Mode:Sie wollen Gleichberechtigung - auch wenn Frauen dem Club nicht beitreten dürfen

"Dabei geht es uns nicht primär um die Klamotten", fügt er hinzu, "die Begeisterung für Mode verbindet zwar die Herren, aber sie ist nur Mittel zum Zweck." Sie verschafft Aufmerksamkeit, aber Gentleman zu sein, ist für ihn eine Lebenseinstellung. Sie setzen sich ein für respektvollen Umgang miteinander, für die Gleichberechtigung von Frauen - auch wenn die dem Klub nicht beitreten dürfen. Aber sie bieten ihnen die Möglichkeit, Projekte zu präsentieren, nutzen ihre Bekanntheit, um sie zu unterstützen. Religion und Politik bleiben außen vor bei den Treffen, anders als in den englischen Vorbildern des Klubs.

Und anders als die Dandys vertreiben sich die Gentlemen in Erbil die Tage nicht mit demonstrativ zur Schau gestelltem Müßiggang. Sie wollen positive Entwicklungen anstoßen in Kurdistan, sagt Nauzad, denn "hier ist nicht viel los". Der Krieg hat den Boom gestoppt. Die Regionalregierung streitet mit Bagdad um Öleinnahmen und hat seit Monaten keine Gehälter mehr gezahlt, unternehmerische Initiative ist nicht weit verbreitet. Sie lassen ihre Anzüge von lokalen Schneidern nach Maß anfertigen, "die Stoffe müssen wir leider importieren", sagt Nauzad. Aber sie hoffen, ein Geschäft aus ihrer Vorliebe zu machen und damit Arbeitsplätze zu schaffen.

Der Traum: Lokale Produkte aus Kurdistan für Luxuskunden im Westen

Eine eigene Modelinie, davon träumen sie. Ein Anfang ist gemacht mit Rishn, auf Kurdisch "der Bärtige", einer kleinen Firma, über die sie Bartöl, Kämme, Bürsten und Pflegesets verkaufen, hergestellt in Kurdistan. Neben Erbil und Sulaimaniyya haben sie in Amsterdam einen Vertrieb, wollen expandieren. Die Krawatte um Ahmed Nauzads Hals soll der nächste Schritt sein. Sie ist aus Ziegenhaar, alles Handarbeit und ökologisch korrekt. Die Tiere werden im Sommer in den Bergen geschoren, die Stoffe traditionell für wertvolle Festgewänder verwendet. Fühlt sich an wie Leinen, ist von der Struktur aber viel feiner, hochwertiger. Lokale Produkte aus Kurdistan für Luxuskunden im Westen, das ist die Idee.

Sie wollen professioneller werden und hoffen, dass ihnen das anhaltende Interesse der Öffentlichkeit hilft. "Wir haben unsere Ausbildung von Youtube", sagt Ahmed Nauzad, die Schnitte für die Anzüge, alles haben sie sich selbst beigebracht. Ein Design-Workshop auf der Fashion Week in Berlin, das wäre es; ein Seminar zu Etikette in einem Klub in England, etwas in der Art. Und vertrauenswürdige Partner finden.

In Erbil könnte dann irgendwann ein Klubhaus entstehen. Mit Dresscode natürlich, Ledermöbel, Zigarren-Lounge und Coffeebar. "Und mit einem Barbier, aber nur mit einem Stuhl", sagt Ahmed Nauzad. Der Klub soll ja exklusiv bleiben. "Die meisten Anfragen nach einer Mitgliedschaft müssen wir ablehnen", sagt Nauzad. Mehr als 300 waren es schon. "Für uns zählt, dass sich unsere Mitglieder jederzeit als Gentlemen verhalten", sagt er. Keine Frage also, wer am Ende des Gesprächs den Kaffee bezahlt und den Gast zum Hotel geleitet.

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