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Gerhard Cromme:"Das Ende des Euro wäre eine Katastrophe"

Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme über Fehler Deutschlands, Ego-Trips der Manager - und sein Gehalt.

Die Krawatte sitzt, das Einstecktuch lugt aus der Brusttasche des dunklen Anzugs. Gerhard Cromme, der Aufsichtsratsvorsitzende von Thyssen-Krupp und Siemens, achtet auf Etikette, aber er trägt keinen Dünkel zur Schau. Den Interviewern begegnet er in seinem Büro am Wittelsbacherplatz in München höflich und zuvorkommend, später wird er ohne Umstände die bereitstehende Dienstlimousine freigeben und alleine durch die Münchner Innenstadt zu seinem Hotel laufen. In der Sache ist Cromme kompromisslos: Die Siemens-Krise hat er mit harter Hand beendet, und auch bei Thyssen-Krupp zählt nur sein Wort. Kritik lässt er mit einem Lächeln abprallen. Den Vorwurf, dass er die Vorgaben der von ihm selbst in der "Cromme-Kommission" formulierten Verhaltensregeln für Manager in eigener Sache missachtet, weist er weit von sich.

Tag der Entscheidung bei Siemens

Gerhard Cromme, Aufsichtsratsvorsitzender von Thyssen-Krupp und Siemens: "Viele Manager waren auf einem Ego-Trip."

(Foto: ag.dpa)

SZ: Herr Cromme, Deutschland, ganz Europa steckt in einer schweren Krise. Was ist schiefgelaufen?

Cromme: Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt. Da tragen alle miteinander Verantwortung: Banker, Manager, Gewerkschaften, Politiker, Bürger. Wir erleben eine ernste Krise, die auch eine Glaubwürdigkeitskrise ist. An den Märkten ist das Misstrauen groß. Das sieht man am Beispiel des Euro oder im Falle von Griechenland.

SZ: Wie wollen wir dann aus der Krise kommen?

Cromme: Behutsam, Schritt für Schritt und ohne Illusion. Es wird länger dauern, als viele glauben. Natürlich ist nach den Fehlern der Vergangenheit jetzt die Konsolidierung der öffentlichen Finanzen wichtig. Wir brauchen aber auch nachhaltiges Wachstum. Die Goldgräberzeiten sind vorbei, und die Bäume wachsen nicht in den Himmel. Substanz und Solidität zählen.

SZ: Kollabiert die Währungsunion?

Cromme: Nein. Kein Land profitiert von der Währungsunion wie Deutschland. Gerade für uns in Deutschland wäre ein Ende des Euro eine Katastrophe. Durch eine künstliche Aufwertung der DM als Fluchtwährung hätten wir durch Exportverluste schnell ein oder zwei Millionen Arbeitsplätze weniger. Jetzt muss Europa aber aus der Krise lernen. Niemand sollte vergessen, dass es Deutschland und Frankreich waren, die unter Vorgängerregierungen Verträge gebrochen und die Stabilitätskriterien leichtfertig ad acta gelegt haben. Aber die Geschichte der europäischen Integration zeigt, dass Europa immer aus Krisen gestärkt hervorgegangen ist.

SZ: Ein niedriger Euro facht die Inflation an.

Cromme: Das muss nicht so sein. Dass der Kurs des Euro sich im Moment nach unten korrigiert, muss man deshalb nicht bedauern. Die Gemeinschaftswährung war doch völlig überbewertet. Wenn der Euro auf ein vernünftiges Niveau sinkt, zum Beispiel die Kaufkraftparität von 1,10 Dollar zu einem Euro, dann tut das den deutschen Exporten gut. Inflation wäre das Letzte, was Deutschland und Europa brauchen können.

SZ: Umgekehrt hilft Inflation, die Schuldenberge abzutragen.

Cromme: Vorsicht. Technisch mögen Sie recht haben. Aber das ist eine sehr eingeschränkte Betrachtung. Ich bin ein strikter Gegner jeglichen Inflationsgeredes. Geldentwertung trifft am Ende den sogenannten kleinen Mann, alle diejenigen, die wenig haben und das sofort für ihren Lebensunterhalt einsetzen müssen. Die Wohlhabenden dagegen kaufen sich Realwerte, wie Aktien, Immobilien oder Gold, um sich gegen Inflation zu schützen. Inflation ist die unsozialste Form der Schuldenbewältigung.

SZ: Apropos reich. Sie gehören zu den Spitzenverdienern in der Wirtschaft. Wären Sie bereit, zum Abbau der deutschen Schulden höhere Steuern zu zahlen?

Cromme: Persönlich wäre ich bereit, in dieser kritischen Phase einen Beitrag in Form eines Solidarzuschlags zu leisten. Aber der müsste befristet sein, um dieser Ausnahmesituation gerecht zu werden. Aber damit sind die Erfahrungen in Deutschland nicht gut. Die Sektsteuer wurde vor dem Ersten Weltkrieg zur Finanzierung der deutschen Flotte eingesetzt, und es gibt sie immer noch. Wenn wir in Deutschland die Wirtschaft langfristig ankurbeln wollen, müssen wir insbesondere die Leistungsträger in der Mittelschicht entlasten.

SZ: Zurück zur Glaubwürdigkeitskrise. Welche Vorschläge haben Sie, um das Image der Manager zu heben?

Cromme: Ich glaube, dass Manager viel mehr im Auge haben müssen, dass sie dienen. Ihnen gehört nicht die Firma, die sie führen, aber einige Manager haben sich aufgeführt, als seien sie Eigentümer. Sie waren auf einem Ego-Trip, und das wird auf Dauer bestraft.

SZ: So schlimm?

Cromme: Keine Frage, die Manager stehen im Feuer, die Politiker auch. Die Krise ist ja da, weil in den zurückliegenden zehn, fünfzehn Jahren nicht alle die Zeichen verstanden haben, weil es illusionäre Vorstellungen gab und mancher nicht genug bekommen konnte. Vorstände haben von den Eigentümern und Politiker von den Wählern einen Vertrauensvorschuss, dem sie gerecht werden müssen. Das geht nur mit Demut, Bescheidenheit und Zurückhaltung.

SZ: Fühlen Sie sich auch selbst schuldig?

Cromme: Niemand ist ohne Tadel, was meinen Sie konkret?

SZ: Nun, Sie gelten als ein Manager, der sich nicht an die Regeln guter Unternehmensführung hält, die Sie als langjähriger Chef der Corporate-Governance-Kommission aufgestellt haben.

Cromme: Das bestreite ich entschieden. Der Kodex wurde unter meiner Führung entwickelt und eingeführt, und wo ich als Aufsichtsratsvorsitzender Verantwortung trage, wird ihm zu 100 Prozent entsprochen.