Fußball-WM:Gegen die bösen Geister von 2017

Italien zittert gegen Schweiz um WM-Quali

Auftrag von nationaler Tragweite: Für Italiens Trainer Roberto Mancini ist im Kampf um die WM 2022 kein Scheitern erlaubt.

(Foto: Riccardo Antimiani/dpa)

Schon wieder dräut die Apokalypse: Europameister Italien erinnert sich vor dem Schicksalsspiel in der WM-Qualifikationsgruppe C gegen die Schweiz an das Unheil vor vier Jahren.

Von Oliver Meiler, Rom

Mit Schlagwörtern ist es so eine Sache, gerade mit biblischen, sie nützen sich schnell ab. Apokalypse ist so ein Wort, eigentlich ist es ja überhaupt nur einmal möglich, doch es kehrt immer wieder zurück. Gerade schleicht das große Wort als Unheilszenario durch Italien: "Machen wir uns nichts vor", schreibt die Gazzetta dello Sport in einer halsbrecherischen Überhöhung, "wenn wir uns nicht für Katar qualifizieren, wäre das der Weltuntergang - klar, nur ein fußballerischer, aber eben doch eine Apokalypse." Der Begriff, und so viel Etymologie muss schon sein vor dem ersten Schicksalsspiel in diesem Zusammenhang am Freitagabend in Rom gegen die Schweiz, hat eine Vorgeschichte.

Vier Jahre ist es her, November 2017, da mussten die Azzurri in ein Playoff, als letzte Hoffnung für die Teilnahme an der WM 2018 in Russland. Damals ging es gegen Schweden, Hinspiel im Norden und Rückspiel in Mailand. Italien scheiterte eklatant, seelenlos und fast ohne Spiel, und verpasste erstmals wieder nach 60 Jahren eine Fußball-Weltmeisterschaft. "Apocalisse", schrieben die Zeitungen, es war, als verschwinde der Calcio in einem Loch, aus dem er erst nach Generationen wieder aufsteigen würde. Auferstehen, natürlich.

Nun, es ging bekanntlich viel schneller. Der vergangene Sommer, ein Sommer voller Zaubernächte, voller Notti magiche eben, brachte eine spektakuläre, irgendwie sympathische Selbstrehabilitierung und den Europameistertitel dazu. Aber das war gestern, schon ein bisschen vergilbt.

Zwei Endrunden ohne Italien? Die Welt wäre nicht mehr dieselbe

Die Ausgangslage sieht nun so aus: Italien und die Schweiz stehen mit je 14 Punkten an der Spitze der Qualifikationsgruppe C, die Italiener haben ein minimal besseres Torverhältnis. Gewinnt Italien den Showdown, braucht es im letzten Gruppenspiel am Montag in Belfast gegen Nordirland nur ein Unentschieden, um sich doch noch direkt für Katar 2022 zu qualifizieren. Gewinnt die Schweiz, die danach zeitgleich noch daheim gegen Bulgarien spielt, ist es umgekehrt. Oder anders: Wer das Duell im Olimpico verliert, muss fast sicher im März in die Barrage mit den besten Gruppenzweiten - und was dort dann dräut, ach, man mag es sich gar nicht ausmalen. Ein Drama wäre das, wenigstens für die Italiener, ein Abtauchen in schwedische Reminiszenzen. Zwei WM-Turniere nacheinander ohne Italien? Unvorstellbar, die Welt wäre nicht mehr dieselbe, mindestens.

Darum ist dies am Freitagabend im römischen Olympiastadion nun also ein Schicksalsspiel. Trainer Roberto Mancini, der Commissario tecnico, nennt das Schweiz-Duell "das Spiel des Jahres", was doch einigermaßen erstaunlich ist bei allen Spielen, die da waren in diesem Jahr, zum Beispiel das EM-Finale im Wembley. Mancini, seit dem Titelgewinn so etwas wie der Wiedergeburtshelfer des italienischen Fußballs, versucht aber auch, jene Atmosphäre zurückzuholen, die den Sommer der Italiener so luftig und wohlig umweht hatte, diese scheinbare Unbekümmertheit nach all dem Leid der Pandemie: "Wir werden ein großes Spiel machen", kündigt er an, "und wir werden dabei Spaß haben."

