DFB-Team nach der WM 90 Minuten, die Nachrufe provozieren

  • Das Scheitern der DFB-Elf in Russland verdeutlicht, dass einige erfahrene Nationalspieler längst nicht mehr so gut sind wie vor einigen Jahren.
  • Die Frage ist: Wer macht im Nationalteam nun überhaupt weiter?
  • Spieler wie Sami Khedira, Mats Hummels, Mesut Özil oder Thomas Müller könnten zur Debatte stehen.
Von Christof Kneer, Moskau

Sami Khedira wollte das unbedingt. Er wollte der Kapitän dieser Mannschaft sein, es gab da nur ein kleines Problem: Die Mannschaft wusste nicht so genau, ob sie das auch wollte. Es gab richtig feine Fußballer in dieser Mannschaft, diesen jungen Mesut Özil zum Beispiel, dem die Experten zutrauten, mal bei Real Madrid oder dem FC Arsenal zu spielen. Özil wollte selbst zwar auf gar keinen Fall Kapitän sein, aber irgendwie fand er es auch komisch, dass da einer quasi sein Chef sein sollte, der viel schlechter kicken kann als er. Khedira hat sich dann aber durchgesetzt, nicht zum ersten und vor allem nicht zum letzten Mal in seinem Leben. Er wurde Kapitän der deutschen U 21-Nationalmannschaft, die ein paar Wochen später Europameister wurde.

Unter Hebammen gilt das Jahr 2009 als die Geburtsstunde des Weltmeisters. Damals, bei dieser U 21-EM in Schweden, waren sie schon fast alle beieinander, der Khedira, der Özil, der Neuer, der Boateng, der Hummels, der Höwedes, übrigens auch der spätere Nicht-Weltmeister Sandro Wagner. Nicht dabei war damals Thomas Müller, aus einem einleuchtenden Grund. In die Junioren-Nationalmannschaften werden nur außergewöhnliche Talente berufen, und Müller war ja nicht mal ein Talent. Er war damals wie heute einfach Thomas Müller, nur dass man inzwischen weiß, dass es diesen Müller in unterschiedlichen Aggregatszuständen gibt, bedauerlicherweise eben auch in jenem unsichtbaren, in dem er bei der WM 2018 allenfalls in Spurenelementen nachweisbar war.

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Thomas Müller

Einsamer Surfer jenseits der Wellen

Bei seinen ersten beiden WM-Teilnahmen erzielte Thomas Müller zehn Tore. Doch in Russland verlor er das Gefühl für Raum und Zeit.   Von Benedikt Warmbrunn, Kasan

Fast ein Jahrzehnt hat es die Generation Schweden inzwischen miteinander ausgehalten. Im ersten Jahr haben sie das Publikum der WM in Südafrika gleich mal mit ihrem natürlichen Charme beeindruckt, und erst jetzt, nach neun gemeinsamen Jahren auf der Weltbühne, werden im Binnenverhältnis erste Verschleiß- und Ermüdungserscheinungen spürbar. Im Teamquartier in Watutinki haben Deutschlands Nationalspieler nach der Auftaktniederlage gegen Mexiko angestrengte Debatten geführt, in deren Zentrum der etwas nachgeborene Toni Kroos, aber auch die alten Helden aus Schweden standen.

Wie man nun anderthalb Wochen später weiß, war das nur ein kurzer Prolog, eine Art interne Vorwegnahme dessen, was ab sofort auch draußen massiv diskutiert werden wird: Bringt's das noch mit diesem immer schwergängigeren Khedira? Wie lange will man sich Özils bleiche Körpersprache noch leisten? War Hummels nicht auch schon mal spritziger, und den Boateng, gibt's den eigentlich auch noch mit gesunden Adduktoren? Und der Kroos: Braucht der zum Glücklichsein eigentlich noch Sprints und Tore, oder hat der schon alles?

Es ist nie schön, wenn Große gehen, und es tat fast ein bisschen weh, der deutschen Elf bei ihrem hinfälligen Gekicke gegen Südkorea zuzusehen. Es waren 90 Minuten, die Nachrufe provozierten: auf eine kolossale Generation, die dem Land wunderbare Abende beschert hat und ihre Erfolge meist auch noch mit edlen Mitteln errang. Das ist das Gefühl, das in der ersten Emotion von dieser WM hängen bleibt: dass hier etwas zu Ende gegangen ist. Dass der deutsche Fußball wieder da ist, wo er 2004 schon mal war, dass er einen radikalen Umbruch braucht, neue, frische Fußballer, am besten wie damals wieder einen neuen Lahm und einen neuen Schweini und einen Poldi fürs Gemüt.

Dies ist nun also - neben der Bundestrainerfrage - die zweite große Debatte, die der deutsche Fußball nach diesem mysteriös frühen Scheitern vor sich hat: die Debatte um die Weltmeister. Schon vor der WM sind ein paar der alten Schweden gefragt worden, ob sie nun womöglich ihr letztes Turnier vor sich hätten, die meisten haben das ähnlich entrüstet zurückgewiesen wie Thomas Müller nun nach dem Südkorea-Spiel: Ob man diese Frage jetzt wirklich stellen müsse, meinte Müller und fand das gar nicht lustig.

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Tatsächlich deutet aktuell wenig darauf hin, dass den deutschen Fußball nun eine Rücktrittswelle ereilt, bis auf Khedira, 31, den Stürmer Mario Gomez, 32, und den Torwartsonderfall Neuer, 32, hat noch keiner aus der Reisegruppe Watutinki die dreißig überschritten. Zwar wirkten sie in dieser Vorrunde immer wieder bedenklich alt und grau, aber sie sind auch nie wirklich unter Spannung gewesen bei diesem Turnier, sie wurden vom Bundestrainer nicht straff gecoacht und straff geführt, und sie haben sich auch nicht selbst geführt, weil jeder viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt war.

Nüchtern betrachtet haben die Abwehrspieler Hummels und Boateng zumindest noch einen halben WM-Zyklus drin, bis zur EM 2020 könnten sie ihre Nachfolger wie Niklas Süle, Antonio Rüdiger oder Jonathan Tah noch begleiten und anlernen. Auch Özil könnte seine spezielle Art von Spiel noch ein bisschen weiterspielen, theoretisch auch Müller, sofern er grundsätzlich wieder in seine Karriere als Fußballspieler zurückfindet. Und Toni Kroos hat ohnehin eine Kunstform des schweißfreien Sports entworfen, die er so weiterbetreiben kann, bis er 44 ist.