Aldi:Warum Kunden sich über die sinkenden Fleischpreise nicht wirklich freuen können

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Aldi: Aldi stutzt den Preis für Rindfleisch - auf dem Rücken der Zulieferer.

Aldi stutzt den Preis für Rindfleisch - auf dem Rücken der Zulieferer.

(Foto: imago stock&people/Westend61)

Alles wird teurer? Nein, die Fleischpreise sinken gerade, dank Aldi. Kann man das als Verbraucher begrüßen? Es sieht eher nach einer Abkehr vom versprochenen Haltungswechsel aus.

Von Michael Kläsgen

Es ist eine zweischneidige Nachricht: Aldi senkt die Preise für frisches Schweine- und Rindfleisch, und zwar erheblich. Nicht nur um ein paar Cent, sondern gleich um knapp einen halben Euro für die Packung Hackfleisch oder Bratwurst. Den Kilopreis für Rindersteaks drückt Aldi gleich um mehrere Euro. Toll für den Verbraucher, könnte man auf den ersten Blick meinen. Denn die Inflation ist immer noch hoch, gerade bei Lebensmitteln, und sie wird es wohl vorerst bleiben. Insofern klingt das erst mal prima. Und genauso will der Discounter das auch kommuniziert sehen: Aldi, die Inflationsbremse.

Es wird eben doch nicht alles teuer. Ausgerechnet Fleisch, dieses aufwendig produzierte Tierprodukt, wird günstiger, dauerhaft und auf breiter Fläche. Wenn Aldi vorprescht, ziehen alle anderen in der Regel nach. Der Discounter hat eine enorme Marktmacht. Da mag in der Ukraine ein Krieg toben und ein Glied nach dem anderen in der Lieferkette gesprengt werden, daran ändert sich so schnell nichts.

Auf der anderen Seite tut sich da ausgerechnet der Lebensmittelhändler mit Kampfpreisen hervor, der sich vor einem Jahr noch damit rühmte, als erster einen "Haltungswechsel" zu vollziehen: weg vom Billigfleisch, hin zu mehr Tierwohl, besserer Qualität und Bezahlung von Landwirten. Bis 2030 wollte Aldi nur noch Frischfleisch der höchsten Haltungsstufen 3 und 4 verkaufen. Im Moment stammt allerdings das mit Abstand meiste Fleisch noch aus der Haltungsstufe 2. Und es könnte einstweilen dabei bleiben. Falls es nicht sogar zurück auf Haltungsstufe 1 geht.

"Ausgerechnet jetzt holen sie im Handel den Preisknüppel raus."

Auch deswegen ist bei den Schweinehaltern jetzt das Entsetzen groß. "Viele Bauern sind gerade eingestiegen auf höhere Haltungsstufen und haben investiert. Doch ausgerechnet jetzt holen sie im Handel den Preisknüppel raus", klagt Albert Hortmann-Scholten, Fachbereichsleiter der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Bio-Fleisch hat derzeit besonders unter der Preisentwicklung zu leiden. Verbraucher sparen aufgrund der Inflation bei Lebensmitteln, vor allem auch bei Bio. Die Bemühungen der Bauern, die Tierhaltung zu verbessern und beispielsweise die Ställe auszubauen, schlage der Handel mit dem Vorstoß in den Wind.

Die Schweinehalter befinden sich ohnehin in einer prekären Lage. Die Afrikanische Schweinepest sehen sie als ernsthafte Bedrohung. Der Schweinebestand ist auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung Deutschlands. Aufgrund einer sinkenden Nachfrage und anhaltender Überkapazitäten herrscht andauernder Preisdruck. Das Image von Schweinefleisch ist ramponiert, wie Hortmann-Scholten sagt. Viele Halter machen seit Monaten finanzielle Verluste. Einige haben schon aufgegeben, andere kämpfen ums Überleben. Der Verband der Schweinehalter wirft dem Lebensmittelhandel daher Scheinheiligkeit vor. Verbandschef Heinrich Dierkes sagt: "Der Handel will zwar mit '5xD‛ werben, also mit einer Aufzucht und Produktion in Deutschland, tatsächlich geht es ihm aber weiter ausschließlich darum, möglichst billig bei Herstellern und Erzeugern einzukaufen. Ich sehe darin eine Abkehr vom Haltungswechsel."

Auch die großen Schlachtunternehmen ächzen unter der Entwicklung. Westfleisch schrieb zuletzt rote Zahlen, Vion und Danish Crown erlitten überdurchschnittlich starke Umsatzrückgänge. Die Tönnies-Gruppe, der größte Fleischverarbeiter Deutschlands, hält sich etwas besser. Aber auch da ist das Unverständnis groß, und das ist noch gelinde ausgedrückt. "Dieser Preisdruck kommt völlig zur Unzeit", urteilt Thomas Dosch, Leiter des Berliner Büros. Niemand habe etwas gegen niedrigere Preise, vor allem in dieser Zeit. Aber die müsse der Handel aus der eigenen Gewinnmarge finanzieren. Die Mittel dazu habe er. Die enorme Preissenkung in dieser Woche werde jedoch auf dem Rücken der Lieferanten ausgetragen. Es sieht so aus, als gelte wieder das alte Möglichst-billig-Postulat, so wie vor dem Haltungswechsel, was Aldi natürlich ganz anders sieht.

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