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Rodeln-WM:Hai in der Schlangengrube

Rodeln: Weltmeisterschaft

Ballt die Hand zur Faust, auch wenn er den WM-Titel verpasst hat: Felix Loch gewinnt auf seiner Hausbahn am Königssee Silber.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Felix Loch wirkte, als sei er in dieser Saison überhaupt nicht zu schlagen. Bei der Weltmeisterschaft auf seiner Hausbahn am Königssee ist allerdings der Russe Roman Repilow schneller.

Von Thomas Gröbner, Berchtesgaden

Vielleicht verlor Felix Loch seine Goldmedaille in der Schlangengrube, Kurve S4, wo der Schlitten ins Eis biss. Oder in der Ausfahrt des berüchtigten Kreisels, bei dem sich die Rodler hoch hinauf bis an die Grenzen der Bahn tragen lassen und dann im richtigen Moment den Schlitten hinunterdrücken. Auch die Teufelsmühle habe "viele Tücken", sagt Loch, "da muss es auf den Zentimeter passen".

Am Ende war es bei der Rodel-Weltmeisterschaft am Königssee am Samstag für Loch tatsächlich eine Frage von Zentimetern: Im ersten Durchgang hatte der 31-jährige Berchtesgadener seinen eigenen Bahnrekord verbessert, trotzdem lag er nur eine Zehennagellänge vor dem Russen Roman Repilow. Eine Winzigkeit von zwei Tausendstelsekunden trennte die beiden, es würde also auf den zweiten Durchgang ankommen.

Das Problem dabei hieß erneut: Roman Repilow. "Der zweite Platz war gut für mich", sagte der 24-Jährige mit Blick auf den ersten Lauf, er habe Energie aus dem Rückstand geschöpft. Der junge Russe liebt den Angriff aus der Deckung: "Es ist mein Stil. Die Trainer sagen: Ich bin wie ein Hai, der die Fische jagt." Diesmal war es ein besonders großer Fisch.

Felix Loch hatte in diesem Winter jedes Weltcup-Rennen gewonnen, der Ausnahmerodler bestimmte die Saison nach Belieben, er schien kaum zu schlagen zu sein im Eiskanal. Ausgerechnet auf seiner Hausbahn kam es nun anders: Loch schoss über die Ziellinie, doch Repilow war sechs Hundertstelsekunden schneller.

Die Heimat ist für Felix Loch ein "schwieriges Pflaster"

Repilow hatte sich in diesem Winter also bislang stets die Zähne ausgebissen an Loch, am Saisonhöhepunkt aber zeigte der scheinbar unverwundbare Deutsche doch noch eine Schwäche. "Dass es am Ende für Roman gereicht hat, das ist für mich bitter", fand Loch. Für Repilow war es eine Genugtuung nach den Entbehrungen der vergangenen Monate.

"Die Leute wissen nicht, wie wir uns fühlen", klagte Repilow nach seinem WM-Sieg. Über drei Monate war das russische Team nicht mehr zuhause, sie zogen abgeschirmt von Hotel zu Hotel mit dem Weltcup-Zirkus: alles, um Corona-Infektionen zu vermeiden und die WM-Teilnahme nicht zu gefährden. Andere Nationen kehrten erst kurz vor der WM zurück in den Weltcup. Die russischen Rodler dagegen blieben die ganze Saison in Deutschland, seine zwei Kinder hatte Repilow seitdem nicht mehr gesehen: "Ich muss nach Hause", sagte er nach seinem Sieg. Noch eine Woche wird er aushalten müssen bis zum finalen Weltcup in St. Moritz in der Schweiz.

Über den verpassten Sieg wollte Loch sich nicht lange ärgern; er war vielmehr glücklich, noch die Silbermedaille gerettet zu haben. Denn der finale Lauf misslang ihm gründlich, "da waren zwei, drei grobe Sachen drin", fand er. Hinter Loch fuhr der Österreicher David Gleirscher zu Bronze, Lochs Teamkollege Max Langenhan, 21, kam auf Platz vier, der erfahrene Johannes Ludwig, 34, fiel nach groben Patzern sogar auf Rang fünf zurück.

"Es ist nicht alles gelungen", sagte Bundestrainer Norbert Loch; sein Sohn, aber auch das Duo Toni Eggert und Sascha Benecken (Ilsenburg/Suhl) hatten sich ungewöhnliche Blößen gegeben: Im Team-Wettbewerb hatten die beiden im Doppelsitzer eine halbe Sekunde Vorsprung auf die Österreicher verbummelt und die sicher geglaubte Goldmedaille den Nachbarn überlassen müssen. Am Freitag hatten Eggert/Benecken noch den Titel vor Tobias Wendl und Tobias Arlt (Berchtesgaden/Königssee) geholt. Alles in allem, beschloss der Bundestrainer, könne man mit der Medaillenausbeute "sehr zufrieden sein".

Für seinen Sohn Felix bleibt die Heimat trotzdem ein "schwieriges Pflaster". Keiner kennt diese Bahn am Königsee besser als Loch, vielleicht kennt er sie zu gut. Ein bisschen zu fein, ein wenig zu genau wollte er seine Fahrt anlegen, "dann geht gerne was schief".

Es waren "ganz banale Fahrfehler", urteilte der Pilot. Fehler, die ihm sein Schlitten nicht verzieh: Denn Loch hatte sein Gerät radikal eingestellt, sein Schlitten ist schnell im Eiskanal, aber lässt sich nur schwer beherrschen. Vier verschiedene Prototypen hatte der Tüftler Loch angefertigt, mit wissenschaftlicher Unterstützung und dem Rat der Rodellegende Georg Hackl. Der sagt über Loch: "So gut wie jetzt war er noch nie." Vielleicht kann Loch den verpassten WM-Titel auch deshalb entspannt sehen. "Ich könnte sagen, das ist mein schlechtestes Einzelergebnis", sagte er.

Repilow und Loch fiebern nun also noch dem Weltcup-Finale in St. Moritz entgegen. Der Russe, weil er danach endlich seine Liebsten wieder in den Arm nehme kann - und Felix Loch kann in der Schweiz eine perfekte Saison krönen, indem er der erste Vertreter seiner Sportart wird, der alle Weltcup-Rennen gewinnt. Dann werden wohl auch Loch, der selten um eine Antwort verlegen ist, die Worte fehlen: "Wenn das klappt, dann weiß ich auch nicht, was ich noch sagen soll."

© SZ/vk/jkn/cca
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