Katar:Die offene moralische Flanke des FC Bayern

13.06.2020, FC Bayern Muenchen - Borussia Moenchengladbach 13.06.2020, Fussball 1. Bundesliga 2019/2020, 32. Spieltag, F; Qatar

Die staatliche Fluglinie sponsert den FC Bayern seit 2018.

(Foto: Bernd Feil/M.i.S./Pool; imago)

Vor der Jahreshauptversammlung geht ein Antrag ein, das Sponsoring mit Qatar Airways zu beenden. Der Verein sollte den Antrag zur Abstimmung stellen - um in dieser Frage nicht gegen den Willen der Mitglieder zu handeln.

Kommentar von Martin Schneider

Im Februar veröffentlichte der FC Bayern ein Werbevideo, das einen ureigenen Zweck von Werbevideos erfüllte: Es erzeugte Aufmerksamkeit. Man sah in dem Film die Spieler Joshua Kimmich, Alphonso Davies und Leroy Sané, wie sie Zeilen des bekannten Liedes "Ain't no sunshine" von Bill Withers in einer leeren Arena zitieren. Die Botschaft sollte zu Geisterspielzeiten sein: Wir vermissen unsere Fans.

Weil aber in dem Video sehr prominent das Logo der staatlichen Fluglinie Qatar Airways zu sehen war und weil die ebenfalls mit Katar verbundenen Klubs Paris Saint-Germain und AS Rom ein im Stil absolut gleiches Video veröffentlichten, fühlten sich viele Fans nicht emotional angesprochen - sondern für Werbung missbraucht. Werbung für Katar. Mittlerweile ist das Video gelöscht.

Das Thema lässt den FC Bayern nicht los, es ist und bleibt eine große, offene Flanke im moralischen Wertekonstrukt des Klubs. In der kommenden Jahreshauptversammlung (JHV) am 25. November könnte es nun sehr konkret darum gehen, dass der FC Bayern solche Videos wie oben beschrieben nicht mehr machen sollte.

Michael Ott, 28 Jahre alt, Jurist und Bayern-Mitglied, hat einen Antrag eingereicht, in dem er das Präsidium des Vereins dazu auffordert, die Sponsoringverträge mit Qatar Airways zum nächstmöglichen Zeitpunkt auslaufen zu lassen und dafür zu Sorgen, dass ähnliche Abkommen in Zukunft nicht mehr abgeschlossen werden.

Formal ist es nun so: Die Verträge mit Qatar Airways schließt die FC Bayern AG, die ausgegliederte Profifußballabteilung des eingetragenen Vereins (e.V.). Der e.V. hält aber mit 75 Prozent die Mehrheit der Aktien und wird im Antrag deswegen dazu aufgefordert, auf die AG entsprechend einzuwirken. Das Präsidium des eingetragenen Vereins kann aber im Vorfeld der JHV den Antrag ablehnen, wenn es ihn für nicht zulässig hält. Das ist in der Vergangenheit schon passiert, etwa bei einem Vorstoß, der bezwecken wollte, dass der Klub die Einhaltung der Menschenrechte in seiner Satzung fixiert. Ott hält seinen Antrag für zulässig.

So oder so wird erneut über die Beziehung zwischen dem FC Bayern und dem vielfach kritisierten Emirat debattiert werden. Die Oryx auf dem Trikotärmel, das Wappentier der Fluglinie, zwingt die eigenen Angestellten ja schon jetzt in moralische Widersprüche - etwa wenn die Spieler des FC Bayern bei der Nationalmannschaft in der Qualifikation zur WM in Katar "Human Rights" fordern, im Bayern-Trikot dann aber für das Staatsunternehmen werben. Die Argumentationslinie des Klubs zum Thema ist klar und vielfach vorgetragen: Durch Diskussion und Transparenz erreiche man vor Ort Veränderungen zum Positiven.

Ob diese Argumentation überzeugt, oder ob man vielleicht doch lieber auf einige Sponsor-Millionen verzichten sollte, wenn man auf dem Trikot dann nicht mehr indirekt für einen Staat wirbt, dem Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden und der beim Umgang mit Arbeitsmigranten seit Jahren in der Kritik steht - das zu diskutieren, dafür ist die Mitgliederversammlung genau der richtige Ort.

Der FC Bayern sollte den Antrag zulassen und zur Abstimmung stellen. Sollte er eine Mehrheit bekommen, wüsste der Klub, dass er in diesem Fall gegen den Willen der eigenen Mitglieder handelt. Er würde dann vielleicht Geld verlieren, aber an Integrität gewinnen und unterstreichen, dass er anders ist als die Newcastle Uniteds dieser Welt, in denen nicht einfache Mitglieder, sondern einfache saudische Konsortien entscheiden. Und die Gefahr verunglückter Werbevideos, die würde auch sinken.

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