Der Fall Peng Shuai:Armseliges Taktieren der Ringe-Makler

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Coronavirus - IOC-Präsident Thomas Bach

Das IOC und sein deutscher Präsident Thomas Bach geben sich in chinakritischen Angelegenheiten mal wieder außerordentlich defensiv.

(Foto: Jean-Christophe Bott/dpa)

Wenn es Geld und Glanz zu ernten gibt, ist das Internationale Olympische Komitee sofort zur Stelle. Und wenn eine dreimalige Olympia-Teilnehmerin in China von der Bildfläche verschwindet? Überlässt man lieber anderen die Arbeit.

Kommentar von Johannes Knuth

Was hat Thomas Bach die vergangenen Tage eigentlich so getrieben? Der Mann steht doch immer im Dienst der Bewegung, Tag und Nacht gibt der Präsident alles für sein Internationales Olympisches Komitee. Und natürlich trägt er dabei die Anliegen seiner Kundschaft ganz fest bei sich: Es sind ja die Athleten, die das Herz des Betriebs am Pochen halten, das betont Bach bei fast jeder Gelegenheit. Die Sportler, die würde das IOC niemals im Stich lassen, kommt gar nicht in Frage.

Also, flugs mal die jüngsten Botschaften der Presseabteilung des IOC durchgeblättert, ein kleiner Abgleich mit der Realität. Aha, soso, Bach beglückwünscht die Ausrichter der Sommerspiele 2028 in Los Angeles. Arbeiten alle ganz toll zusammen dort, tolles Vermächtnis, kommerziell wird's auch ein Erfolg. Schön.

Oder am vergangenen Montag: Da war Bach zu Besuch beim polnischen Präsidenten Andrzej Duda, im Präsidentenpalast in Warschau zwischen Marmorsäulen und Staatsbeflaggung. Er erhielt das "Große Kreuz des Verdienstordens der Republik Polen", blaue Schleife, silbernes Ornament. Weil Bach "den Sport auf der ganzen Welt entwickelt", pries Duda, "nicht nur im Sinne der Sportorganisationen, sondern", Obacht!, "vor allem für die Athleten".

Das Statement aus China stößt der WTA so schwer auf, dass sie sinngemäß mitteilt, man traue der Mitteilung nicht

Da macht Bach so leicht niemand etwas vor, in der Kerndisziplin der Ringe-Makler: der Kluft zwischen Schein und Sein. Seit Wochen diskutiert die Tennis-Szene besorgt, wo die Tennisspielerin Peng Shuai aus China abgeblieben ist, weshalb sie seit fast zwei Jahren keine Turniere mehr spielt, vor allem: Was es mit dem mutmaßlich von ihr im chinesischen Internet veröffentlichten und rasch zensierten Beitrag auf sich hat, in dem sie gegen einen hochrangigen chinesischen Politiker Vorwürfe der sexualisierten Gewalt vorbrachte. Am Montag, als Bach in Warschau seinen Orden erhielt, meldete sich die Frauentour WTA - endlich, fanden manche - und forderte, der Vorgang müsse transparent untersucht werden. Man sei tief besorgt. Und was sagen das IOC und sein deutscher Lenker dazu, wenn eine dreimalige Olympia-Teilnehmerin von der Bildfläche verschwindet?

Erst einmal: nichts. Kein Wort von Bach, auch nicht von Kirsty Coventry, seiner treu ergebenen, langjährigen Leiterin der Athletenkommission. Erst als chinesische Staatsmedien ein angebliches Statement von Peng veröffentlichten, wonach sie wohlauf sei und alle Berichte über ihre Pein falsch, ließ das IOC ausrichten: "Wir haben die jüngsten Berichte gesehen und sind ermuntert von den Versicherungen, dass sie wohlauf ist." Man tausche sich auch mit den Tennisverbänden aus und "beobachte" die Situation.

Besorgtheit klingt da nicht gerade durch. Und welche Versicherungen meint das IOC? Jene der chinesischen Seite? Denen ist wohl kaum zu trauen, wenn man die hölzerne Art des Statements bedenkt. Der WTA stieß dies so schwer auf, dass sie sinngemäß mitteilte, die Mitteilung sei ihr nicht geheuer. Und das IOC? Das richtete am Mittwochabend aus, dass man es bevorzuge, in der Sache "stille Diplomatie" walten zu lassen. Ob damit auch gemeint ist, in seinen dürren öffentlichen Zeilen weder China noch Peng Shuai beim Namen zu nennen?

So ist das eben in der Welt des Thomas Bach: Wenn es Geld und Glanz zu ernten gibt, ist das IOC sofort zur Stelle. Dann hat es kein Problem damit, millionenschwere Sponsorings mit chinesischen Firmen einzugehen oder Olympische Spiele in die Hände einer Diktatur zu legen, wie im kommenden Februar wieder in Peking - ohne auch nur irgendwie verbindlich zu fordern, dass sich die Ausrichter an mindeste Menschenrechtsstandards halten müssen. Und wenn es ungemütlich wird? Ist man plötzlich politisch "neutral", beobachtet die Situation und überlässt den anderen die Arbeit. Wie armselig.

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