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Pokalsieg des BVB:Rührend naive Dortmunder Freude

RB Leipzig - Borussia Dortmund

"Die Mannschaft war im Dezember halbtot, und er hat sie wieder zum Leben erweckt": Diese Lobesworte gelten Dortmunds Trainer Edin Terzic (Mitte).

(Foto: Martin Rose/dpa)

Der Pokalsieg des BVB ist ein Triumph für Trainer Edin Terzic: Er hat eine "halbtote" Mannschaft wiederbelebt - und macht es seinem Nachfolger nun richtig schwer.

Von Javier Cáceres, Berlin

Es war ein Abend, der auch wegen der Tränen in Erinnerung bleiben wird, die er gebar. Vor allem: bei Lukasz Piszczek, dem Rechtsverteidiger von Borussia Dortmund, der in dieser Spielzeit eine späte, atemberaubende Renaissance erlebte, und in der (noch nicht beendeten) Ligasaison alle Spiele gewinnen konnte, in denen er in der Stammelf auflief. Die Partie war soeben vorüber, und die Konfettikanonen im Berliner Olympiastadion noch lange nicht angeworfen, da schlug Piszczek die Hände vors Gesicht und weinte hemmungslos. Und er weinte und hatte die Hände immer noch vorm Gesicht, als ihn sich seine Dortmunder Teamkollegen schließlich schnappten und in die Höhe schleuderten - zur Feier des 4:1-Finalsiegs im DFB-Pokal gegen RB Leipzig.

"Das heute werde ich für mein Leben mitnehmen", sollte Piszczek, 35, später in einem Interview sagen, dass einer der beiden Torschützen des Abends, Erling Haaland, mit breitem Lachen störte: "Legende!!!", rief der Norweger, der auf dem besten Weg dorthin ist: So wie Jadon Sancho (5./45.) trug auch Haaland mit zwei Toren zum 4:1-Sieg bei (28./88.), den fulminanten, aber in der Endabrechnung sterilen Gegentreffer erzielte Dani Olmo.

"Ich hätte mir das vor der Saison nicht vorstellen können. Aber ich wollte die Zeit hier am liebsten mit einem Titel beenden. Ich bin sehr stolz auf die Mannschaft. Ich finde keine Worte. Das waren Emotionen pur", sagte Piszczek. In seinem Rücken war zu sehen, dass auf der Anzeigetafel die relevante Nachricht des regnerischen, kalten Abends von Berlin stand: Der BVB von 1909 hatte zum fünften Mal nach 1965, 1989, 2012 und 2017 den DFB-Pokal gewonnen - und damit den ersten Titel für das 100 Jahre jüngere RB Leipzig verhindert.

In der virtuellen Presserunde wird Terzic von seinen Spielern mit Bier überschüttet

Piszczek war - zusammen mit dem Schweizer Torwart Roman Bürki und den pandemiebedingt abwesenden Fans - der einzige Borusse, der von Trainer Edin Terzic, 38, erwähnt wurde. Beziehungsweise genauer: für ihre selbstlose Aufopferung. "Lukasz hat komplett den Tank leergemacht, alles an Leistung und Emotion herausgeholt, um diesen Pokal zu gewinnen. Ich wundere mich, dass er überhaupt noch weinen konnte ...", sagte Terzic. Und Bürki? Mache gerade die schwerste Phase seiner Karriere durch, im Alter von immerhin 30 Jahren, und als er "am Samstag wieder gebraucht" und "ins kalte Wasser geworfen wurde", sei Bürki "sofort wieder für uns da" gewesen.

Terzic sagte das bei der ARD, bei Sky und auch in der Pressekonferenz, in der er nach einer Visite in der Kabine erschien. Der Besuch kann nicht sonderlich lang gewesen sein - und dennoch lang genug, dass seine Kleidung nach eigenen Angaben den Geruch von Alkohol verströmte. Im Überschwang hatten seine Spieler eine Reihe an niedrigprozentigen Getränken über ihn ausgegossen - so wie am Ende der virtuellen Presserunde, als sie die Bühne stürmten und Flaschenbier über Terzic ausschütteten.

