Formel 1:Brettern nach Canossa

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F1 Grand Prix of Qatar

Wer wird Weltmeister am dritten Advent? Max Verstappen führt die Gesamtwertung an - am Ende könnten auch die Klagen seines Rennstalls Red Bull und des Konkurrenten Mercedes den Titelkampf beeinflusst haben.

(Foto: Mark Thompson/Getty Images)

Beleidigte Streckenposten, abgeschnallte Rennfahrer, verdächtig verkratzte Heckflügel: In der Formel 1 hagelt es in dieser Saison so viele Klagen und Strafen, dass die Justiz kaum hinterherkommt. Viele davon sind überflüssig.

Kommentar von Philipp Schneider

Gott sei Dank, dem Schurken geht's gut! Diesem Schelm, diesem Schlingel, dem Galgenvogel. Es gibt jetzt als Beweis ein Foto von dem Filou, Arm in Arm mit Max Verstappen, und siehe da: Der Spitzbub sieht gar nicht aus wie ein klassischer Bösewicht. Er hat Pausbäckchen, grinst ganz lieb und macht mit einer Hand das Shaka-Zeichen: abgespreizter Daumen und kleiner Finger, "hang loose", wie die Surfer sagen. Entspannt euch mal!

Einen "rogue marshal" hatte Verstappens Teamchef Christian Horner den offenbar handzahmen Streckenposten zuvor im Fernsehen genannt. Mögliche Übersetzungen für "rogue" finden sich im Absatz oben. Eine "rogue wave" ist eine Monsterwelle, ein "rogue state" ein Schurkenstaat. Der aus Horners Sicht abtrünnige (auch eine Bedeutung von "rogue") Posten hatte in der Qualifikation für das Formel-1-Rennen in Katar an einer Gefahrenstelle exklusiv für Verstappen doppelt Gelb geschwenkt, wohingegen andere Piloten gar kein Gelb oder einfaches Gelb sahen. Der nicht bremsende Verstappen wurde daraufhin fünf Plätze strafversetzt, der nicht bremsende Bottas bei einfach Gelb nur um drei. Hundsgemein? Kann sein. Aber war halt so.

Es scheint, als wickle die Formel 1 in dieser Saison mehr Klagen ab als der Bundesgerichtshof. Manche Fälle sind sinnvoll, sie tangieren die verwendete Technik, sie bewerten, ob jemand betrügt - und könnten darüber entscheiden, ob der Weltmeister am dritten Advent Verstappen oder Hamilton sein wird. Andere sind das Resultat von ungewöhnlich durchlässigen Hirn-Mund-Schranken oder aus anderen Gründen verzichtbar.

5000 Euro als Strafe! Weihnachten wird sich anders anfühlen im Multimillionärshaushalt Hamilton

Horner, der auch gesagt hatte, er wünsche sich von der Rennleitung "erwachsene Entscheidungen, die von Erwachsenen getroffen werden", musste später zum Rapport bei ihr antreten. Und diese fällte das reife Urteil, er solle Buße tun, indem er an der Kommissarausbildung des Automobil-Weltverbands Fia teilnimmt. Das wird ihm eine Lehre sein!

Wie auch Verstappen, der 50 000 Euro zahlen musste für Übergriffigkeit, nachdem er einen Heckflügel der Silberpfeile im parc fermé angetatscht hatte. Er empfahl den Verantwortlichen hernach, von der "ziemlich hohen Strafe" ein "schönes Abendessen und viel Wein" zu haben (für den Spruch gab es keine zusätzliche Strafe). Wie auch Hamilton, der neulich nach Canossa bretterte, indem er 5000 Euro dafür überwies, sich auf der Auslaufrunde in Brasilien zu früh abgeschnallt zu haben. 5000 Euro! Weihnachten wird sich anders anfühlen im Multimillionärshaushalt Hamilton.

Mercedes-Teamchef Toto Wolff wiederum stellte sich in Brasilien geschickter an als Horner, indem er sich bei seiner Beleidigung im Vagen verlor. "Fuck them all" funkte er zu Hamilton, als dieser eine massive Strafversetzung mit einer irren Wettfahrt wiedergutgemacht hatte. Alle? Das war ja keine konkrete Beleidigung der Rennleitung.

Vielleicht aber war die Justiz wegen diverser unnötiger Klagen gegen Tatsachenentscheide auch schlicht überlastet. Nach dem Rennen in Silverstone meinte Red Bull, nachträglich eine härtere Strafe für Hamilton erwirken zu müssen. Nach jenem in Interlagos glaubte Mercedes, eine für Verstappen erkämpfen zu können. Oder doch nicht? "Wir wollten eine Diskussion auslösen, das haben wir erreicht", sagte Wolff nach Abweisung der Revision. Klage verloren, alle happy, Hauptsache klagen.

Wenn die Zuschauer Glück haben, dann erhält die sportlich spannendste Saison seit 13 Jahren noch ein würdiges Justiz-Finale. Red Bull sammelt seit Wochen Beweise gegen den Heckflügel von Mercedes. Verdächtige Kratzspuren könnten darauf hinweisen, dass dieser sich bei Höchstgeschwindigkeit auf illegale Weise verformt. Sie sammeln und sammeln. Ob es wohl ausnahmsweise mal für eine sinnvolle Klage reicht?

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