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Corona-Krise:Mietfrei im Schuhladen

Schuhregal im Adidas Flagship Store in Berlin am 04.05.2018 in Berlin *** Shoe shelf in the Adidas Flagship Store in Ber

Einsame Sportschuhe im Ladenregal: Man kann sie derzeit nur online bestellen. Die Geschäfte sind – wie hier in Berlin – wegen Corona zu.

(Foto: imago images)
  • Trotz Gewinn in den vergangenen Jahren hat Adidas beschlossen, wegen der Corona-Situation erst einmal keine Mieten mehr für die Filialen zu überweisen.
  • Die Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz verurteilt dieses Vorgehen großer umsatzstarker Unternehmen.
  • Adidas verteidigt sich derweil unter anderem damit, dass die Miet-Aussetzungen abgesprochen seien und das Unternehmen einen massiven Umsatzeinbruch erwarte.

Es ist ja nicht so, dass der Sportartikelhersteller Adidas gerade finanziell am Abgrund stehen würde, im Gegenteil. 23,6 Milliarden Euro Umsatz im vergangenen Jahr, fast zwei Milliarden Euro Gewinn. Cash: im Moment 873 Millionen Euro. Adidas ist also nicht in der Situation des Friseurs an der Ecke, der wegen Corona wochenlang nicht mehr Haare schneiden kann und deshalb kurz vor der Insolvenz steht. Oder in der des italienischen Restaurantbetreibers, der jetzt höchstens noch ein paar Pizzen Quattro Stagioni im Karton an der Türschwelle verkauft. Und doch hat Adidas-Chef Kasper Rorsted beschlossen, wegen der Corona-Krise die Mieten für die eigenen Läden ab April erst einmal nicht zu überweisen.

"Vorsorglich" und "temporär", heißt es bei Adidas. Dass es jetzt aber immer mehr Firmen gibt, die ihre Ladenmieten zurückhalten - auch die Handelsketten Deichmann und H&M machen es so - sorgt in Berlin für Empörung. Allen voran bei Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) - sie hatte erst vorige Woche ihr Gesetz zum Corona-Schutz von Mietern durchbekommen. Jetzt sieht das Ministerium die Regelung missbraucht. "Der vorübergehende Kündigungsschutz soll Mietern helfen, die durch die Corona-Krise in Existenznot geraten", sagte Lambrecht der Süddeutschen Zeitung. Es gehe um Menschen, die durch die Pandemie hart getroffen werden: "Ihnen darf jetzt nicht der Verlust der eigenen Wohnung oder ihres Ladengeschäfts drohen." Aber große Unternehmen oder Ladenketten? "Diese Regelung bietet keinerlei Grundlage dafür, dass finanzstarke Unternehmen jetzt einfach ihre Mieten nicht mehr zahlen."

Finanzstärke - die darf man Adidas trotz allem immer noch unterstellen. "Unser Ziel ist es, zum sechsten Mal in Folge eine Gewinnsteigerung im zweistelligen Bereich zu erzielen", sagte Adidas-Chef Rorsted noch vor Kurzem. Klassische Vorstandschef-Rhetorik, gerade mal zwei Wochen her. Rhetorik, die aber auch noch einmal deutlich macht: Der langjährige Henkel-Chef und heutige Adidas-Boss führt keinen Gemüseladen. Er steht vielmehr einem Milliardenkonzern vor, der durchaus auch Läden in allerbester Lage auf der New Yorker 5th Avenue unterhält.

Bei Adidas ist man von der Kritik überrascht. Man sei mit den Vermietern in "engem Austausch"

Nicht ganz so groß wie Adidas, aber mit einem Umsatz von sechs Milliarden Euro eben auch keine familiengeführte Pommesbude: die Schuhhandelskette Deichmann mit 1200 Filialen in Deutschland, die ihren Vermietern erklärte, dass man Mietzahlungen erst einmal aussetzen werde. Es gehe um eine "präventive Maßnahme, um die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit des Unternehmens zu erhalten", so das Unternehmen aus Essen.

