Olympia:Annika Schleu erlebt Fünfkampf-Drama

Modern Pentathlon - Women's Riding
(Foto: IVAN ALVARADO/REUTERS)

Im Springreiten bekommt die Deutsche ihr Pferd nicht unter Kontrolle. Nun sieht sich die Fünfkämpferin mit Vorwürfen der Tierquälerei konfrontiert. Sie verteidigt sich. Meldungen im Überblick.

Annika Schleus Verzweiflung wuchs mit jeder Sekunde. Sie weinte, sie schlug nach dem skandalösen Zuruf von Bundestrainerin Kim Raisner ("Hau drauf, hau richtig drauf!") mit der Gerte, sie rammte die Sporen in das Pferd, doch nichts brachte die panisch wirkende Athletin und den völlig verunsicherten Saint Boy noch in Einklang. Das Drama nahm in vielfacher Hinsicht seinen Lauf - und brachte Deutschlands beste Moderne Fünfkämpferin in Tokio um die sicher geglaubte Medaille und die große Chance auf Gold. Die siebenmalige Dressur-Olympiasiegerin Isabell Werth sah sich in ihrer Bewertung der Disziplin Reiten im Fünfkampf bestätigt. "Fünfkampf hat nichts mit Reiten zu tun", sagte sie: "Die Pferde sind ein Transportmittel, zu denen die Athleten keinerlei Bezug haben. Denen kann man genauso gut ein Fahrrad oder einen Roller geben."

Statt Jubel herrschte bei den deutschen Fünfkämpfern kollektives Entsetzen. "Warum mein Pferd so verunsichert war, weiß ich nicht", sagte Schleu, die beim Olympiasieg der Britin Kate French letztlich nur den 31. Platz belegte. Schleus Augen waren noch lange nach dem abschließenden Laser-Run gerötet und feucht. Auch die vielen tröstenden Umarmungen der Rivalinnen halfen kaum - schließlich hatten Schleu auch wütende Kommentare aus der Heimat erreicht. "Es ist tragisch", sagte die grenzenlos enttäuschte Schleu: "Ich werde wohl eine Weile brauchen, um darüber hinwegzukommen." Auf der Tribüne im Tokyo Stadium fühlte Peking-Olympiasiegerin Lena Schöneborn mit ihrer langjährigen Trainingspartnerin mit. Erinnerungen an Rio wurden wach. "Es kann keiner besser nachempfinden als ich. Es ist Eins-zu-Eins die Situation, die ich hatte", sagte Schöneborn, die 2016 in Brasilien ihre Medaillenchance auf dem Rücken von Legende verloren hatte, in der ARD.

Bundestrainerin Raisner: "Das ist keine Quälerei"

Schleu war als Führende in die dritte Teildisziplin Reiten gestartet. Auf dem ihr zugelosten Saint Boy hatte zuvor schon die ROC-Athletin Gulnas Gubaidullina mit drei Verweigerungen große Probleme gehabt. Damit Schleu ein Ersatzpferd hätte wählen können, wären vier nötig gewesen. Schleu hielt Rücksprache mit einem Veterinär und holte sich Tipps von der Besitzerin ein. Auf dem Abreiteplatz habe man sich "sehr gut verstanden", erklärte die 31-Jährige: "Es gab keinen Fehler." Noch bevor die Sportsoldatin aber auf den Parcours reiten konnte, blockte das Tier ab. "Ich war kurz davor, abzugrüßen, bevor es losging, weil ich gemerkt habe, dass irgendetwas ganz und gar nicht stimmt", sagte Schleu.

Stattdessen gingen Bilder um die Welt, die kein gutes Licht auf den Modernen Fünfkampf warfen. Raisners indiskutable Zurufe wurden in den Sozialen Medien diskutiert, Schleu erreichten schon beim Umziehen für den Laser-Run "diverse Hassnachrichten". Die Berlinerin war um Klarstellung bemüht. Eigentlich würden die deutschen Fünfkämpfer "als sehr einfühlsame Reiter" gelten. "Es bricht uns das Herz, dass wir es nicht zeigen können", sagte Schleu: "Ich denke, die Leute können es einfach nicht richtig einschätzen." Auch da ist Isabell Werth ganz anderer Meinung: "Es gibt im Fünfkampf keinerlei Miteinander zwischen Reiter und Pferd."

Raisner hat sich nach dem Wettkampf gegen den Vorwurf der Tierquälerei zur Wehr gesetzt. "Ich hab gesagt, hau drauf. Aber sie hat das Pferd nicht gequält, in keinster Weise", sagte die Bundestrainerin. Es sei jetzt "keine Quälerei", betonte Raisner, "dass man mal mit der Gerte hinten draufhaut. Sie hat dem Pferd nicht im Maul gerissen. Sie hatte keine scharfen Sporen dran. Pferde quälen sieht anders aus."

