IOC:Was hat Bach nach Erhalt der Nachrichten getan?

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Diese Mails reihen sich in einen spannenden Ablauf ein. In Verdacht geriet Hickey erstmals 2012 durch eine Anschuldigung des früheren brasilianischen Fußballstars Romario, der damals Parlamentarier war und öffentlich behauptete, der IOC-Grande aus Irland wolle am Ticketgeschäft mitverdienen. Für London 2012 wie für Sotschi 2014 war die Firma THG Sports der Kartenpartner des irischen Komitees. Das erzeugte auch Aufmerksamkeit, weil Hickeys Sohn Stephen für die Agentur arbeitete. Im Dezember 2014 unterschrieben die meisten NOKs den Vertrag mit ihren erwählten ATR für Rio. Irlands OCI setzte wieder auf THG, aber am 31. März 2015 kam der Schock: Das Rio-OK lehnte THG als Ticketpartner des OCI ab. Der Firmenname war in Brasilien bereits ein Begriff, mehrere THG-Mitarbeiter waren bei der WM 2014 wegen illegaler Ticketgeschäfte verhaftet worden.

Kurz nach der Ablehnung gründeten in Dublin drei Herren eine Firma namens Pro 10 Sport. Offiziell haben Pro 10 und THG nichts miteinander zu tun. Als aber irische Journalisten eine Pro 10-Kontaktnummer anriefen, kam dort als Ansage auf der Mailbox: "Das ist die Nummer von Marcus Evans". Evans ist Gründer der THG, die Agentur gehört zur Marcus-Evans-Group.

Im Dezember 2015 annoncierte das OCI dann Pro 10 als neuen Ticketpartner. Und im August 2016 erwischte die Polizei während der Rio-Spiele den THG-Direktor Kevin Mallon und Mitarbeiter mit Hunderten Tickets aus dem irischen Kontingent.

Ein Ersuchen um ein Vieraugengespräch. Eine üppige Wunschliste. Und eine Bitte um Karriereberatung ob des wachsenden Druckes wegen seiner "anderen Aktivitäten". All das eingebettet in heikle Ticketgeschäfte, die den IOC-Präsidenten formal doch gar nichts angehen.

Thomas Bach wird auch sonst nicht bei den Paralympics auftauchen

Eine entscheidende Frage ist zweifellos, was Bach nach Erhalt der Nachrichten getan hat: Hat er sie kommentarlos gelöscht? Hat er Hickey geschrieben, es müsse ein Versehen vorliegen und der Ire möge sich an die zuständigen Stellen wenden? Oder hat er anders reagiert? Das IOC sucht auf diese Nachfragen volle Deckung. Auf konkrete Erkundigungen zu den Vorgängen teilte es mit, diese Fragen würden sich "erübrigen", weil der Präsident mit der Ticketfrage ja nichts zu tun habe. Doch das tun sie gerade deshalb nicht. Irgendwann lässt das IOC wissen: "Das IOC wird keine Nachrichten kommentieren, die angeblich einer internen, initiativen Kommunikation von Herrn Hickey entstammen."

Die Paralympics in Rio gehen Donnerstag erst los. Bach bliebe also noch genug Zeit, dem zweitwichtigsten Sportfest der olympischen Familie in den nächsten Tagen die Aufwartung zu machen - und den Behörden dabei zu helfen, Licht ins Ticket-Dickicht um den langjährigen IOC-Vertrauten Hickey zu bringen. Doch dazu wird es nicht kommen. Das IOC erklärt zwar generell, es werde in den Ermittlungen kooperieren. Aber zugleich teilt es mit, dass Thomas Bach keine Möglichkeit habe, die Paralympics zu einem späteren Zeitpunkt zu besuchen, "da er seit langem anderweitige Verpflichtungen hat" - und dass auch sonst kein Brasilien-Besuch geplant sei.

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