Umweltbildung in der Schule:Lernen zu handeln

Umweltbildung in der Schule: Die Summe vieler kleiner Maßnahmen zählt für die Klimaschützer des Camerloher Gymnasiums. Sie achten zum Beispiel auf Mülltrennung und spüren Energiefresser auf.

Die Summe vieler kleiner Maßnahmen zählt für die Klimaschützer des Camerloher Gymnasiums. Sie achten zum Beispiel auf Mülltrennung und spüren Energiefresser auf.

(Foto: Marco Einfeldt)

Viele Schülerinnen und Schüler engagieren sich bereits für Nachhaltigkeit. Ziel der Politik ist, dass es noch mehr werden. Welche Anreize Programme wie "Klimaschule Bayern" oder "Verbraucherschule" bieten.

Von Stephanie Schmidt

"Oh, wie lecker!" Reflexartig griff Paula Bäuerle früher zu, wenn ihr jemand einen Schokoriegel anbot. Inzwischen zögert sie lieber. Und stellt erst mal ein paar Fragen: Wurde die Schokolade umweltschonend produziert? Wie viel und welche Art von Zucker enthält sie? Wurden die Kakaobauern anständig bezahlt? Welches Gütesiegel hat das Produkt? Seit vier Jahren ist die 16-jährige Schokoladen-Expertin: Sie hält an ihrer Schule, die 900 Kinder und Jugendliche besuchen, Vorträge über klimafreundliche Schokolade. "Ich achte inzwischen voll darauf, dass ich nachhaltige Schokolade esse", sagt Paula Bäuerle. Sie ist Mitglied des Arbeitskreises Fair Trade am Camerloher Gymnasium der Stadt Freising bei München. Der Arbeitskreis wirbt mit zahlreichen Aktivitäten für gerechten Handel, er organisiert unter anderem grüne Modenschauen oder eine Kochaktion, bei der Gymnasiasten gemeinsam ein vegetarisches Menü zubereiten.

Dass die jungen Menschen selbst aktiv werden und dass nachhaltiges Handeln für sie idealerweise selbstverständlich wird, ist ein Kerngedanke des globalen pädagogischen Konzepts Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Die Schulen haben hierzulande viele Freiheiten, wie sie Klimaschutz-Themen umsetzen. Damit es nicht bei einer einzigen Müllsammelaktion oder einem Projekttag zum Schutz des Regenwaldes bleibt, haben einige Bundesländer ausgeklügelte Programme entwickelt, die Schülern und Lehrern besondere Anreize geben, sich zu engagieren: Das Camerloher Gymnasium trägt den offiziellen Titel "Klimaschule Bayern 2o23". Es ist eine von 51 Schulen, die in diesem Jahr die mit einem Preisgeld von bis zu 1500 Euro verbundene Auszeichnung erhalten haben. An dem Programm können öffentliche Schulen ebenso teilnehmen wie Privatschulen.

Jede Schule muss einen gut durchdachten Klimaplan beim Ministerium einreichen

Seit seinem Start im Jahr 2022 sind mehr als 70 bayerische Schulen zur "Klimaschule" gekürt worden. Dem ging ein aufwendiger Zertifizierungsprozess voraus. Eine Fachjury prüft, ob das weite Feld Nachhaltigkeit wirklich umfassend beackert wurde und wird. So bilden die Aktionen des Arbeitskreises Fair Trade, der schon seit mehr als zehn Jahren existiert, zwar eine wichtige, aber eben nur eine von vielen Säulen des Klimaschutzkonzepts, das das Camerloher Gymnasium beim Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus einreichte.

In acht Etappen - dafür hat das Ministerium einen Leitfaden erstellt - gestalten Lehrer und Schüler gemeinsam den Weg zur Klimaschule und engagieren sich dafür auch in ihrer Freizeit: Sie machen Umfragen und Messungen, um Energiefresser aufzuspüren, organisieren Infoveranstaltungen, sammeln die besten Ideen für ein nachhaltiges Leben und ermitteln den CO₂-Fußabdruck ihrer Schule. Der bildet die Basis für den ausgeklügelten Klimaschutzplan, den jede Schule beim Ministerium einreichen muss. "Darin stehen die Ziele, die wir schon erreicht haben, die wir aktuell umsetzen und die wir noch für die Zukunft vorhaben", erklärt Andreas Decker, Oberstudienrat und Umweltbeauftragter des Camerloher Gymnasiums.