Gegen keinen Gegner hat Italien in der Geschichte öfter gespielt als gegen den Nachbarn Schweiz: 60 Mal insgesamt, und es fiel den Azzurri selten leicht, die Schweizer zu schlagen. Auf 29 Siege kommen bisher 23 Unentschieden und acht Niederlagen. "Historisch gesehen haben wir unsere Schwierigkeiten mit der Schweiz", sagt auch Mancini. Diesmal aber habe man vor, eine "grandissima partita" aufzuführen, ein großartiges Spiel. Als Mancini die Nationalmannschaft übernommen hatte, nach dem Weltuntergang vor vier Jahren, stand Italien im Ranking des Weltverbands auf dem 21. Platz. Nun, nach einer kürzlich beendeten Rekordserie von 37 Spielen ohne Niederlage, ist man die Nummer 4 der Welt. "Gemach, wir sind Italien", sagt Mancini.

Paolo Rossi und die Frage: Gibt es keinen mehr mit dem Torinstinkt eines Trüffelschweins?

Das Stadion wird voll sein, oder eben so voll, wie es die italienische Regierung coronabedingt zulässt: zu drei Vierteln, 52 000 Zuschauer. Es gab viele Sorgen um den Rasen in Rom, der war schon in den vergangenen Monaten eine mittelprächtige Bolzwiese - so sehr, dass Roma und Lazio, die beiden Vereine der Stadt, auch mal ihre technischen Unzulänglichkeiten dem schändlichen Grün anlasten durften. Am Wochenende waren dann auch noch die All Blacks zu Gast und zu Gange, und so ein Rugbyspiel zwischen Italien und Neuseeland ist natürlich auch nicht eben Ballett. Sie pflügten die Wiese um. Übrigens gibt es gerade Überlegungen, das Olimpico nach dem neulich verstorbenen Paolo "Pablito" Rossi zu benennen, dem Helden der WM in Spanien 1982. Dieser Rossi war ein Neuner, wie er im Buche steht, auch wenn er die 20 trug, ein Mittelstürmer mit dem Torinstinkt eines Trüffelschweins. Er stand immer da, wo der Ball erst hinkommen sollte, immer einen Fuß voraus, ein Knie, einen Oberschenkel, manchmal auch einen Kopf.

So ein Neuner wäre jetzt ganz praktisch, doch Italien hat seit ein paar Jahren ein Dauerproblem auf dieser Position. Mancini hat schon 13 Mittelstürmer ausprobiert, da waren auch Namen dabei, die selbst in Italien kaum jemand kannte. Die besten Neuner im Land wären Ciro Immobile, 31, von Lazio, auch schon mal Europas bester Torschütze, und Andrea Belotti vom FC Turin. Doch die beiden versagen oft, wenn sie für Italien spielen. Immobile, schon wieder ganz oben auf der Torschützenliste der Serie A, war eigentlich gesetzt für die Begegnung gegen die Schweiz, reiste nach Coverciano ins Trainingszentrum der Nationalelf, fällt nun aber doch aus - offenbar ein Problem am Schollenmuskel einer Wade. Heißt es.

Für den Corriere dello Sport ist Immobiles Leiden halb physisch, halb psychisch. Er wird im Volk und in den Medien hart kritisiert dafür, dass er seine grandiosen Leistungen im Klub nicht auch auf die Nationalmannschaft übertragen kann, und zuweilen hört es sich so an, als komme er sich jeweils absichtlich abhanden. "Mit Kritik kann ich leben", sagte Immobile, als er Coverciano Mitte der Woche verließ, "Boshaftigkeit aber schmerzt mich. Es gab einen Moment, da kam es mir so vor, als gehörte ich gar nicht zu den 26, die die Europameisterschaft gewonnen haben."

Mancini wird nun wahrscheinlich im Sturm auf einen "leichten Dreizack" umstellen, also einen mit falschem Neuner: Lorenzo Insigne zwischen den Flügelspielern Federico Chiesa und Domenico "Mimmo" Berardi. Als Alternative zu Insigne stünde für die Rolle Federico Bernardeschi von Juventus Turin bereit. Oder läuft am Ende doch Belotti auf? Er wäre eine gewagte Wahl, denn der "Hahn", wie Belotti wegen seines auffälligen Torjubels genannt wird, hat in dieser Saison noch kaum gespielt. In der Abwehr fehlt zudem Giorgio Chiellini, 37, der Captain des Teams, und im Mittelfeld Marco Verratti, das kreative Hirn.

Für Verratti wird Manuel Locatelli spielen, und da sind wir wieder bei den Zaubernächten: Rom, 16. Juni 2021, EM-Gruppenspiel Italien gegen die Schweiz. Es war so leicht wie selten, 3:0. Zwei Tore schoss Locatelli, das erste noch schöner als das zweite. Es war das Spiel seines Lebens, aus dem Nichts. Bei solchen Mittelfeldspielern braucht man keine Neuner, eigentlich.

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