Trikot von Tromsø IL:Katar-Kritik per QR-Code

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Protest aus Tromsø: Die Klubverantwortlichen Øyvind Alapnes und Tom Høgli mit dem neuen Trikot des Vereins IL.

(Foto: William Johan Frantzen/oh)

Laut Amnesty International ist die Menschenrechtslage im WM-Gastgeberland weiterhin fatal. Jetzt positioniert sich ein norwegischer Klub auf kreative Weise - es ist nicht das erste Zeichen von Haltung vom Nordkap.

Von Jonas Beckenkamp

Mitte dieser Woche waren es wieder geschmeidige minus 13 Grad in Tromsø, da könnte einem als Normaleuropäer ganz schön eiszapfig werden. Doch in der Stadt im Norden Norwegens trotzen sie den Temperaturen seit jeher - und Fußball gibt es zumindest noch an diesem Wochenende. Tromsø IL bestreitet sein letztes Saisonspiel in der Eliteserien, Schlagzeilen macht der Aufsteiger aber ohnehin in anderer Hinsicht.

In Tromsø beweisen sie nämlich Weitblick und beschäftigen sich mit wärmeren Gefilden. Die Klubverantwortlichen haben medienwirksam ein paar Grüße Richtung Katar geschickt. In der Lokalzeitung iTromsø heißt es: "Der Kostüm-Stunt geht um die Welt". Und diesen Stunt verantwortet Vereinsboss Øyvind Alapnes, der sich sicher ist: "Fifa und Katar haben Alarm geschlagen."

Das mag übertrieben sein, aber ein Zeichen ist das neu designte Trikot des Klubs allemal. Mit diesem weisen die Norweger auf die widrige Menschenrechtslage im WM-Gastgeberland hin. Erst kürzlich hatte Amnesty International in einem Bericht festgestellt, dass im Wüstenstaat weiterhin "Ausbeutung in massivem Ausmaß" stattfindet - und die Arbeitsbedingungen auf WM-Baustellen sich wieder verschlechtert haben.

Besonders hübsch ist die Sportkleidung des selbsternannten "nördlichsten Profiklubs der Welt" nicht, dafür vermittelt sie eine klare Haltung, denn: Ein überdimensionaler QR-Code ziert künftig Brust und Ärmel der TIL-Fußballer. Wer ihn mit dem Smartphone abscannt, landet auf einer Webseite mit Infos zur Situation im Ausrichterland der WM 2022.

"Wir können nicht so tun, als hätten Fußball und Politik nichts miteinander zu tun", erklärt der Verein - und untermauert seine Aktion mit einer Forderung: "Wir dürfen niemals wegschauen, wenn jemand unser wunderbares Spiel dazu benutzt, um die Verletzung von Menschenrechten zu kaschieren." Seine Premiere im laufenden Betrieb feiert das rot-hellblau getupfte Leibchen nun gegen den Tabellendritten Viking Stavanger.

Angeschoben hatte die Kampagne nicht nur Amnesty, sondern auch ein Mann namens Malcolm Bidali, 28 Jahre alt. Der Kenianer, ein Aktivist und Blogger, schuftete selbst in Katar auf WM-Baustellen. Weil er auf die Missstände dort hingewiesen hatte, sei er entführt und einen Monat lang festgehalten worden, berichtete er. Jetzt half er mit, das Trikot von Tromsø IL zu gestalten, und sagt: "Das ist eine innovative Art, um das Thema auch jenen näherzubringen, die bisher nichts davon wissen."

Dass der Protest ausgerechnet in Tromsø seinen Ursprung findet, kommt übrigens gar nicht so überraschend. Interessanterweise entwickelt sich die Stadt nahe dem Nordkap immer mehr zu einer Art Keimzelle der Katar-Grundsatzkritik.

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Malcolm Bidali arbeitete in Katar - und wurde für seine Kritik eingesperrt.

(Foto: William Johan Frantzen/oh)

Erst im März dieses Jahres entsprang in Tromsø auch jene Boykottbewegung, die letztlich sogar Norwegens Nationalmannschaft erreichte. Ein möglicher WM-Verzicht stand im Raum, scheiterte jedoch im Sommer bei einem Verbandstag - am Ende verpassten die Norweger um BVB-Stürmer Erling Haaland die Qualifikation ohnehin. Es waren auch schon Norweger direkt betroffen: Erst vor zwei Wochen waren zwei Journalisten aus dem Land festgenommen worden, nachdem sie über Zustände in katarischen Lagern für Arbeitsmigranten berichtet hatten.

Doch auch ohne Norweger in Katar sollte die Debatte um die WM nicht verstummen, findet Tromsøs Klubboss Alapnes: "Wir sollten uns fragen, wie viele Menschen noch sterben müssen, bevor wir willens sind, den Erfolg zu opfern." Anders als etwa der FC Bayern, der durch Annäherung (und Sponsoring) sanfte Politik zu machen versucht, betrachtet Alapnes die Strategie des Dialogs als gescheitert. Sie habe "null Effekt", für echte Veränderungen brauche es internationalen Druck. Und der erreicht Katar nun von ganz oben - zumindest geografisch.

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