Bei Decker laufen alle Fäden für das Klimakonzept der Schule zusammen. Seit Kurzem wird der Müll an der Schule sauber getrennt - Restmüll, Papier, Plastik und Biomüll. Welche Klasse sich wann um die fachgerechte Entsorgung kümmert, regelt ein Zeitplan. Derzeit sind die Schüler dabei, die Temperatur in den Klassenräumen zu messen und mit den im Sommer ermittelten Werten zu vergleichen. Braucht es eine bessere Dämmung? Das wird entschieden, wenn alle Ergebnisse da sind. "Nächstes Jahr wollen wir einen fleischlosen Tag in der Mensa einführen und uns darum kümmern, dass noch mehr regionale Produkte für unser Essen verwendet werden", sagt Anne Graf. Die 17-jährige Gymnasiastin ist Mitglied des Projektseminars "Klimaschule" in der Oberstufe und betreut das Thema Ernährung. "Ich habe mir auch vorgenommen, unseren Köchen gesunde, vegetarische Rezepte vorzuschlagen." Es ist die Summe vieler kleiner Maßnahmen, die eine Klimaschule zum großen Vorbild machen.

Umweltbildung in der Schule: Lernen am Hochbeet: Selbst anzupflanzen, soll Schüler für Umweltbelange sensibilisieren.

Lernen am Hochbeet: Selbst anzupflanzen, soll Schüler für Umweltbelange sensibilisieren.

(Foto: Marco Einfeldt)

Seit diesem Schuljahr hat das Kultusministerium in Bayern ein "Beratungsnetzwerk BNE" eingerichtet, das Schulen beim Zertifizierungsprozess betreuen soll. "Wir müssen heute aktiv werden und den Klimawandel bekämpfen - und nicht morgen oder übermorgen. Daher wollen wir die jungen Menschen sehr früh nicht nur sensibilisieren, sondern sie mit Handlungskompetenz beim Klimaschutz ausstatten", formuliert die bayerische Kultusministerin Anna Stolz zentrale Ziele des Programms "Klimaschule Bayern". Sie strebt an, "dass wir mindestens 300 Klimaschulen bis 2025 in Bayern haben". Das Programm solle Lehrer und Schüler auch dazu motivieren, Freunde oder Familienmitglieder darin zu unterstützen, einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, betont die Ministerin. Paula Bäuerle vom Camerloher Gymnasium ist mit Begeisterung als Multiplikatorin im Einsatz. "Ich finde es super, dass ich schon meinen Bruder und meine Eltern davon überzeugen konnte, Fair-Trade-Schokolade zu kaufen", berichtet die Gymnasiastin.

Klimabotschafter bringen Innovationen von der Berufsschule in die Betriebe

Die Auszeichnung gibt es in Bronze, Silber und Gold. Um die höchste Qualifikationsstufe zu erreichen, muss eine Schule sich in allen acht vorgegebenen Handlungsfeldern engagieren: Abfall, Einkauf, Ernährung, Kommunikation & Vernetzung, Mobilität, Strom, Wärme, Kompensation & Kohlenstoffbindung. Und sie muss zeigen, auf welche Art sie den Weg zur Klimaneutralität schaffen kann.

Ein Leuchtturm unter den Klimaschulen ist die Staatliche Berufsschule Mindelheim. Weil sie eine der wenigen Berufsschulen ist, die bislang am Programm teilnehmen, und weil sie den "Gold-Status" hat. Entsprechend groß ist die Vielfalt der Nachhaltigkeitsprojekte, die die Schule mit 2200 Schülern an ihren Standorten Mindelheim, Memmingen und Bad Wörishofen realisiert hat. "Wir streben bis 2030 Klimaneutralität an", sagt Schulleiter Gottfried Göppel. Dafür seien mithilfe der finanziellen Unterstützung des Landkreises Unterallgäu Solarmodule auf allen Dächern der Schulgebäude installiert worden. Im Bereich Mobilität setzt man unter anderem auf Fahrgemeinschaften, Ladeinfrastruktur für E-Autos und einen Solar-Carport.

Gemeinsam mit Lehrkräften haben Berufsschülerinnen und -schüler sogenannte Lern-Snacks entwickelt - Wissen in kleinen Portionen, das online vermittelt wird. Darin geht es zum Beispiel um die Verschwendung von Lebensmitteln oder Grüne Apps. Und wer weiß schon ganz genau, was alles zu einem CO₂-Fußabdruck gehört? Die Schule bietet auch eine berufliche Zusatzausbildung zum Nachhaltigkeitsbeauftragten an. Bei einem Vertical-Farming-Projekt produzieren die Schüler Gemüse in einem Container mit Photovoltaik-Dach. Das Projekt will die Berufsschule Mindelheim demnächst in eine Schule nach Uganda bringen.

