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Formel 1:Der Gejagte hetzt den Jäger

F1 Grand Prix of Spain

Enger Titelkampf: Von den fünf direkten Rad-an-Rad-Duellen hat Max Verstappen im Red Bull (hinten) gegen Mercedes-Fahrer Lewis Hamilton bisher vier für sich entschieden.

(Foto: Bryn Lennon/Getty Images)

Beim Großen Preis von Spanien liegt Max Verstappen lange in Führung, doch sechs Runden vor Schluss überholt ihn Titelverteidiger Lewis Hamilton. Ein Sieg der besseren Strategie.

Von Anna Dreher, Barcelona

"Ich sehe nicht, wie wir das zu Ende bringen sollen": Max Verstappen klang langsam verzweifelt. 18 Runden waren beim Großen Preis von Spanien noch zu absolvieren, er war einmal zum Reifenwechsel abgebogen, und diese verdammt schnellen Mercedes pirschten sich immer weiter an ihn heran. Noch hielt er Valtteri Bottas und Lewis Hamilton deutlich auf Abstand. Aber wie lange noch? Seine Reifen waren zu diesem Zeitpunkt zehnmal so alt wie die von Hamilton, der eine schnellste Runde nach der anderen abspulte und gar nicht daran dachte, nachzulassen. "Halte Lewis nicht auf", bekam Bottas schließlich durchgesagt, und so war der Titelverteidiger kurz vor dem Rennende wieder erster Verfolger Verstappens. "Das ist doch verdammt verrückt", rief dieser verärgert per Funk an seine Box, "was wollt ihr denn, das ich tue?"

Hamilton kam immer näher. Und in der 60. Runde schließlich überholte der siebenmalige Weltmeister vor den 1000 Zuschauern Verstappen im Red Bull in der ersten Kurve, jener Stelle, wo der ihn in der ersten Runde überholt hatte. Ein Manöver, das dem 36 Jahre alten Briten seinen fünften Sieg in Serie und den sechsten insgesamt auf dem Circuit de Barcelona-Catalunya brachte. Damit hat er hier so oft gewonnen, wie sonst nur Michael Schumacher. In der Gesamtwertung liegt er mit 94 Punkten nun 14 Zähler vor Verstappen, der vor dem drittplatzierten Bottas ins Ziel kam. "Es war so ein enger Start. Ich war einfach am Jagen und so lange so nah dran", sagte Hamilton, nachdem er sein Auto geparkt hatte. "Ich habe es irgendwie hinbekommen, die Reifen am Leben zu halten. Es war ein bisschen Zocken, aber eine großartige Strategie. Was für ein Tag."

Hamilton begann das vierte Rennen der Saison aus einer gewohnten Position: ganz vorne. Aber dieses Mal war das etwas ganz Besonders, ein Jubiläum, seine hundertste Pole Position in der Formel 1. Er fährt längst in einer eigenen Liga. Der Sonntag von Barcelona markiert seinen 169. Podiumsplatz und 98. Sieg in der Königsklasse des Motorsports. Bis er sich auch hier im dreistelligen Bereich bewegt, wird es nicht mehr lange dauern - zu überlegen ist er als Fahrer, zumal in dem Mercedes, den er diese Saison lenkt.

Hamilton kommt gut weg - Verstappen überholt ihn trotzdem in der ersten Kurve

Verstappen hatte es um mickrige 0,036 Sekunden in der Qualifikation verpasst, die Jubiläumsfete zu verhindern. Der 26 Jahre alte Niederländer reihte sich beim Start hinter Hamilton und vor Bottas ein. Als Vierter startete Charles Leclerc, was die Hoffnung von Ferrari auf bessere Zeiten nährte. Der Monegasse kam auch als Vierter ins Ziel. Sebastian Vettel im Aston Martin wurde 13., Mick Schumacher im Haas 18. und sprach hinterher von einem "schwierigen" und "frustrierenden" Rennen.

F1 Grand Prix of Spain

"Wir waren generell einfach zu langsam, das war das Problem": Max Verstappen (links) konnte Weltmeister Lewis Hamilton lange auf Abstand halten - nur eben nicht lange genug.

