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FC Chelsea in der Champions League:Zu-null-Könige mit Glücklichmacher

Ein Jahr nach der Niederlage gegen die Bayern mit Paris steht Thomas Tuchel wieder im Champions-League-Finale. Den Weg nach Istanbul ebnet dem FC Chelsea ausgerechnet der zuletzt glücklose Timo Werner.

Von Javier Cáceres

Der Stürmer Timo Werner ist offenkundig alles andere als ein nachtragender Mensch. Sein Blick richtet sich eher nach vorne statt in die Vergangenheit, was man immer schon und immer auch an seinem Spiel erkennen konnte. Werner, 25, hat man beispielsweise nach Fehlschüssen vieles nachsagen können - aber nicht, dass er jemals danach eine resignierende Haltung angenommen hätte. Er steckte, anders formuliert, niemals auf. Und seinen Humor, den hat er sich auch bewahrt, wie am Mittwochabend gut zu sehen war, nach dem vielleicht bisher wichtigsten Tor seiner Karriere.

Timo Werner hatte mit dem Führungstreffer in der 28. Minute, als er einen Abpraller von der Latte ins leere Tor köpfelte, die Grundlage dafür gelegt, dass sein aktueller Arbeitgeber, der FC Chelsea, durch ein 2:0 (1:0) im Rückspiel gegen Real Madrid das Champions-League-Finale von Istanbul erreichte. Timo Werner lachte danach, aus purer, aufrichtiger Freude - und auch reichlich über sich selbst.

"Ein Kindheitstraum" sei in Erfüllung gegangen, erklärte der deutsche Nationalspieler später am Mikrofon des Senders Sky, doch er habe mit diesem Tor eben auch jene Scharte auswetzen können, die in der Vorwoche beim ersten Treffen in Madrid (1:1) entstanden war: "Im Hinspiel war ich sozusagen der Depp, weil ich den Ball aus fünf Metern nicht reingekriegt habe", erinnerte sich Werner an seine anschließend viel diskutierte Fehlleistung, "diesmal wurde es mir aus fünf Metern noch ein bisschen einfacher gemacht: ohne Torwart!"

Er habe allerdings nicht nur "den Fehler - in Anführungszeichen" repariert, wie er seinen Bock von Madrid nannte, sondern auch dafür gesorgt, "dass die Frauen und Fans heute zufrieden sind daheim - etwas Schöneres gibt es doch gar nicht", sagte Werner mit ironischem Subtext. Denn mit der ausdrücklichen Bemerkung über die aktuellen Lebensabschnittsgefährten seiner Teamkollegen hatte es eine besondere Bewandtnis.

"Werner, sehr gut! Du weißt, wie man Tore macht. Du bist der Beste, mein Freund! Ich liebe dich", ruft Thiago Silvas Frau

Isabel da Silva, die Ehefrau von Chelseas Abwehrchef Thiago Silva, hatte kürzlich für Aufsehen gesorgt, weil sie in einem Video über die Abschlussschwäche des Stürmers Werner gelästert hatte. Irgendwas sei mit ihrem Karma, mutmaßte sie, weil in jeder Mannschaft, in der ihr Gatte spiele, im Sturm ein sogenannter "Chancentod" stehen würde. Am Mittwochabend aber war alles anders nach dieser entscheidenden 28. Minute, in der Werners DFB-Kollege Kai Havertz den Ball über den herausstürzenden Real-Torwart Thibaut Courtois an die Querlatte chippte - woraufhin Werner vor dem leeren Tor endlich wieder Kasse machte. Zum ersten Mal nach 488 Spielminuten ohne Champions-League-Treffer.

"Werner, sehr gut! Du weißt, wie man Tore macht. Du bist der Beste, mein Freund! Ich liebe dich!", rief unverzüglich und hochentzückt Frau da Silva in einem Selfie-Video, das sie umgehend ins Netz stellte. Die Sache mit dem ersten Video, so erklärte es Werner bei Sky, sei längst abgehakt gewesen. Thiago Silva hatte sich umgehend beim deutschen Mannschaftskameraden für die Wallungen der Gattin entschuldigt.

"Hoffentlich gelingt es mir, gelingt es uns, dass sie alle noch mal jubeln dürfen", sagte Timo Werner schließlich - in Anspielung auf die Frauen, die Fans und das bevorstehende Finale gegen das Manchester City von Trainer Pep Guardiola, mit dem Chelsea-Coach Thomas Tuchel einst ein legendäres Salzstreuer-Duell austrug. In Schumann's Bar am Münchner Hofgarten spielten Tuchel und Guardiola, damals beide noch Bundesliga-Trainer, vor Jahren nach stundenlangen Fachdebatten auf einem Tisch ein Match durch. Eine solche theoretische Taktikschlacht, sagte Tuchel mit Blick aufs Duell in Istanbul, würde diesmal keinen Sinn ergeben.