Weitere Meldungen aus Tokio

Fußball: Kanadas Fußballerinnen haben erstmals Olympiagold gewonnen. Im packenden Endspiel gewann das Team um Stürmerin Christine Sinclair gegen Schweden mit 3:2 im Elfmeterschießen und feierte nach zweimal Bronze den größten Erfolg der kanadischen Fußball-Geschichte. Nach 120 und 90 Minuten hatte es 1:1 gestanden. Die favorisierten Schwedinnen mussten sich wie bei der Final-Niederlage vor fünf Jahren gegen Deutschland mit Silber begnügen - Julia Grosso verwandelte den entscheidenden Elfmeter.

In der regulären Spielzeit hatte Stina Blackstenius (34.) den früheren Europameister in Führung gebracht, Jessie Fleming (67., Foulelfmeter) glich aus. Bronze hatten sich die Weltmeisterinnen aus den USA nach dem überraschenden Halbfinal-K.o. gegen Kanada mit einem 4:3 (3:1) gegen Australien gesichert. Die deutsche Auswahl war nach Gold in Rio durch das Aus im WM-Viertelfinale 2019 gegen Schweden nicht für das Turnier qualifiziert.

Bahnradfahren: Bahnrad-Sprinterin Lea Sophie Friedrich hat zum Auftakt des fünften Wettkampftages einen olympischen Rekord aufgestellt. Die 21-Jährige gewann die Sprint-Qualifikation in 10,310 Sekunden. Weltmeisterin Emma Hinze, 23, mit der Friedrich im Teamsprint die Silbermedaille gewonnen hatte, brachte in 10,381 Sekunden über die fliegenden 200 Meter die drittschnellste Zeit auf die Bahn. Beide erreichten am Freitag die nächste Runde problemlos.

Derweil haben Franziska Brauße und Lisa Klein drei Tage nach ihrer herausragenden Goldmedaille im Vierer den zwölften Platz im Zweier-Mannschaftsfahren belegt. Das Duo kam am Freitag nach 30 Kilometern im sogenannten Madison-Wettbewerb nach zwei Überrundungen auf 40 Minuspunkte. Gold gewann Großbritannien mit 78 Punkten vor Dänemark (35) und dem Russischen Olympischen Komitee (26).

Wasserspringen: Timo Barthel hat das Halbfinale vom Turm erreicht. Barthel erhielt für seine sechs Sprünge am Freitag 395,70 Punkte. Das reichte für den 13. Platz. "Mein Wettkampf war sehr holprig. Da ist noch viel Luft nach oben", sagte Barthel. Der zweite deutsche Starter, der erst 16 Jahre alte Jaden Eikermann, schied im Vorkampf aus. Seine Sprünge aus zehn Metern Höhe wurden mit 330,75 Zählern bewertet. Er belegte Rang 21. Erster des Vorkampfes wurde der Chinese Yang Jian mit 546,90 Punkten. Die besten 18 Springer kamen eine Runde weiter.

Hockey: Die Hockey-Frauen aus den Niederlanden haben ihre Dominanz unterstrichen und auch den dritten großen Titel in der Tasche. Die Welt- und Europameisterinnen setzten sich bei den Sommerspielen in Tokio im Finale mit 3:1 (3:1) gegen Argentinien durch, für die Niederländerinnen war es der vierte Olympiasieg nach 1984, 2008 und 2012. Großbritannien hatte sich zuvor nach der Halbfinalniederlage gegen die Niederländerinnen (1:5) mit Bronze getröstet. Der Rio-Olympiasieger schlug Indien im kleinen Finale 4:3 (2:3). Das deutsche Team war im Viertelfinale an Argentinien gescheitert.

Fußball: Mexikos Fußballer haben die Bronzemedaille gewonnen. Sie setzten sich gegen Olympia-Gastgeber Japan mit 3:1 (2:0) durch. Sebastian Cordova in der 17. Minute per Foulelfmeter, Johan Vasquez (22.) und Alexis Vega (58.) trafen zum souveränen Sieg. Kaoru Mitoma (78.) erzielte den einzigen Treffer für Japan.

Reiten: Die deutschen Springreiter dürfen weiter auf eine olympische Medaille in Tokio hoffen. Die Mannschaft erreichte mit einem souveränen Auftritt das Finale am Samstag (10 Uhr MESZ). Nach drei Runden ohne Abwurf kam das Team von Bundestrainer Otto Becker als Zweiter unter die besten zehn Mannschaften. Die vier Strafpunkte wegen Zeitfehlern werden gestrichen, alle Teams starten im Finale bei null. Startreiter André Thieme begann für das Trio. Der 46-Jährige aus Plau am See, der den Vorzug vor Christian Kukuk erhalten hatte, kassierte mit Chakaria nur einen Zeitfehler. Maurice Tebbel aus Emsbüren hatte mit Don Diarado zwei Strafpunkte wegen Überschreitung der erlaubten Zeit. Schlussreiter Daniel Deußer kam auf Killer Queen mit einem Zeitfehler ins Ziel.

