Tennisspielerin Peng Shuai:Die Sorgen nehmen zu

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FILE PHOTO:  WTA Mandatory - Madrid Open

Die Tenniswelt rätselt weiter: Wo ist Peng Shuai? Wie geht es ihr? Stand jetzt ist Schlimmes zu befürchten.

(Foto: Susana Vera/Reuters)

Peng Shuai ist weiterhin nicht aufgetaucht, dafür eine dubiose Mail, die angeblich von ihr stammen soll. WTA-Präsident Steve Simon bezweifelt die Echtheit der Nachricht - unterdessen wächst die Solidarität mit der vermissten Chinesin.

Von Christoph Giesen, Peking, und Gerald Kleffmann

Es ist nachts um 1.36 Uhr in China, als die vermeintliche Entwarnung kommt: "Hello everyone this is Peng Shuai", beginnt die Nachricht, die das chinesische Staatsfernsehen bei Twitter veröffentlicht.

Seit Tagen steigt bei Tennisspielern und -spielerinnen sowie namhaften Vertretern dieses Sports auf der ganzen Welt die Sorge um die frühere chinesische Weltranglisten-Vierzehnte im Einzel. Niemand hatte etwas von ihr gehört, nachdem am 2. November auf Pengs Profil beim chinesischen Kurznachrichtendienst Weibo ein Beitrag erschienen war, in dem mutmaßlich sie dem ehemaligen Vizepremierminister Zhang Gaoli, einem der mächtigsten Männer Chinas, vorwarf, sie früher sexuell und gegen ihren Willen bedrängt und missbraucht zu haben.

Nach einer halben Stunde war der Beitrag damals wieder gelöscht. Wer seitdem nach ihrem Namen sucht, erhält eine Fehlermeldung, selbst Begriffe wie "Tennis" kann man derzeit in den Suchmaschinen nicht eingeben. In den Zeitungen kein Wort, nur diese eine Nachricht jetzt, verfasst auf Englisch: "Die Nachrichten in dieser Mitteilung, einschließlich des Vorwurfs sexueller Übergriffe, sind nicht wahr", heißt es darin. "Ich werde weder vermisst, noch bin ich in einer unsicheren Lage. Ich habe mich zu Hause ausgeruht, und alles ist in Ordnung." Der Text endet mit Sätzen, die nach reinster China-Propaganda klingen. "Ich hoffe, ich kann das chinesische Tennis mit euch allen bewerben, wenn ich in Zukunft die Chance dazu habe. Ich hoffe, das chinesische Tennis wird besser und besser."

Steve Simon reagiert sofort auf die angebliche Mail - und widerspricht

Hat das wirklich Peng Shuai selbst geschrieben? Warum verbreitet das Staatsfernsehen diese Nachricht? Weshalb ist in der dritten Zeile des Screenshots noch ein Cursor zu sehen, als habe man den Text in Windeseile selbst verfasst? Und der Tonfall: Belehrt hier Peng Shuai nicht regelrecht die Welt mit ihren Zeilen? Wie wahrscheinlich ist das, nachdem sich alle massivste Sorgen um sie machen?

Steve Simon jedenfalls mochte die Authentizität des Schreibens in keiner Weise glauben. Oft wird hochrangigen Funktionären globaler Verbände oder Organisationen vorgeworfen, zu langsam, zu verhalten, zu taktisch zu handeln. In diesem Fall hat der Präsident der WTA, Vereinigung der Berufstennisspielerinnen und Dach der WTA Tour, schnell reagiert. In einer Mitteilung konterte er nach Bekanntwerden von Pengs angeblichem Lebenszeichen: "Es fällt mir schwer zu glauben, dass Peng Shuai diese E-Mail, die wir bekommen haben, tatsächlich geschrieben hat."

Er kam zu dem Urteil: "Das von chinesischen Staatsmedien veröffentlichte Statement zu Peng Shuai vergrößert nur meine Bedenken bezüglich ihrer Sicherheit und ihres Aufenthaltsortes." Dieser sei ihm, der obersten WTA-Person, immer noch nicht bekannt, wie er mit einem weiteren Appell klarmachte: "Die WTA und der Rest der Welt brauchen einen unabhängigen und überprüfbaren Beweis, dass sie sicher ist. Ich habe wiederholt auf zahlreichen Formen der Kommunikation versucht, sie zu erreichen, erfolglos." Weiter betonte Simon: "Es muss Peng Shuai erlaubt werden, frei zu sprechen, ohne Zwang oder Einschüchterung jeglicher Herkunft."

