Halbfinale der Nations League:Spanien liegt dem phänomenalen Gavi zu Füßen

Halbfinale der Nations League: Spaniens Gavi spielte sie an diesem Abend in Mailand alle aus.

Spaniens Gavi spielte sie an diesem Abend in Mailand alle aus.

(Foto: Antonio Calanni/AP)

Die Elf von Trainer Luis Enrique präsentiert sich beim 2:1 gegen Italien als fast komplett erneuerte Einheit. Das Spiel liefert reihenweise Pointen und offenbart, dass die Selección wieder eine starke Generation hat.

Von Javier Cáceres, Mailand

In der zweiten Halbzeit des vorzüglichen Nations-League-Halbfinales zwischen Italien und Spanien gab es eine Szene, die illustrierte, wie sehr Luis Enrique recht gehabt hatte. Ein Italiener musste wegen einer Verletzung behandelt werden - und Gavi, 17 Jahre und 62 Tage alt und damit der jüngste eingesetzte Spieler der spanischen Nationalmannschafts-Geschichte, schnappte sich in dieser Pause den Ball. Er ließ ihn unbekümmert und frech auf Fuß und Hacke tänzeln wie weiland Diego Armando Maradona als Halbzeitattraktion bei den Argentinos Juniors.

Nicht, dass der offensive Mittelfeldspieler Gavi (FC Barcelona), alias Pablo Martín Páez Gavira, ein Wiedergänger Maradonas wäre. Aber wie hatten die spanischen Medien den Trainer Luis Enrique verteufelt, weil er vor dem Halbfinale dieses Nations-League-Finalturniers in den Raum gestellt hatte, dass Gavi reif genug sei, um gegen Italien, im Mailänder Tempel San Siro, in der Startelf zu stehen.

Gavi nervt sein Idol Verratti im San Siro

Nach dem Spiel lagen die Spanier Gavi zu Füßen, weil er sein Idol, den Italiener Marco Verratti, genervt und bezwungen hatte. Spanien besiegte den Europameister Italien mit 2:1 (2:0), übte "Vendetta" für das jüngst verlorene EM-Halbfinale in Wembley und erreichte das Endspiel am Sonntag (20.45 Uhr), erneut in Mailand. "Der blaue Sommer ist vorbei", schluchzte am Donnerstag die Zeitung La Repubblicca. "Die campioni bleiben wir", titelte trotzig die Gazzetta dello Sport, nachdem Italiens Weltrekordserie von 37 Spielen ohne Niederlage gerissen war. Es war zugleich die erste italienische Pleite in San Siro seit einem 1:2 gegen Ungarn im Januar 1925.

Spanien siegte, obwohl Luis Enrique erneut ohne klassischen Neuner antrat, dank zwei klassischer Strafraumstürmer-Tore, die der 21-jährige Ferran Torres vom FC Valencia erzielte (17./45.+2). Darauf fand der Europameister erst eine Antwort durch Luca Pellegrini (1:2/83), als "es zwar schon zu spät war, um den Abend geradezubiegen, nicht aber, um die Nazionale zu begnadigen", wie La Repubblicca milde urteilte. Denn so hatte Italien einer beeindruckend unverfrorenen spanischen Elf, die den Ball fast monopolisiert hatte (70 Prozent Ballbesitz), zumindest noch ein bisschen Angst eingeflößt.

Es zählte zu den vielen kleinen Pointen des Abends, dass sich ausgerechnet Italiens Abwehrveteran Leonardo Bonucci, 34, zum Protagonisten der Partie aufschwang. Die Spanier kamen in ihrer Startelf nur deshalb auf kumuliert 310 Länderspiele, weil Kapitän Sergio Busquets seinen 130. Einsatz in der Nationalelf feierte und Koke schon 59 Länderspiele aufweist. Aber der Rest? Größtenteils Jünglinge von spärlichem Bartwuchs. Zum Beispiel der 18-jährige Außenstürmer Yéremi Pino vom FC Villarreal, der eingewechselt wurde und den Azzurri Nacken, Hüften und Beine verdrehte. Der Routinier Bonucci war da längst unter der Dusche, weil er sich innerhalb von zwölf Minuten früh Gelb-Rot abgeholt hatte (42.), wegen Meckerns und einem Ellenbogenhieb im Sprungduell mit Busquets.

