem nicht als Frau. Dort kam es zu Belästigungen, Frauen fühlten sich nicht anerkannt, wurden gemobbt. Sogar der Staat Kalifornien klagte deshalb gegen die Firma. Und Firmenchef Bobby Kotick, der das jahrelang geduldet hat, soll auch nach der Übernahme im Amt bleiben. Im Oktober mussten zwar 37 Mitarbeiter gehen und eine Reihe anderer erhielt Abmahnungen. Das alleine reicht aber nicht, die Firmenkultur und das Arbeitsklima bei Activision Blizzard müssen sich langfristig und grundlegend ändern.

Warum aber geht Microsoft diese Risiken ein? Dahinter steht die Furcht, nicht gut genug aufgestellt zu sein für das neue große Ding, für das Metaversum. Der Spielehersteller soll seine Erfahrung und Kompetenz beim Erschaffen virtueller Welten einbringen. Natürlich auch weiter für Spiele, Microsoft würde durch den Deal immerhin der drittgrößte Games-Hersteller der Welt. Aber der Konzern denkt viel weiter. Alle seine Dienste sollen in der virtuellen Welt zusammengeführt werden. Dann könnte Windows einmal Fenster in ganz neue Welten öffnen, in denen Avatare eine Teams-Konferenz abhalten. Und gespeichert und betrieben würde alles mit Microsofts Cloudsystem Azure.

Die großen Tech-Konzerne locken die Menschen in goldene Käfige

Microsoft ist freilich nicht allein mit solchen Plänen - und das macht die Sache kompliziert. Denn niemand wird erwarten, dass Großkonzerne wie Apple, Microsoft, Facebook, Google oder Amazon eine offene Plattform schaffen werden. Nein, es wird vielmehr einen Wettbewerb proprietärer Systeme geben, in dem jeder versuchen wird, möglichst viele Nutzer in den je eigenen goldenen Käfig zu locken. Denn je länger man die Nutzer bei sich halten kann, umso leichteren und genaueren Zugriff hat man auf dieses Daten-Melkvieh. Und Big Tech mit seiner Marktmacht und den prall gefüllten Kassen hat die besten Voraussetzungen, die vorhandene Dominanz auszubauen.

Doch werden die Aufsichtsbehörden, letztlich also die Politik, das zulassen? Seit immer klarer wird, wohin die starke Konzentration auf wenige Anbieter geführt hat, wachsen auch in den USA die Bedenken. In der Europäischen Union gibt es schon länger Kartellverfahren. Eigentlich dürften die Behörden Übernahmen wie die jetzige nicht mehr genehmigen, wenn die Macht der großen Tech-Konzerne nicht noch weiterwachsen soll. An ein offenes Metaversum, das dem offenen Internet in dessen Frühzeit ähnelt, glaubt dennoch wohl niemand mehr. Schade eigentlich.

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