Diese Art des Feierns kennt man aus vorpandemischer Zeit zur Genüge, sie hatte oft routiniert-rituelle Züge. Diesmal aber war es anders, haftete der Freude etwas jungenhaftes, rührend Naives an. Vor allem aber dies: etwas Aufrichtiges, erst recht in der Freude der Mannschaft für ihren Trainer Terzic, der Fleisch vom Fleische der Dortmunder ist. Er war oft in Berlin gewesen. "Ich habe mir die Siegerehrung von hinten angeguckt, von der anderen Seite angeguckt. Heute dann selbst auf dem Podest zu stehen, ist unglaublich", sagte der Mann, der im Winter auf Lucien Favre gefolgt war.

"Die Mannschaft war im Dezember halbtot, und er hat sie wieder zum Leben erweckt", sagte Vereinschef Hans-Joachim Watzke. In der ARD verriet Watzke auch, dass Terzic vor ein paar Wochen seinen Vertrag langfristig verlängert habe, "mit der klaren Erkenntnis, wie es weitergeht. Er ist ein Dortmunder Junge, der spürt den Verein, der atmet den Verein". Wie es weitergeht? Die Verabredung ist, dass er hinter Marco Rose wieder Assistent wird, der in den zurückliegenden Wochen mit Mönchengladbach abschmierte. Terzic hingegen? Übernahm eine driftende Mannschaft, brachte sie wieder auf strammen Champions-League-Kurs, küsste Kapitän Marco Reus wach, der am Donnerstag an allen Toren entscheidend beteiligt war und vor den Augen von Bundestrainer Joachim Löw in EM-Form aufspielte. Und: Er gewann ein Finale, das in der zweiten Halbzeit mehr Dramatik und Dynamik verströmte als beim Halbzeitstand von 3:0 und im Lichte der seriösen Effektivität der Dortmunder aus der ersten Hälfte zu vermuten stand.

"Es tut weh, es ist ein schmerzhafter Moment", sagt Julian Nagelsmann

So oder so: Terzics Erfolgswelle setzt den künftigen Chefcoach Rose unter unmittelbaren Zugzwang: Jede Pleite wird die Blicke im proletarisch geprägten Dortmund nicht nur darauf lenken, dass Rose gern und cool an der Seitenlinie die Hände in den Hosentaschen vergräbt - sondern auch darauf, dass da auf der Trainerbank einer sitzt, der es kann: Terzic. Andererseits: Er war schon vorher für andere Klubs interessant gewesen, der Glanz, der vom Pokal auf ihn abstrahlt, steigert das Interesse an ihm. "Ob Erfolg sexy macht? Kann ich nicht beurteilen. Aber ich schaue jetzt nicht in den Spiegel, und denke: 'Ist der aber sexy ...!'", sagte er.

Sollte er den Willen zur Veränderung spüren und Gesprächsbedarf sehen, werde man sich an einen Tisch setzen, sagte der Vorstandsvorsitzende Watzke, der eine etliche Millionen Euro schwere Ablöse für Rose bewilligte. Es irre aber, wer da denke, er könne als Nichtchef mit seinem Leben unzufrieden sein. "Ich war vorher Co-Trainer, hatte sehr glückliche Jahre und habe keine Angst vor der Zukunft", versicherte Terzic.

Die muss er gewiss nicht haben - doch das war das einzige Gefühl, das er nach der Partie mit seinem fünf Jahre jüngeren Kollegen Julian Nagelsmann teilen konnte. Nagelsmann wird in der kommenden Saison den FC Bayern trainieren, die Münchner zahlen eine Ablöse, die den Dortmunder Betrag für Rose um ein Mehrfaches übersteigt. Nagelsmann hätte sich gern mit einem Titel verabschiedet. "Es tut weh, es ist ein schmerzhafter Moment. Ich hätte den Titel gern gewonnen, auch wenn ich hier noch 28 Jahre Trainer geblieben wäre. Das hat nichts mit meinem Weggehen zu tun", sagte Nagelsmann, der kaum der Einzige bleiben wird, der Leipzig verlässt.

"Ich habe noch ein Jahr Vertrag in Leipzig, deshalb weiß ich nicht, was ich darauf antworten soll", sagte etwa Mittelfeldspieler Marcel Sabitzer, als er auf seine Zukunft angesprochen wurde. Und Sabitzer, 27, klang ein wenig so, als verspüre er einen Hunger, von dem er nicht glaubt, ihn in Leipzig stillen zu können - einen Hunger nach Titeln.

© SZ/ebc/tbr
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