Ohnehin sieht das Gesetz der Bundesregierung auch nur einen Schutz vor Kündigungen vor, wenn Mieter vorübergehend die Miete nicht zahlen können. Das heißt aber auch: Wenn der Vermieter die Zahlung der Miete stundet, kann er Verzugszinsen verlangen, aktuell sind das vier Prozent. "Zahlungen einfach einzustellen, ist alles andere als klug", sagte Lambrecht. Schließlich drohten neben hohen Zinsen auch Klagen der Vermieter. Für größere Unternehmen ist es so gesehen sinnvoller, sich - wenn es denn sein muss - über die staatliche Förderbank KfW mit zusätzlicher Liquidität zu versorgen und die Mieten daraus weiter zu bestreiten. Die Zinsen sind hier niedriger.

Der Imageschaden ist groß, und die Mietankündigung führte am Wochenende zu einem Proteststurm im Netz - versammelt bei Twitter unter #AdidasBoykott. Lambrechts Vorgängerin Katarina Barley twitterte ein Foto ihrer Adidas-Schuhe: "Das hier waren übrigens die letzten Adidas", schrieb sie. Trotz Milliardengewinnen eine Schutzvorschrift für Mieter auszunutzen, sei "schäbig", schrieb die Europa-Abgeordnete. Und der bayerische SPD-Abgeordnete Florian Post postete auf Instagram ein Video, in dem er ein Adidas-Shirt in einer Tonne verbrennt. "Ich bin der Meinung, dass wir unser Gesetz nicht dafür beschlossen haben, dass sich Dax-Konzerne schadlos halten", so Post.

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Bei Adidas ist man von der heftigen Kritik überrascht. "Sie rührt unseres Erachtens daher, dass die Politiker nicht alle Fakten haben", sagte ein Sprecher auf Anfrage. Adidas habe "nicht entschieden, die Miete für den Monat April nicht zu bezahlen". Sondern es gehe "um eine Stundung, wie im neuen Gesetz der Bundesregierung vorgesehen". Mit den Vermietern der insgesamt 26 Geschäfte in Deutschland, welche die Anordnung betrifft, sei man "in engem Austausch". Es handele sich "in der Regel um große Immobilienvermarkter und Versicherungsfonds", die "für diese Maßnahme Verständnis gezeigt" hätten, so der Sprecher weiter. Vier Vermieter seien Privatpersonen, die man von der Regel ausgenommen habe. "Sie werden ihre April-Miete wie gewohnt erhalten."

Erst vor wenigen Tagen hatte das Unternehmen bekannt gegeben, dass seine Vorstände bis auf Weiteres auf die Hälfte und die Führungskräfte der zweiten Ebene auf 30 Prozent ihrer Gehälter verzichten. Trotz hoher Zuwächse treffe die Corona-Krise den Sportartikelhersteller massiv. Etwa 70 Prozent der Geschäfte weltweit, in denen Adidas-Produkte verkauft werden, seien geschlossen. Entsprechend groß sei der Umsatzeinbruch von heute auf morgen, den man durch E-Commerce nur in geringen Teilen auffangen könne. "Die Substanz von Adidas" sei "heute so gesund, wie sie es vor der Krise war", sagte Konzernchef Rorsted der SZ. "Wir wollen deswegen auf keinen Fall unsere Strukturen abbauen." Doch die Realität sehe so aus, dass allein in Deutschland ohne Internetgeschäft 80 Prozent des Umsatzes eingebrochen seien. Was die Experten dennoch alarmiert: Egal, ob Privatleute oder große Gewerbeimmobilienanbieter, sie alle könnten erst einmal auf den Kosten sitzen bleiben.

Wird hier im Grunde ein Problem nur weitergereicht? "Ohne einen Fonds, der die Mietzahlungen übernimmt, stehen Millionen private Vermieter vor dem finanziellen Aus", befürchtet der Präsident des Immobilienbesitzerverbandes Haus & Grund Deutschland, Kai Warnecke. Wenn große Unternehmen jetzt reihenweise ihre Ladenmieten nicht bezahlten, sei dies ein Dammbruch mit weitreichenden Folgen, so der Verband.

© SZ vom 30.03.2020/mpu
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