Chemiebranche:Dax-Konzern verhandelt mit Arabern über Verkauf

Chemiebranche: Am Standort Brunsbüttel produziert Covestro unter anderem Hartschaum für die Gebäudedämmung. Nun könnte der Dax-Konzern arabische Eigentümer bekommen.

Am Standort Brunsbüttel produziert Covestro unter anderem Hartschaum für die Gebäudedämmung. Nun könnte der Dax-Konzern arabische Eigentümer bekommen.

(Foto: Covestro)

Der Kunststoffhersteller Covestro leidet unter den hohen Energiepreisen. Ein Staatsbetrieb aus den Emiraten will die Leverkusener übernehmen. Jetzt beginnt das Feilschen.

Von Björn Finke, Düsseldorf

Schaumstoffe für Autositze oder Harze für Rotorblätter von Windkraftanlagen - mit solch unterschiedlichen Produkten verdient der Leverkusener Kunststoffhersteller Covestro sein Geld. Die Aktien des Konzerns, der 2015 von Bayer abgespalten wurde, sind seit fünfeinhalb Jahren im Börsenindex Dax notiert. Doch künftig könnte die Firma mit ihren 18 000 Beschäftigten einem arabischen Öl- und Gasunternehmen gehören: Am Wochenende verkündete Covestro, "ergebnisoffene Gespräche" mit der Abu Dhabi National Oil Company (Adnoc) über einen Verkauf aufzunehmen.

Der Staatsbetrieb aus den Vereinigten Arabischen Emiraten hat schon im Frühsommer Interesse an Covestro bekundet, allerdings fanden bisher keine offiziellen Gespräche statt. Doch nach einer Aufsichtsratssitzung am Freitag bestätigte Covestro erstmals, dass die Firma aus Abu Dhabi eine Übernahme anstrebe - und dass man darüber nun verhandele. Wichtige Investoren wie Arne Rautenberg, Fondsmanager bei Union Investment, hatten zuletzt gefordert, dass sich die Covestro-Führung formellen Verhandlungen nicht länger verschließen sollte.

In Covestros Mitteilung heißt es vorsichtig, es sei "offen und wird vom Verlauf der bevorstehenden Gespräche abhängen, ob, in welcher Form und gegebenenfalls zu welchen Konditionen eine Vereinbarung zwischen den Gesprächspartnern zustande kommt". Dem Vernehmen nach bietet Adnocs Chef Sultan Ahmed Al Jaber, der zugleich Industrieminister der Emirate ist, 60 Euro je Aktie, was den Konzern mit 11,5 Milliarden Euro bewerten würde.

Am Freitag schloss die Aktie mit 51,50 Euro; sie war an dem Tag um acht Prozent gestiegen, wegen der - zutreffenden - Gerüchte über eine bevorstehende Mitteilung. In dieser erklärt der Vorstandsvorsitzende Markus Steilemann, das Interesse "an unserem Unternehmen unterstreicht unsere starke Position als einer der weltweit führenden Hersteller von hochwertigen Kunststoffen". Steilemann ist auch Präsident des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) und kritisiert regelmäßig die seiner Meinung nach zu zögerliche Wirtschaftspolitik der Bundesregierung. So fordert er vehement einen subventionierten Industriestrompreis.

Die Emirate wollen unabhängiger vom Öl werden

Covestro leidet wie andere Chemie-Firmen unter der schwachen Konjunktur und den hohen Energiepreisen. Steilemann hat daher Investitionen gekappt; der Aktienkurs fiel von 57 Euro vor Ausbruch des Ukraine-Kriegs auf 39 Euro im vorigen Juni. Die Übernahme-Spekulationen ließen die Notierung seitdem wieder steigen.

Die Krise der Branche macht für Adnoc Zukäufe billiger. Die Araber boten bereits im Mai acht Milliarden Dollar für den größten lateinamerikanischen Petrochemiekonzern Braskem aus Brasilien. Im vergangenen Jahr erwarb Adnoc ein Viertel der Anteile des österreichischen Öl- und Gasunternehmens OMV. Gerade verhandelt der Staatsbetrieb mit OMV darüber, die Chemiesparten beider Partner zu fusionieren. Mit solchen Investitionen möchte sich Adnoc unabhängiger von der Öl- und Gasförderung machen. Dabei ist ein Einstieg in die Chemiebranche naheliegend, weil diese Industrie Öl und Gas verarbeitet - die Araber kontrollieren dann weitere Glieder der Wertschöpfungskette.

In einigen Jahren werden Chemiekonzerne wie Covestro allerdings anstelle von Erdgas klimafreundlich erzeugten - sogenannten grünen - Wasserstoff verarbeiten. Der Abschied vom Erdgas ist nötig, um Europas ehrgeizige Klimaschutzziele zu erreichen. Auch das passt zu Adnocs Strategie, denn die Emirate und damit der Staatskonzern wollen zu einem wichtigen Anbieter grünen Wasserstoffs werden. Für dessen Produktion ist viel Ökostrom nötig, und an Sonne mangelt es wahrlich nicht in Adnocs Heimat.

Ein Deutscher fahndet nach Firmen

Der Staatsbetrieb hat ein 50 Personen starkes Team von Übernahmespezialisten angeheuert, um interessante Firmen zu finden und zu kaufen. Geführt wird es vom Deutschen Klaus Fröhlich, der lange bei der US-Bank Morgan Stanley gearbeitet hat. Covestro wird also sicher nicht der letzte Konzern sein, der ins Visier der Araber gerät.

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