Menschenrechte und WM 2022:In Katar gibt es "Ausbeutung in massivem Ausmaß"

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Fifa-Boss Gianni Infantino bei einem Besuch in Katar im Jahr 2016

Gianni Infantino bei einem Besuch in Katar im Jahr 2016 - seitdem will der Fifa-Boss "Fortschritte" in Sachen Menschenrechte gesehen haben.

(Foto: Karim Jaafar/AFP)

Der WM-Ausrichter und die Vertreter des Fußballs betonen gerne, dass es in Sachen Arbeiterrechte in Katar vorangeht. Dem widerspricht nun der neueste Report von Amnesty International.

Von Johannes Aumüller

Ein kleiner Rundblick zur Frage, was der Fußball zuletzt so zur Menschenrechtslage in Katar mitteilte. Gianni Infantino, der Präsident des Weltverbandes Fifa, erklärt ausdauernd, es gebe bei dem Thema "Fortschritte". Für den FC Bayern teilte der kürzlich ausgeschiedene Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge mit, Katar sei "schon ein ganzes Stück nach vorn gekommen". Und die Haltung des Deutschen Fußball-Bundes dokumentiert sich zum Beispiel in einem Beitrag von Interimschef Peter Peters im Hessischen Rundfunk: "Die Dinge müssen sich ändern, und sie ändern sich", und gerne führe man dann die Diskussion, ob sich genügend ändert.

Es geht jedenfalls was voran, das ist der Tenor des Fußballs im Jahr vor der aus vielerlei Gründen umstrittenen WM in dem Wüstenstaat. Wie unangenehm für den Fußball, dass die Analysen von Menschenrechtlern ganz anders ausfallen.

Amnesty International hat gerade den neuesten "Reality Check" zur Lage der Arbeitsmigranten im Emirat fertiggestellt, und die Kernerkenntnis des Reports ist frappierend: Man komme zu dem Schluss, dass "Fortschritte 2021 stagnierten und alte missbräuchliche Praktiken sogar wiederaufgetaucht sind", heißt es. Das umstrittene und angeblich abgebaute Kafala-System würde gestärkt, die "Ausbeutung in massivem Ausmaß" ginge weiter. Deswegen gebe es die klare Forderung an die katarische Regierung und die Fifa, bald zu handeln.

Das ist eine bemerkenswerte Einschätzung. Seit der skandalumtosten Vergabe des Turniers im Dezember 2010 gab es unzählige Reports, Dokumentationen und Appelle zur Lage der Arbeiter, und in den vergangenen Jahren hatte auch manch kritischer Beobachter Anlass für vorsichtigen Optimismus gesehen. Das galt insbesondere, seitdem Katar 2017 ein Abkommen mit der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) abgeschlossen hat. Es gebe Reformen, die aber unzureichend umgesetzt würden, war die häufig geäußerte Lesart. Die Vertreter des Emirates verweisen bei Kritik traditionell darauf, dass man "neue Maßstäbe für die Region" setze und "das Leben von Millionen Menschen" verbessere.

Die Einschätzung von Amnesty fußt insbesondere auf vier Entwicklungen

Doch dass Amnesty nun nach der Auswertung der neuesten Entwicklungen, Gesprächen mit Betroffenen und einer Inspektionsreise nach Katar im Oktober sogar von Stagnation und der Rückkehr missbräuchlicher Praktiken spricht, müsste die Debatte noch einmal neu befeuern. Die Einschätzung fußt dabei insbesondere auf vier Entwicklungen.

So seien zwar die beiden Hauptkritikpunkte am Kafala-System in der Theorie umgesetzt worden, nämlich die Möglichkeiten, frei auszureisen und den Job wechseln zu können. Doch gerade beim Jobwechsel sähe es faktisch anders aus. Dafür braucht es eine Unbedenklichkeitsbescheinigung, und dafür wiederum verlangten Arbeitgeber teilweise eine Gebühr von mehreren Tausend Dollar, also dem Vielfachen des üblichen Lohnes; die juristischen Möglichkeiten, dagegen vorzugehen, seien eingeschränkt.

Auch das Thema Entlohnung gestaltet sich demnach sehr schwierig. Zwar gibt es inzwischen einen Mindestlohn (in Höhe von 230 Euro monatlich), aber nach den Erkenntnissen vom Amnesty kommt es weiter zu Lohndiebstahl. Die Arbeiter hätten es auch hier schwer, dagegen vorzugehen, und es gebe zu wenig Unterstützung. Zudem fehle es weiterhin am zugesicherten Recht, sich gewerkschaftlich organisieren zu können. Und schließlich gibt es weiterhin keine fundierte Aufklärung über die Ursachen für die vielen Todesfälle auf den WM-Baustellen.

Die Fifa und die nationalen Verbände, so die Forderung von Amnesty, sollen sich nun klarer positionieren. Die Frage ist nur, in was es münden soll, falls die Entwicklung weiter unbefriedigend ist. Amnesty ist nicht für einen Boykott. Allerdings raubt die Organisation dem Fußball ein Argument. Denn die Organisation betont, dass sie sich auch nicht gegen einen Boykott ausspreche - anders, als es Vertreter des Fußballs gerne als Argument aufführen. Die Boykott-Frage sei einfach nicht ihr Thema.

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