"Das Wichtigste ist, dass möglichst viel praxisnahes Wissen zum Thema Nachhaltigkeit bei den Schülern ankommt", sagt Schulleiter Gottfried Göppel, der selbst aus der Praxis kommt und einige Jahre als Maurer am Bau tätig war. Wie auch am Camerloher Gymnasium sind an seiner Berufsschule Klimabotschafter im Einsatz. "Bei uns bauen die Klimabotschafter Brücken zu den 800 Betrieben, mit denen wir zusammenarbeiten, und geben dort Impulse", erklärt Göppel. "Schließlich müssen die Betriebe ja auch die Energiewende schaffen!"

Das Camerloher Gymnasium hat die Kategorie Silber, verrät ein Schild am Eingang des Hauptgebäudes. "Dafür muss man in mindestens fünf der acht Handlungsfelder aktiv sein", erklärt Decker. Für das Jahr 2021 haben die Gymnasiasten eine Emission von insgesamt 784,4 Tonnen CO₂ ermittelt. "Das ist für eine Schule unserer Größenordnung vergleichsweise viel, und wir wollen das deutlich reduzieren", beschreibt der Pädagoge ein wichtiges Ziel. Die Schule habe konkrete Pläne für Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern ausgearbeitet, doch da fehle noch die Unterstützung vonseiten der Politiker. Als Umweltbeauftragter nimmt Andreas Decker an überregionalen Netzwerktreffen teil; auch in Sachsen und Hamburg gibt es Klimaschul-Programme - und darüber hinaus individuelle lokale und bundesweite Initiativen.

Zum Programm "Verbraucherschule" gehören auch Themen wie Medienkonsum

Bereits zum achten Mal hat in diesem Jahr der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) Schulen den Titel "Verbraucherschule" verliehen, der für zwei Jahre gilt. Bewerben können sich alle allgemein- und berufsbildenden Schulen in Deutschland. Das Programm ist ähnlich strukturiert wie "Klimaschule Bayern", fokussiert aber auf ein noch größeres Themenspektrum. Nachhaltigkeit gehört dazu, aber unter anderem auch Datensicherheit, Medienkonsum oder der bewusste Umgang mit Geld. "Klimaschutz fließt in sehr viele unserer Themen mit ein, auch bei der Ernährung oder bei grünen Kapitalanlagen zum Beispiel", sagt Anne de Vries. Sie ist Referentin für Verbraucherbildung beim VZBV und betreut das Programm.

"Unser Motto ist: Jeder kann einen kleinen Beitrag leisten, dann können wir gemeinsam viel erreichen", sagt Heidemarianne Henß, Schulleiterin der Grundschule Pye in Niedersachsen, die in diesem Jahr zum dritten Mal als Verbraucherschule der Kategorie Gold zertifiziert wurde und deren Schüler sich besonders um Klimaschutz bemühen. Sie stellen selbst Recycling-Papier her, bepflanzen Hochbeete, besuchen Wochenmärkte, dokumentieren, wie oft sie zu Fuß oder mit dem Rad in die Schule kommen. Einige von ihnen sind als Energiebeauftragte im Einsatz, die nach Wärmeverlusten fahnden. "Zu uns kommt ein professioneller Energieberater ins Haus, der die Kinder schult", sagt Henß. Viele Umweltthemen könne man bereits den Jüngsten näherbringen: "Wir sensibilisieren schon die Erstklässler dafür, warum es sinnvoll ist, einen Apfel aus der Region oder einen Bioapfel zu essen."

Was für einen Effekt haben Programme dieser Art, die mit einem Festakt verbunden sind? "Die Schulen gehen dann noch stärker an die Umweltschutz-Themen ran", sagt Anne de Vries. Andreas Decker vom Camerloher Gymnasium bestätigt das. Angesichts der Unsicherheiten in Bezug auf die Photovoltaik-Anlage beschäftigt es ihn momentan stark, wie man CO₂-Emissionen kompensieren kann. So plant die Schule im Jahr 2024 eine größere Baumpflanzaktion. "Wir überlegen auch, ob wir einen Spendenlauf zugunsten eines sozialen Projekts veranstalten. Der würde uns als Klimaschule voranbringen." Und muss es unbedingt eine Fahrt ins Skilager sein? Auch darüber denkt er nach. Eine Wintersportwoche mit umweltfreundlicheren Aktivitäten wie Schneeschuhgehen könnte doch genauso schön sein.

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