(Foto: Getty)

Dieser Grand Prix galt nach Stationen in Bahrain, Imola und Portimão als erster wirklicher Gradmesser für die Teams. Hier würde es nun vor allem darauf ankommen, wer sich auf der Startgeraden Richtung erster Kurve an die Spitze des Feldes setzen - und idealerweise gleich auch absetzen würde.

Hamilton kam gut weg, sein schärfster Konkurrent aber noch besser. Verstappen lauerte im Windschatten des schwarzlackierten Silberpfeils, bevor er vor der ersten Kurve nach innen zog und sich dann an ihm vorbeischob. Dabei berührten sich die beiden Boliden, Hamilton zog etwas zurück - und weg war der fliegende Holländer! Vorteil Verstappen, der auf den ersten Runden eine komfortable Lücke zwischen sich und seinen Verfolger brachte. Für Mercedes verlief der Start nicht nur an vorderster Front unbefriedigend - auch Bottas wurde überholt, Leclerc war nun Dritter, der Finne Vierter und Daniel Ricciardo im McLaren Fünfter.

Weiter hinten hatte sich das Feld ebenso neu sortiert, und während der viermalige Weltmeister Sebastian Vettel im Aston Martin dabei einen Platz gut machte, konnte sich Mick Schumacher von Rang 18 auf 16 vorarbeiten. Im unterlegenen Haas wurde er in Duelle verwickelt, zum Beispiel gegen Yuki Tsunoda im AlphaTauri - der kurz darauf eine Saftey-Car-Phase in der neunten Runde auslöste, weil sein Wagen einfach ausrollte. Und so war der schöne Vorsprung von Verstappen wieder futsch. Doch nach dem Neustart konnte er den Abstand zu Hamilton halten. Der Mercedes war zwar schneller auf den nächsten Runden, kam aber nicht nah genug heran. Erste Abnutzungserscheinungen wurden sichtbar, die Hinterreifen verloren sichtbar Gummi, als nicht mal ein Drittel der 66 Runden absolviert war. Ein Problem, das Mercedes ohnehin beschäftigt.

Großer Preis von Spanien

Der entscheidende Boxen-Stopp: Mit neuen Reifen drehte Weltmeister Lewis Hamilton eine schnellste Runde nach der anderen.

(Foto: Emilio Morenatti/dpa)

Als Erster Mercedes kam nach 24 Runden Bottas an die Box, wie auch einige Fahrer aus dem Mittelfeld. Red Bull entschied sich ebenso für einen Stopp, was 4,2 lange Sekunden dauerte, weil der linke Hinterreifen mit Verzögerung gebracht und montiert wurde. "Das war ein Missverständnis, falsch abgestimmt. Aber dadurch haben wir keinen Platz verloren", sagte Verstappen. "Wir waren generell einfach zu langsam, das war das Problem."

Als neuer Führender kam es für Hamilton nun besonders auf den richtigen Moment für den Wechsel an. In der 29. Runde sah das Weltmeister-Team diesen gekommen. Nach 2,7 Sekunden war er fertig - und die ursprüngliche Startreihenfolge auf den ersten fünf Plätzen anschließend wiederhergestellt. Verstappen lag deutlich vor seinem ärgsten Jäger, Hamilton aber fuhr eine schnellste Runde nach der anderen und hatte zudem den Vorteil der frischeren Reifen. Er pirschte sich immer näher an seine Beute heran.

0,6, dann 0,8, rauf zu 1,07 und runter zu 0,9 Sekunden, rauf zu 1,2 - wie eine Ziehharmonika lief das Duell an der Spitze ab. "Es ist irre, die haben so viel mehr Grip", funkte Verstappen. Und just sorgte Mercedes dafür, dass sich der Effekt verstärkte: Hamilton bekam in der 43. Runde zum zweiten und letzten Mal frische Pneus aufgezogen. Red-Bull-Teamchef Christian Horner faltete am Kommandostand die Hände wie zum Gebet. Die Ziehharmonika war nun auf 22 Sekunden auseinander gezogen, mittendrin Bottas. Draußen bleiben? Oder auch in die Box fahren? Red Bull entschied sich für letzteres, aber es war zu spät. Das Rennen war verloren.

© SZ/sjo/bkl
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