Tuchel hat mit Chelsea gegen sechs prominente Kollegen gewonnen

Wie so viele Teams, die der Katalane und frühere FC-Bayern-Coach Guardiola trainiert hat, kommt Manchester City im Streben nach der unerreichbaren Perfektion des Fußballs recht weit. Doch das Chelsea-Team steht dem kaum nach - was auch aus DFB-Perspektive interessant ist. Denn neben Werner und Havertz steht auch Abwehrchef Antonio Rüdiger in den Reihen der Londoner. Dieses Chelsea-Trio ergibt einen Block, auf den Bundestrainer Joachim Löw bei der bevorstehenden EM zählen kann und wird. So wird Thomas Tuchel unversehens zu einem aktuellen Co-Bundestrainer.

Tuchel war bis Heiligabend noch Trainer von Paris Saint-Germain gewesen, Ende Januar ersetzte er dann bei Chelsea die Klublegende Frank Lampard. Seither hat er die "Blues", wie angekündigt, in ein Team verwandelt, gegen das jeder Gegner eher ungern spielt: Zum 18. Mal in nur dreieinhalb Monaten blieb Chelsea unter Tuchel ohne Gegentor - unter anderem war das auch in jenen sechs Spielen der Fall, in denen seine Elf die Teams vormaliger Champions-League-Siegertrainer wie Guardiola (ManCity), Jürgen Klopp (FC Liverpool), José Mourinho (damals Tottenham), Carlo Ancelotti (FC Everton) und jetzt Zinédine Zidane mit Real besiegen konnte.

Gegen die Großen spielte Chelsea also immer zu null. "Wir waren in beiden Spielen die dominierende Mannschaft, das war schon beeindruckend", sagte Timo Werner nach dem 2:0, in dem Chelsea-Eigengewächs Mason Mount erst fünf Minuten vor dem Abpfiff die Führung beruhigend ausbaute, nach einem zuvor verschwenderischen Umgang mit Großchancen.

Es sei nicht der Augenblick, um Kritik zu üben, sagte Trainer Tuchel, aber Chelsea war schon auch ein großes Risiko eingegangen. Die Dominanz hätte viel früher in eine höhere Führung münden müssen. Der grandiose defensive Mittelfeldspieler N'Golo Kanté, der spätere Torschütze Mount und vor allem Kai Havertz hatten genug Gelegenheiten, um das alternde Madrider Ensemble aus dem Stadion an der Stamford Bridge zu schießen.

Hätte Real-Torjäger Karim Benzema in der ersten Halbzeit nicht zwei Chancen gehabt, die Tormann Édouard Mendy großartig parierte, dann hätte man von den Spaniern an diesem Abend kaum Notiz genommen. Der Ballbesitz von 67,7 Prozent wirkte im Nachhinein wie eine Luftspiegelung. "Madrid wurde von einem Zug überrollt", teilte die Zeitung Marca ihren Lesern mit. "Für mich ist das alles enorm", sagte Chelsea-Kapitän César Azpilicueta: "Wir haben schöne Wochen vor uns, in denen wir um viele großartige Dinge kämpfen dürfen."

Das kann man so sagen. Als Tabellenvierter muss Chelsea in der Liga die Champions-League-Qualifikation sichern, und gegen Leicester steht Tuchels Team noch im FA-Cup-Finale (15. Mai), ehe es Ende des Monats zum "rein englischen" Finale in die Türkei reist. Einen Aperitif darauf gibt es kurioserweise an diesem Samstag, da treffen City und Chelsea in der Premier League aufeinander. Guardiolas Elf könnte dabei die quasi sichere englische Meisterschaft auch schon mathematisch perfekt machen.

Für Istanbul werde dieses Spiel keine größere Bedeutung haben, glaubt Tuchel, das Königsklassen-Finale ist für ihn "ein klassisches Fünfzig-fünfzig-Spiel". Und es ist sein zweites Finale nacheinander. 2020 verlor er in Lissabon gegen die Bayern, damals mit den Parisern, die den wichtigsten internationalen Pokal des Klubfußballs auch in dieser Saison nicht mehr gewinnen können.

Er werde, betonte Tuchel, "mit einer Mannschaft und einem Klub" nach Istanbul reisen, die sich "dem Gewinnen verschrieben haben". Deshalb sei es "nicht damit getan, ins Finale zu kommen. Ich bin sehr dankbar darüber. Aber wir werden nach Istanbul reisen, um zu gewinnen". Denn: "Der Job ist noch nicht erledigt."

© SZ/bek/fse
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