Mancini zürnt, Italiens Serie reißt

"So eine Nachlässigkeit darf man sich in so einem Spiel nicht erlauben", zürnte Trainer Roberto Mancini über den Platzverweis. Dass Italiens Serie beendet wurde? Ja mei, sagte der Coach: "Besser jetzt als im EM-Finale oder bei einer WM." Weit mehr ärgerte sich Mancini über die gellenden Pfiffe gegen seinen Torwart Gianluigi Donnarumma, dem die Fans des AC Mailand nicht verzeihen, dass er nach Paris gewechselt ist.

Die Unmutsbekundungen des Publikums verursachten, obwohl das Stadion nur zu 50 Prozent ausgelastet werden durfte, nicht nur Tinnitus, sondern sie ließen auch Donnarummas Hände weich werden: Einen Schuss vom ebenfalls überragenden linken Schienenspieler der Spanier, Marcos Alonso (FC Chelsea), ließ er durch die Hände gleiten. Dass Bonucci den Ball zur Ecke lenkte und nicht, wie aufgrund der Dynamik der Situation zu erwarten stand, ins eigene Tor schoss, war ein grandioses Spektakel.

Die Geschichte des Abends war aber, dass Spanien auf eine Zukunft hoffen darf, die es in sich haben könnte. Alleine Gavis Leistung nannte Luis Enrique "spektakulär und beispiellos", weil der Teenager in San Siro auftrat, "als wäre er auf dem Schulhof oder in seinem Garten". Und Gavis Geschichte steht nur exemplarisch für eine neue, womöglich "Goldene Generation" der Spanier, zu der neben Yéremi und Ferran Torres auch der ebenfalls eingewechselte Tottenham-Profi Bryan Gil, 20, zählt. Und dann sind da auch noch der EM-Shootingstar Pedri, Barcelonas neue Hoffnung Ansu Fati, der Leipziger Dani Olmo und Brais Méndez (Vigo), die verletzungsbedingt fehlten. "Ich kann mich glücklich schätzen. Denn ich kann aus einer Gruppe von 40, 50 Spielern wählen, die enorm viel Niveau haben", sagte Luis Enrique.

Zu seinen Erfolgsgeheimnissen gehört seine mitunter schroff vorgetragene Indifferenz gegenüber den Medien - insbesondere jenen, die Real Madrid gewogen sind und regelmäßig auf der Zinne sind, weil der Trainer Real-Spieler wie Nacho, Asensio oder Isco nicht nominiert. Beim spanischen Verband war nach der Partie nicht nur Jubel über den als historisch empfundenen Sieg zu vernehmen. Sondern auch Erleichterung darüber, dass nun erst mal Ruhe herrscht. Man wusste ja, dass einer der mit Real besonders eng verbandelten Sender für Mittwochabend eine monothematische Diskussion vorbereitet hatte, unter der Überschrift: Ist Luis Enrique als Nationaltrainer noch tragbar?

Die WM-Qualifikation ist noch nicht gesichert, Mitte November geht es gegen Spitzenreiter Schweden um alles. Aber Spanien bot diesmal eine wirklich spektakuläre Leistung, voller taktischer Finesse, womit man dem anfangs erdrückend wirkenden Pressing der Italiener jede Effektivität nahm. Die Tore fielen nach selbstsicher vorgetragenen Kombinationen und Flanken von Marcos Alonso auf Ferran Torres.

Dass Italien noch einen Pfostentreffer und nach einer Unachtsamkeit der Spanier bei einem Konter den späten Anschlusstreffer verbuchen konnte, trug lediglich dazu bei, ein "von Fußball, Suspense und Ungestümheit geprägtes Spiel" (El País) zu veredeln. Der bleibende Gesamteindruck war dennoch: Spanien war - wie schon beim EM-Halbfinale - in einem Schlagabtausch voller Chancen und Plots die bessere Mannschaft.

Die Nationalelf spielt aktuell auch besser und durchdachter Fußball als die heimischen Klubgrößen Barça und Real, die täglich trainieren können und nicht nur anderthalb Einheiten absolvieren wie Spaniens Auswahl vor der Partie in Mailand. Als er gefragt wurde, ob er dafür eine Erklärung habe, stockte der Redefluss des Trainers, der als jemand gilt, der nicht nur ein Meister der Interpretation des 4-3-3-Systems ist, sondern auf alles einen Konter parat hat. "Sehr gute Frage", sagte Luis Enrique, "sie lässt mich ohne Antwort zurück, denn ich will mich nicht in die Nesseln setzen." Das ließ allenfalls erahnen, dass er sich auch selbst für einen phänomenalen Coach hält.

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