Rodeln bei den Spielen in China:Träge, tückische Schlange

Lesezeit: 4 min

Olympische Winterspiele 2022: Rodelbahn von Yanqing

16 schwierige Kurven und in der Mitte ein Hotel: Die olympische Bob- und Rodelbahn in Yanqing.

(Foto: Kyodo/Imago)

Auf Olympia-Eisbahnen mussten die Rodler zuletzt hohes Tempo bewältigen. Auf der Anlage in Yanqing ist es umgekehrt: Hier muss man möglichst gut langsam fahren. Auch das birgt Gefahren.

Von Volker Kreisl

Alle vier Jahre im November taucht diese abgenutzte Metapher wieder auf. Irgendwo auf der Welt finden bald Olympische Spiele statt mit einer neu gebauten Bob- und Rodelbahn, die kurvenreich am Hang liegt, sich in die Landschaft schmiegt, und an ihrer dicksten Stelle, etwa der unteren Steilkurve, von weitem so aussieht, als würde sie eine Maus verdauen, diese, ja, imposante Riesenschlange aus Beton, Stahl und Eis.

Aber was hilft's? Man kann nicht anders. Auch die neue große Olympische Bob- und Rodel-Anlage in Yanqing erinnert an eine Boa, wie sie da in den Bergen nordwestlich von Peking liegt, in 16 Kurven verschlungen und in der aufgehenden Sonne Asiens dösend, an einem nicht gerade steilen Hang. Friedlich sieht sie aus, und man möchte nicht meinen, dass sie tatsächlich auch gefährlich werden kann.

Am Wochenende wird die Rennrodel-Saison eröffnet, auf der neuen chinesischen Bahn. Schon in den beiden Trainingswochen zuvor war einiges passiert, manche stürzten, und Ärger kam auf wegen restriktiver Corona-Schutzmaßnahmen, die nicht allen verständlich waren. Lange ratlos in ihrer Quarantäne saß zum Beispiel die deutsche Olympiasiegerin Natalie Geisenberger.

Der Pole Sochowicz raste auf eine Sperre zu - ein artistischer Sprung rettete ihn

Auch in der Bahn selber hat noch nicht alles funktioniert, gravierend war der Sturz und die schwere Verletzung des Polen Mateusz Sochowicz, der wohl mit der Unerfahrenheit des Bahnpersonals zusammenhing. Sochowicz war bei Grünlicht in die Rinne geschickt worden, obwohl weiter unten eine Bahnsperre im Weg stand, auf die er dann mit etwa 50 Stundenkilometern zuraste. Nur sein artistischer Versuch, über die Sperre zu springen, bewahrte ihn vor dem Schlimmsten. Seine Kniescheibe ist gebrochen, am anderen Bein trug er eine tiefe Wunde davon.

Solche Vorfälle sind selten und werden es wohl auch in Yanqing bleiben. Was diese Bahn zur Herausforderung macht, ist genau das Gegenteil der Gefahren der anderen Olympiabahnen. In Cesana San Sicario 2006, vor allem aber in Whistler, Kanada, bei den Spielen 2010, versuchten die Konstrukteure einen rasend schnellen Kurs für einen spannungsgeladenen Wettkampf zu kreieren, was am Ende zu einer Tragödie führte. Der Georgier Nodar Kumaritaschwili kam 2010 ums Leben. Andere hatten in Whistler noch Glück, sie zogen sich aber, nachdem sie bei bis zu 150 km/h mit Rodel oder Bob umgekippt waren und schutzlos nach unten schlitterten, durch die Reibung Verbrennungen zu.

Für alle, auch für die Besten, galt in Whistler: Hier musste man lernen, geschickt schnell zu fahren. Für die Bahn in Yanqing gilt gewissermaßen dasselbe, nur umgekehrt. Hier muss man lernen, geschickt langsam zu fahren.

