Tarifrunde:Zähe Gespräche bei der Bahn

Deutsche Bahn: Ein ICE am Hamburger Hauptbahnhof

Die Bahn steckt in einer umkämpften Tarifrunde.

(Foto: Chris Emil Janssen/Imago)

Lokführergewerkschaft und Konzernvorstand streiten um höhere Gehälter und um eine 35-Stunden-Woche. Der nächste Warnstreik könnte bald kommen.

Von Benedikt Peters

Der Lokführergewerkschafter Claus Weselsky ist immer für eine Überraschung gut. Wer wollte, konnte das am Donnerstagvormittag am Berliner Nordbahnhof beobachten: Dort, wo sich die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) und die Deutsche Bahn zu Tarifverhandlungen trafen, wo der GDL-Chef eigentlich mit am Tisch sitzen sollte, blieb Weselskys Platz erst mal leer. Zunächst führte GDL-Vize Lars Jedinat die Gespräche. Weselsky kam erst am Abend dazu.

In Verhandlungskreisen war man über die Abwesenheit von Weselsky verwundert, schließlich ist es die wichtigste Tarifrunde der GDL seit Langem. Millionen Kunden fragen sich, ob nun endlich Bewegung in die Gespräche kommt oder doch bald der nächste Warnstreik folgt. Damit hatte Weselsky noch am Tag vor dem Treffen gedroht. Gut siebeneinhalb Stunden saßen die Verhandler am Donnerstag in Berlin zusammen. Die Gespräche sollen an diesem Freitag fortgesetzt werden.

Größter Streitpunkt: 35-Stunden-Woche

Der größte Knackpunkt in den bisher sehr zähen Verhandlungen ist der Streit um die 35-Stunden-Woche. Die GDL will, dass die Bahn diese einführt, was bedeuten würde, dass Lokführer und andere ihre Wochenarbeitszeit um drei Stunden reduzieren. Außerdem soll so aus einer Fünf- eine Viertagewoche werden - und das bei vollem Lohnausgleich. Die GDL argumentiert, das entlaste das Personal und führe dazu, dass die Bahn als Arbeitgeber attraktiver werde. Die Konzernführung hingegen bezeichnet die Pläne als nicht machbar. Zu teuer sei die 35-Stunden-Woche, außerdem gebe es auf dem Arbeitsmarkt nicht genug Leute, um die entstehenden Lücken zu füllen.

Die GDL hatte gedroht, die Warnstreiks zu intensivieren, wenn die Bahn keine Zugeständnisse mache. In der vergangenen Woche hatte Gewerkschaftschef Claus Weselsky schon einmal kurzfristig zu einem 20-stündigen Warnstreik aufgerufen, die Bahn konnte am Mittwoch und Donnerstag im Fernverkehr nur etwa ein Fünftel der Züge einsetzen, die normalerweise fahren.

Bald darauf dann zündete der GDL-Chef die zweite Eskalationsstufe: Die Gewerkschaft startete eine Urabstimmung unter den Mitgliedern. Das eröffnet ihr die Möglichkeit, nach einem positiven Ergebnis (das als sicher gilt) noch zu deutlich längeren Streiks aufzurufen, möglicherweise auch zu einem unbefristeten Arbeitskampf. Es soll allerdings bis Weihnachten dauern, bis die Stimmen ausgezählt sind.

Streiks zur Weihnachtszeit sind möglich

Unter Bahnfahrern verbreitet sich die Sorge, dass die GDL ausgerechnet um die Feiertage herum zu Streiks aufrufen könnte, falls der Konflikt bis dahin nicht gelöst ist. Weselsky hat zuletzt zwar einen Aufruf an den Weihnachtstagen selbst ausgeschlossen, der Leipziger Volkszeitung sagte er: "Die Weihnachtszeit ist eine friedliche - und das wird sie auch bleiben."

Die entscheidende Frage dabei ist aber, was der GDL-Chef unter "Weihnachtszeit" versteht. Das höchste Reiseaufkommen gibt es bei der Bahn nicht an den Feiertagen selbst, sondern unmittelbar davor und danach, wenn die Menschen zu Verwandten oder Freunden fahren, um dort ein paar Tage zu bleiben. Die Bahn hatte die Gewerkschaft deshalb aufgefordert, einem "Weihnachtsfrieden" zuzustimmen, der auch diese Reisezeit umfassen sollte. Das aber hatte Weselsky abgelehnt - wohl auch, um sich in den Verhandlungen nicht seines wirkungsvollsten Druckmittels zu berauben.

Neben der 35-Stunden-Woche fordert die GDL eine monatliche Lohnerhöhung von 555 Euro und eine Inflationsausgleichsprämie von 3000 Euro bei einer Laufzeit des Tarifvertrags von zwölf Monaten. Die Bahn hat der Gewerkschaft eine Lohnerhöhung von elf Prozent und eine Inflationsausgleichsprämie von 2850 Euro angeboten - allerdings bei einer deutlich längeren Laufzeit von insgesamt 32 Monaten.

Für GDL-Chef Weselsky, der in vergangenen Tarifrunden mit seinem harten Kurs deutschlandweit bekannt wurde, ist es aller Voraussicht nach die letzte große Tarifrunde. Er hat angekündigt, sich 2024 von der Gewerkschaftsspitze zurückzuziehen.

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