Frei sprechen - diese Möglichkeit hatte die 35-jährige Athletin, die einmal 20 Wochen lang die Nummer eins in der Doppelweltrangliste war und mit der Taiwanerin Hsieh Su-wei die Grand-Slam-Titel in Wimbledon und bei den French Open gewann, offenbar nur wenige Minuten. In jener Zeitspanne, als sie ihre Seele auf Weibo öffnete. In ihrer langen Nachricht vom 2. November führte Peng recht glaubhaft aus, wie sie zunächst eine Affäre mit Zhang Gaoli eingegangen war, als dieser noch Parteisekretär der Hafenmetropole Tianjin war, der Heimatstadt von Peng Shuai. "Unsere Zuneigung hatte nichts mit Geld oder Macht zu tun" schrieb sie. Als Zhang in den obersten Machtzirkel Chinas, den Ständigen Ausschuss des Politbüros aufstieg, beendete er die Beziehung abrupt. Erst nach seiner Pensionierung meldete er sich auf einmal wieder.

Zhang und seine Frau Kang Jie hätten sie zum Tennisspielen in einem Pekinger Hotel eingeladen. Danach sei sie mit zu Zhang nach Hause gefahren. "Dann hast du mich in dein Zimmer gebracht. Wie vor zehn Jahren in Tianjin wolltest du mit mir Sex haben", schrieb sie. Vor der Tür habe jemand Wache gestanden. "Ich habe an diesem Nachmittag nicht zugestimmt und die ganze Zeit geweint." In China selbst ist, nachdem der Beitrag gelöscht wurde, das Thema nicht existent. "Me Too"-Vorwürfe in den allerhöchsten Reihen des Landes? Das darf es offenbar nicht geben.

Die ersten Forderungen werden laut, die Geschäftsbeziehung der WTA zu China vorerst auszusetzen

Derweil wächst die Solidarität mit der vermissten Peng. Die meisten großen westlichen Medien haben inzwischen über sie berichtet, auch der amerikanische Nachrichtensender CNN. Bei den ATP Finals in Turin, dem Jahresendturnier der Männer, wurde der Weltranglisten-Erste Novak Djokovic nun zu dem Fall befragt. "Es ist schockierend, dass sie verschwunden ist, mehr noch, dass es jemand ist, den ich in den vergangenen Jahren einige Male auf der Tour gesehen habe", sagte der Serbe. "Ich hoffe, dass sie gefunden wird, dass es ihr gut geht. Es ist schrecklich. Ich kann mir vorstellen, wie sich ihre Familie fühlt, dass sie vermisst wird."

Die größte Anteilnahme erwuchs in den sozialen Medien, vor allem auf der Plattform Twitter. Naomi Osaka, die lange dominierende Spielerin der Frauentour, längst eine viel beachtete, gesellschaftskritische Stimme, wandte sich auch an ihre 1,1 Millionen Follower und teilte mit: "Ich bin geschockt von der gegenwärtigen Lage und sende ihr Liebe und Licht." Viele Profis veröffentlichten ein Foto von Peng, das ein User professionell aufbereitet und zur Vervielfältigung bereitgestellt hat. Es zeigt eine lächelnde Peng, versehen mit dem längst weltweit bekannten Hashtag #WhereIsPengShuai.

Jamie Hampton, 31, eine frühere Profispielerin, twitterte: "Setzt eure Verträge mit China aus, bis ihr sichtbar die Bestätigung in einem Livestream habt, dass es Peng Shuai physisch gut geht." Die Amerikanerin sprach einen heiklen Punkt an: die wirtschaftliche Abhängigkeit der WTA Tour von China. Elf Turniere allein finden dort statt, auch das Saisonfinale, die WTA Finals (die diesmal aufgrund der Pandemie gerade in Guadalajara, Mexiko, durchgeführt wurden).

Neben dem menschlichen Drama, das sich um Peng Shuai abspielt, muss Simon auch die Geschäftsbeziehung zu dem mächtigen Partner, der angeblich bis zu eine Milliarde Dollar auf zehn Jahre zugesagt haben soll, moderieren. Er scheut nicht die Konfrontation: "Wenn wir am Ende des Tages keine angemessenen Resultate (im Fall Peng Shuai, Anm. d. Red.) erkennen können", brachte Simon in seinem ersten Statement vom Sonntag zum Ausdruck, "wären wir vorbereitet, diesen Schritt zu gehen und unser Geschäft nicht in China durchzuführen".

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