Mehr als 130 Stundenkilometer dürften hier kaum erreichbar sein. Die Neigung ist mäßig, in drei Passagen geht es sogar leicht bergauf. Und trotzdem werden die Olympiarennen im Februar womöglich besonders spannend. Denn der Kreis der Favoriten könnte größer werden, die Kräfte und die schnellen Zeiten am Start fallen ja weniger ins Gewicht. Gewinnen wird der, der diese anspruchsvolle Bahn am besten versteht. Bisher klagen Spitzenfahrer wie Mittelmäßige darüber, dass sie sich mit dem Lenken schwertun, weil ihnen die Bahn keine Zeichen gibt. Mit anderen Worten: Es ist schwer, die Orientierung zu finden, oder wie es der US-amerikanische Doppel-Rodler Jason Terdiman sagt: "Wir spüren manchmal nicht, wo wir sind."

Denn Rodler lenken nicht wie Autofahrende, indem sie sehen, sondern indem sie fühlen. Sie schauen sozusagen mit dem Rücken, den Beinen und dem Hintern. Nach vorne in die Bahn zu blicken würde das ganze windschlüpfige System durcheinanderbringen. Die Kunst ist es, die Druckpunkte zu erkennen, also die Stellen, an denen man mit vorsichtigem Lenkeinsatz - nur ein leichter Kick am Schlittenhorn - das Gefährt im richtigen Moment in die Ideallinie rückt, aber derweil weiter nach oben schaut. Dabei orientieren sich Rennrodler etwa an den Abständen zur Bande, am Dach, an Sonnensegeln oder an Lichtmasten.

Wer sich ein solches Koordinatensystem geschaffen hat, der kriegt es vielleicht irgendwann hin: Dort, wo der Druck am höchsten ist, also kurz bevor der Schlitten ausscheren würde, diesen in die Ideallinie zu zwingen. Dafür brauchen Rodler und Rodlerinnen neben dem Spicken an markanten Stellen auch ein überragendes Fahrgefühl. Die Besten wissen instinktiv, wann der Zeitpunkt zum Lenken gekommen ist.

Wer zu hoch oder zu tief durch die Rinne eiert, knallt am Kurvenende in die Bande

Andererseits weist die Bahn von Yanqing derart viele knifflige Stellen auf, dass auch die Besten Schwierigkeiten bekommen können - die vielen langgezogenen Kurven erfordern unablässig Konzentration. Und wer zu hoch oder zu tief durch die Rinne eiert, der knallt am Ende der Kurve in die Bande und verliert den Sieg, oder er fällt sogar um.

Die wesentlichen Lern-Aufgaben der Weltspitze in diesem Sport sind also abgesteckt, schwieriger dürfte die Herausforderung sein, dieser Bahn auch eine Zukunft zu verschaffen. Die olympische Bewegung will eigentlich nachhaltiger werden, ob das aber in Yanqing klappt, ist fraglich. Die Anlage war zweifellos teuer, sie könnte ein nationales Rodelzentrum werden, wenn es denn genügend Sportler gäbe. Derzeit rodeln in China im erweiterten Spitzenbereich gerade mal zwei Dutzend Aktive, etwa 50 Bob- und Skeleton-Sportler sind in den höheren Kadern dabei.

Vorgesorgt haben die Konstrukteure daher mit alternativen Ideen, etwa mit dem Hotel, das auf halber Höhe nahe bei der Bahn steht. Das dürfte für Laienrodler und Gast-Bobfahrer gedacht sein, oder überhaupt für Winter-Touristen. Das Freizeitrodeln hat aber nichts zu tun mit dem Olympiastress jener, die gerade darum kämpfen, diese Bahn endlich zu spüren. Viel Zeit ist nicht mehr, bis zum Wochenende kann noch geübt werden. Bei den Spielen selber im Februar ist kaum Zeit, nur sechs Läufe bleiben da noch fürs Training. Da lässt sich nur noch das im November Erlernte ein bisschen auffrischen. Rodel-Olympiasieger werden im Herbst gemacht.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB