Munich Economic Debates:Was man bei künstlicher Intelligenz aus der Vergangenheit lernen kann

Munich Economic Debates: Rudolf Seising leitet ein Projekt, das die Geschichte der KI in Deutschland erforscht.

Rudolf Seising leitet ein Projekt, das die Geschichte der KI in Deutschland erforscht.

(Foto: PR)

Geschichte kann einiges über KI verraten - und über die Zukunft. Privatdozent Rudolf Seising bei den Munich Economic Debates über mächtige Algorithmen und ihre Entstehung.

Von Titus Blome

Der Grund, aus dem heute von "künstlicher Intelligenz" gesprochen wird, ist einfach: Marketing. Computer- und Kognitionswissenschaftler John McCarthy schuf den Begriff, "weil wir etwas tun mussten, als wir versuchten, im Jahr 1956 Geld für einen Sommer-Workshop zu bekommen", erzählte er einst. KI klang da neu und aufregend und als wäre es ein paar Fördermittel wert. Knapp 70 Jahre später ist KI überall. Doch was für eine Art von Intelligenz ist da gemeint?

Antworten auf diese Frage fand am Montagabend der Privatdozent Rudolf Seising bei den Munich Economic Debates von Ifo-Institut und Süddeutsche Zeitung. Er leitet ein Projekt, das die Geschichte der KI in Deutschland erforscht. "Was können wir aus der Entwicklung von KI für die Zukunft lernen?" lautete der Titel seines Vortrags.

Das, was KI als "intelligent" adelt, ist historisch von Mathematik und Informatik geprägt, sagt Seising. Schon 1950 fragte der britische Mathematiker Alan Turing "Können Maschinen denken?", ohne damals eine Antwort zu wissen. Generationen an Forscher arbeiteten daran, Sprache in Codes zu übersetzen und den menschlichen Geist in logischen Formeln und Algorithmen einzufangen, um solche "denkende" Maschine zu bauen. Dieses Erbe merkt man der künstlichen Intelligenz bis heute an: Es ist eine enge Interpretation der Intelligenz, eine nicht-menschliche und berechnende Variante.

"Wir richten über Menschen, da sollten wir auch menschlich denken"

Geschichte kann also einiges über die Gegenwart mit KI verraten - und womöglich auch über die Zukunft. Seisings eigentliches Fachgebiet sei nämlich die Vergangenheit, betont er. Er sehe jedoch, dass seit der Veröffentlichung des Chatbots Chat-GPT immer mehr Wissenschaftler auf den KI-Zug aufspringen würden. Das könnte das Feld der gestellten Fragen einengen. Denn wer einen Hammer hat, der sieht nur Nägel. Und wer eine KI hat, der sieht Probleme womöglich immer als mit KI lösbar.

Ein Feld, das dafür ideal sei, könne doch womöglich das Recht sein, lautet ein Vorschlag aus dem Publikum. Sollten Richter nicht einfach Fakten durchrechnen? Definitiv nicht, antwortet der sonst so ruhige Seising erstmals etwas vehementer und setzt sich gerade hin: "Wir richten über Menschen, da sollten wir auch menschlich denken."

Wirklich besorgt zeigt Seising sich angesichts der KI-Zukunft nicht. Er kennt die Geschichte der Technologie womöglich gut genug, um ihre Stärken und Schwächen korrekt einzuschätzen. Doch ob andere auf solche Nuancen Wertlegen, scheint unsicher. Denn während Unmengen an Geldern in die KI-Entwicklung fließen, findet er selbst für seine Forschung keine Finanzierung. "Falls mir jemand ein bis zwei Millionen geben möchte, kann er sich gerne melden", grinst er ins Publikum. Soll heißen: Fließt das ganze Geld in die Technologie und keins in die Geschichte, gibt es womöglich bald sehr mächtige KIs - und niemanden mehr, der sie einordnen kann.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusFinanzmärkte
:Eine einzige Aktie treibt die Weltbörsen

Egal ob in Japan, den USA oder Deutschland: Rund um den Globus gehen die Kurse nach oben, wegen einer US-Tech-Firma. Manche sehen darin technologischen Fortschritt, andere das Ende des Kapitalismus.

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: