Abstiegskampf der Bundesliga:Plötzlich trifft es Freiburg

Hannover 96 v SC Freiburg - Bundesliga

Nach sechs Jahren wieder in Liga zwei: Nicolas Höfler und der SC Freiburg.

(Foto: Ronny Hartmann/Getty Images)
  • Allein der Hamburger SV wechselt in 90 Minuten viermal den Tabellenplatz: Durch den Sieg gegen Schalke rettet sich der Verein wieder in die Relegation.
  • Der VfB stürmt zum Klassenerhalt.
  • Freiburgs Trainer Streich beschwert sich darüber, dass das Leben am Ende die Boshaften belohnt.
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Von Thomas Hummel

Kurze Zeit drohte so etwas wie das Schalke-Syndrom. Um 17.16 Uhr jubelt der Hamburger SV über den 2:0-Sieg über ebendiesen FC Schalke 04. Rafael van der Vaart, die gelbgesperrte Säule des Vereins, tätschelt auf dem Rasen in Hemd und Anzug die verschwitzten Mitspieler. Die stellen sich auf vor den Fans. Da schießt der SC Freiburg in Hannover gerade ein Tor - Nils Petersen zum 1:2. Noch ein Treffer, und der HSV wäre direkt in der zweiten Liga.

Kurz danach, um 17.22 Uhr pfiff Schiedsrichter Stark in Hannover ab. Damit steigt der SC Freiburg und der SC Paderborn in die zweite Bundesliga ab. Der HSV muss in die Relegation. Schon wieder. Und dennoch bedeutet das eine Erleichterung, die Menschen in Hamburg sind zufrieden.

Je näher dieser letzte Spieltag rückte, desto verwirrender wurde die Situation. Sechs Klubs konnten noch absteigen, sechs Klubs sich im letzten Moment retten. Bei welchen Konstellationen steigt welcher Verein ab? Die einen brachten Schornsteinfeger als Glücksbringer ins Stadion (Paderborn), die anderen schliefen im Uwe-Seeler-Zimmer (Hamburger SV) oder gingen ins Kloster (Hannover). Oder schimpften auf den FC Bayern, weil der angeblich den SC Freiburg hat gewinnen lassen vor einer Woche.

Die Badener waren damit als Tabellen-14. ins Saisonfinale gegangen. Mit der guten Ausgangslage war es schon nach zwei Minuten Spielzeit vorbei. Kiroshi Kiyotake brachte Hannover sogleich in Führung. Genau eine Minute später traf in Paderborn ebenfalls der Gastgeber, Marc Vucinovic schoss aus 16 Metern ein. Um 15.33 Uhr hießen die Absteiger VfB Stuttgart und Hamburger SV, Paderborn stand in der Relegation.

Stuttgart wirbelt wie ein Champions-League-Aspirant

Auch Hertha BSC hätte ja noch auf den Relegationsplatz fallen können. Die Berliner nahmen in Hoffenheim ebenfalls einen frühen Rückstand hin, verloren am Ende 1:2. Aufgrund der anderen Ergebnisse musste der Klub aber nie wirklich fürchten, noch abzufallen, es reichte am Ende zu Platz 15.

Weder der HSV noch der VfB machen den Eindruck, als würden sie sich freiwillig geschlagen geben. In Hamburg rumpelte der Sportverein zwar wie eh und je und bolzte den Ball wild durch die Gegend. Angetrieben von einer hingebungsvollen Kulisse werkelten die Spieler rustikal, die matten Schalker wirkten stets ein wenig eingeschüchtert. Für sie ging es ja um nichts mehr, wieso also noch die Knochen hinhalten?

Und der VfB? Der schwang sich in Paderborn zunehmend zu einem Sturmlauf auf. Filip Kostic über links, Daniel Didavi in der Mitte und Daniel Ginczek im Angriff wirbelten, als würde hier ein Champions-League-Aspirant spielen. Es gab Großchancen für die Stuttgarter in Serie, Didavi gelang erst in der 36. Minute das hochverdiente 1:1. Danach zielte Martin Harnik am leeren Tor vorbei, Ginczek vollende einen Slalomlauf nicht. Paderborn war total überfordert mit diesen starken Gegnern, es ging immerhin mit einem Untentschieden in die Pause.

Eigentor von Krmas

In der Halbzeit waren Paderborn und der HSV abgestiegen, Stuttgart in der Relegation. Über Freiburg braute sich bald etwas zusammen. Spätestens zwei Minuten nach Wiederanpfiff.

Da schickten die Hamburger mal wieder einen langen Ball in den Strafraum, Johan Djourou lenkte ihn in der Ballerino-Art mit eingesprungener Drehung irgendwohin. Der Ball hüpfte Ivica Olic vor den Fuß und der verwandelte zum 1:0 für den HSV. Es war 16.35 Uhr, nur eine Minute später hielt Hannovers Torwart Ron-Robert Zieler einen Kopfball von Admir Mehmedi vor der Torlinie. Damit war der HSV plötzlich 15., Freiburg in der Relegation, der VfB und Paderborn abgestiegen.

Kurz darauf schickte der HSV den nächsten langen Ball nach vorne, drei Schalker ließen Slobodan Rajkovic köpfeln, es stand 2:0. Die Arena in Hamburg bebte, dabei war der Klub längst nicht gerettet. Würde Stuttgart gewinnen und Freiburg ausgleichen, dann würde dem HSV der höchste Sieg nichts nutzen.

Alle Blicke nach Hannover

Und der VfB tat weiterhin alles, was er konnte. Zwischendurch mussten die Stuttgarter zwar ihrem Höllentempo Tribut zollen und Paderborn kam ein wenig auf. Doch als die Gäste wieder das Tempo anzogen, konnte sie niemand stoppen. Kostic dribbelte einmal in der Messi-Robben-Art allen davon, um nur an der Hacke eines Verteidigers zu scheitern. Christian Gentner schoss freistehend vorbei. Es war schön anzusehen, aber die vielen vergebenen Chancen zehrten auch an den Nerven. Bis Daniel Ginczek kam.

Der eingewechselte Alexandru Maxim spielte den Pass vertikal nach vorne, Ginczek ließ Paderborns Torwart Kruse aussteigen und grätsche den Ball endlich ins leere Tor. 2:1 für Stuttgart. Um 16.58 Uhr war Freiburg zum ersten Mal auf einem direkten Abstiegsplatz. Zusammen mit den inzwischen hoffnungslos abgeschlagenen Paderbornern. Stuttgart war 22 Minuten vor dem Saisonende erstmals seit Wochen wieder gerettet.

Stuttgart hing zum Schluss zwar noch ein bisschen in den Seilen, doch eigentlich richteten sich nun alle Blicke nach Hannover. Kann Freiburg noch ausgleichen und den HSV in die Tränengrube schicken? Freiburg traf tatsächlich - ins falsche Tor. Nach einem Schuss wehrte Torwart Roman Bürki zunächst noch ab, die Kugel trudelte aber Richtung Torlinie. Bürki hechtete hinterher, erreichte den Ball noch, sein Verteidiger Pavel Krmas stand aber im Weg und von dessen Schienbein landete der Ball im Netz. 0:2. Alles verloren?

Noch nicht ganz. Petersen traf noch in der Nachspielzeit. Noch ein Tor. Die Zeit reichte nicht mehr. Hannover feiert, Stuttgart feiert, Hamburg muss nachsitzen, Paderborn weint, Freiburg weint.

Trainer Christian Streich ging nach dem Schlusspfiff alleine zu den mitgereisten Fans und bedankte sich für die Unterstützung. Danach musste er an ein Mikrofon, blieb zunächst ruhig. "Wir haben das Spiel verloren und andere haben gewonnen, deshalb müssen wir absteigen", sagte er. Natürlich werde er auch in der zweiten Liga Trainer des Sportclubs sein. Danach brach die Wut aus ihm heraus. Die Wut gegen die Mitkonkurrenten, die sich darüber beschwert hatten, dass der FC Bayern angeblich seine Mannschaft vor einer Woche habe gewinnen lassen.

Streich warf den Kritikern Unfairness, Boshaftigkeit und Unsportlichkeit vor. "Und die sind nun auch noch belohnt worden. Aber so ist das Leben."

© SZ.de/schma
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