Kanu: Der dreimalige Canadier-Olympiasieger Sebastian Brendel hat ein frühes Aus bei den Olympischen Spielen über seine Paradestrecke verhindert und das Halbfinale erreicht. Nach dem dritten Platz im Vorlauf wahrte der Potsdamer über den Umweg Viertelfinale mit einem Sieg seine Chance auf eine Medaille im Einer über 1000 Meter. Die Entscheidungen fallen am Samstag. Es sei "mental ein Problem" gewesen, sich für das Viertelfinale noch mal "in den richtigen Modus zu bringen", sagte Brendel. Um auf dem Podest zu landen, müsse "schon viel klappen und richtig laufen. Ich kann immer in die Medaillen fahren, aber es wird nicht so eine souveräne Vorstellung wie in Rio geben", sagte er. Teamkollege Conrad Scheibner (Berlin) schaffte als Zweiter seines Vorlaufs den direkten Sprung in die Vorschlussrunde.

Der Kajak-Vierer der Männer um Routinier Ronald Rauhe (Potsdam) qualifizierte sich als Vorlaufsieger über 500 Meter ebenfalls souverän für das Halbfinale. Die Weltmeister sind die Top-Favoriten auf Gold. Bei den Frauen qualifizierten sich der Kajak-Vierer und der Canadier-Zweier mit Lisa Jahn (Berlin) und Sophie Koch (Karlsruhe) über jeweils 500 Meter für das Halbfinale. Beide Boote landeten in ihren Vorläufen auf Rang zwei.

Volleyball: Mit einem Sieg gegen Serbien sind die US-amerikanischen Volleyballerinen ins Finale eingezogen. Sie gewannen im Halbfinale 3:0 (25:19, 25:15, 25:23). Im Finale treffen sie am Sonntag auf Brasilien oder Südkorea.

Basketball: Die Basketballerinnen aus den USA stürmen schier unaufhaltsam ihrem neunten Olympiasieg entgegen. Im Halbfinale fertigte das Team Serbien mit 79:59 (41:23) ab und braucht nur noch einen Sieg, um das siebte Gold in Serie zu holen. Am Sonntag geht es im Finale gegen Japan oder Frankreich; beide Teams hatten die Amerikanerinnen in der Vorrunde klar geschlagen. Gegen die Serbinnen überzeugten vor allem Brittney Griner (15 Punkte) sowie Chelsea Grey (14).

Beachvolleyball: Die Amerikanerinnen April Ross und Alix Klineman haben Gold im Beachvolleyball gewonnen. Das Team, gegen das Olympiasiegerin Laura Ludwig und Margareta Kozuch im Viertelfinale ausgeschieden waren, bezwang Mariafe Artacho del Solar und Taliqua Clancy aus Australien am Freitag deutlich 2:0 (21:15, 21:16). Die 39 Jahre alte Ross holte damit nach Silber in London und Bronze in Rio ihre dritte Olympiamedaille. Für Klineman war Tokio die Olympia-Premiere. Bronze sicherten sich die Europameisterinnen Joana Heidrich und Anouk Vergé-Dépré mit einem 2:0 (21:19, 21:15) gegen die Lettinen Tina Graudina und Anastasija Kravcenoka.

Golf: US-Golfstar Nelly Korda liegt klar auf Gold-Kurs. Die 23 Jahre alte Weltranglisten-Erste behauptete am Freitag im Kasumigaseki Country Club mit einer 69er-Runde und insgesamt 198 Schlägen souverän die Spitze. Vor dem Finaltag hat die Tochter des ehemaligen tschechischen Tennis-Profis Petr Korda drei Schläge Vorsprung auf die zweitplatzierte Inderin Aditi Ashok (201). Die deutsche Golferin Caroline Masson verbesserte sich am dritten Turniertag auf dem Par-71-Kurs im Norden von Tokio mit einer 68er-Runde und insgesamt 209 Schlägen auf den geteilten 20. Rang. "Insgesamt kann ich mit dem Tag zufrieden sein", sagte die 32-Jährige aus Gladbeck.

© SZ/dpa/sid/kast/tbr/jki
Zur SZ-Startseite
Tokio 2020 - Skateboard

SZ PlusMeinungOlympia
:Ein paar Sportarten müssen raus aus dem Programm

Surfen, Klettern, Skateboard: Die neuen Disziplinen tun den Spielen gut. Aber das Programm ist zu voll und zu beliebig. Das muss sich ändern - sonst verstehen die Leute irgendwann nicht mehr, was Olympia eigentlich ist.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB