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Serie "Reisen ohne Flug":"Jeder sollte das Land, in dem er lebt, einmal zu Fuß durchqueren"

Ein Wanderer geht durch einen winterlichen Wald.

Einfach an der Haustür loszulaufen, ist die beste Methode, sein Land kennenzulernen, sagt Spaziergangsforscher Bertram Weisshaar - das geht auch an kalten Wintertagen.

(Foto: Hannah Donze/Unsplash)

Das Neue, das Unbekannte lässt sich nur in der Ferne finden? Stimmt nicht, sagt Spaziergangsforscher Bertram Weisshaar. Ein Gespräch übers Wandern, über Löwen im Käfig und die Schönheit zerstörter Landschaften.

Auto? Flugzeug? Bahn? Alles nicht notwendig für die Reisen, die Bertram Weisshaar macht: Er startet direkt vor der Haustür. Der Fotograf, Landschaftsplaner und Autor ("Einfach losgehen", Eichborn Verlag), der in Leipzig lebt, ist Spaziergangsforscher. Die Promenadologie wurde in den 80er Jahren begründet. Das Spazierengehen ist dabei nicht Gegenstand der Forschung, sondern die Methode: Gehend erschließt sich der Wanderer die Welt. "Wir lesen die Welt mit den Füßen", sagt Weisshaar, der auch einen Weitwanderweg einmal quer durch Deutschland konzipiert hat, den "Denkweg" von Aachen nach Zittau - knapp zwei Monate hat er für die 1200 Kilometer gebraucht.

SZ: Herr Weisshaar, Sie propagieren den Gegenentwurf zur Fernreise und empfehlen, einfach mal vor der Haustür loszulaufen. Aber wo bleibt da der Reiz des Neuen?

Bertram Weisshaar: Viele Menschen kennen ihre unmittelbare Umgebung wahrscheinlich weniger gut als ferne Länder. Selbst wenn man zu Hause häufiger zu Fuß unterwegs ist, hat man meistens ein bestimmtes Ziel - man geht nicht, sondern geht wohin. Wer jedoch einfach aus Neugierde und aus Lust an dieser Bewegungsart losgeht, nimmt seine Umwelt in ihrer Vielfalt ganz anders wahr.

Serie "Reisen ohne Flug"

Statt voller Flugscham um nicht gemachte Fernreisen zu trauern, stellt die SZ in dieser Serie Alternativen vor. Die Artikel erscheinen in loser Folge auf sz.de/reise sowie im Reiseteil in der Süddeutschen Zeitung, alle veröffentlichten Beiträge finden Sie hier auf der Themenseite.

Woran liegt das?

Ich habe immer das Bild eines Löwen vor Augen, der in seinem engen Käfig auf und ab geht, so wie früher im Zoo oder Zirkus. Unsere Lebensweise gleicht ein bisschen einem solchen Käfig. Wir gönnen uns den freien Lauf nicht mehr. Wenn man mit dem Rucksack auf dem Rücken einfach losläuft, ändert sich der Blick. Ganz besonders deutlich wird mir das, wenn ich von einer solchen Wanderung zurückkomme. Man erlebt dann das, was man eigentlich kennt, einerseits mit dem Blick des Fremden, als ob man es zum allerersten Mal sehen würde. Gleichzeitig ist es der Blick des Liebenden, weil mir eine Landschaft noch mal ganz anders vertraut geworden ist. Das hat auf diese Art dann sehr wenig damit zu tun, wie lange ich dort lebe oder ob ich die Sprache als Muttersprache spreche, sondern damit, dass ich mir diesen Raum zu Fuß angeeignet habe.

Spaziergangsforscher Bertram Weisshaar

Spaziergangsforscher Bertram Weisshaar

(Foto: Thomas Eichler)

Ist Gehen gleich Gehen? Oder stellt sich dieser Effekt nur bei einer bestimmten Dauer, einem bestimmten Tempo, einer bestimmten inneren Grundhaltung ein?

Schon eine halbe Stunde vom Schreibtisch weg zu sein und sich die Füße zu vertreten, kann sehr befreiend wirken und hat seinen Wert für Körper und Geist. Aber noch stärker ist das natürlich bei einer Fernwanderung über mehrere Etappen zu spüren. Man bricht auf, man geht los, man weiß nicht, was einem unterwegs begegnet, man lässt sich einfach darauf ein mit dem Grundvertrauen, dass man das irgendwie wird meistern können. Und weiß im Grunde genommen, dass man als ein anderer Mensch zurückkommen wird. Jeder sollte das Land, in dem er lebt, einmal zu Fuß durchqueren.

Warum?

Weil das Gehen durch das Land hilft, es zu verstehen. Und das gelingt am besten auf einer Querschnittsroute durch möglichst viele Phänomene und Landschaften, Zonen und Bereiche, Dörfer und Städte. Ausgewiesene Wanderparadiese sollte man dafür schon mal verlassen - aber man muss nicht neben der Autobahn laufen. Es geht um die Mischung: Wir haben in Deutschland wunderbare Landschaften, weite Wälder, kleinteilige landwirtschaftlich strukturierte Gegenden, aber auch industriell geprägte Regionen. Sie gehören ebenso zum Querschnitt eines Landes.

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Ist denn ein Fußgänger abseits der Wanderwege überhaupt erwünscht?

Es stimmt: Durch die hochmechanisierte Landwirtschaft sind viele Wege verschwunden. Aber es ist ein wertvolles Recht, dass die Landschaft betretbar ist. Deshalb müssen die Kommunen an einigen Stellen auch korrigieren und alte Wege wieder neu herstellen.

Nicht nur als Autofahrer, sondern auch als Fußgänger lassen sich viele von ihrem Smartphone den Weg weisen und trauen sich gar nicht mehr, sich auf das Unbekannte einzulassen. Wie überwinden sie diese Scheu?

Es gibt zwar Puristen, die sagen, dass das Handy beim Wandern zu Hause bleiben sollte. Ich sehe das nicht so, im Gegenteil: Mit dem Smartphone in der Tasche kann ich auch mal zwei, drei Stunden gehen und mich nur von meiner Neugierde leiten lassen. Dann packe ich das Gerät aus und schaue, wo ich bin, wie ich zurückkomme oder wo die nächste Bushaltestelle ist. Verloren gehen kann man bei uns eigentlich kaum. Ich empfinde die GPS-Navigation in der Tat als neue Freiheit. Im Gebirge oder in einem anderen schwierigen Gelände gelten natürlich andere Regeln: Dort kann ich nicht einfach ohne Plan losgehen. Auch im Winter wäre das zu gefährlich.

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Sie wandern auch durch ehemalige Tagebaugebiete, in denen der Bergbau tiefe Narben hinterlassen hat. Das ist nicht gerade das, was man sich unter einer idyllischen Landschaft vorstellt. Warum sind Sie trotzdem gerade dort unterwegs?

Das waren tatsächlich mit die schönsten Landschaften, die ich je in meinem Leben gesehen habe.

Wie bitte?

Das ist in der Tat überraschend. Dort wurde viele Meter tief die Erde abgebaggert, man kann sich kaum eine größere Umweltzerstörung vorstellen. Doch nach wenigen Jahren kommt die Vegetation zurück, zunächst erste Gräser, Schilf, man hört das Quaken von Fröschen und sieht, wo ein Biber gebaut hat. Das ist Evolution zum Zuschauen. Hingegen ist ein Wald ein Wald und wird vermutlich auch in 50 Jahren noch ein Wald sein. Aber eine Tagebaufläche ist ein Zwischenzustand, der schon in 20 Jahren ganz anders aussehen wird, als ich ihn jetzt erlebe. Deshalb sind alle Industriebrachen so faszinierend: Das ist Landschaft in Veränderung und es ist offen, was daraus wird. Und damit ist es für die Fantasie eine weiße Leinwand, auf die ich mein eigenes Bild malen kann.

Es geht Ihnen aber auch um die Menschen: Sie organisieren Wanderungen, bei denen Stadt- und Landbewohner zusammenkommen. Was ist der Sinn dieser Begegnungen?

Nicht nur die Landschaft macht Wandern zum Erlebnis, sondern auch die persönlichen Begegnungen. Und wenn ich im eigenen Land unterwegs bin, sind solche Begegnungen viel einfacher: Man spricht die gleiche Sprache, teilt die gleiche Geschichte, kommt viel schneller in Kontakt, weil man nicht der Außenstehende, der Tourist ist. Außerdem halte ich es für notwendig, dass die Menschen aus der Stadt und vom Land wieder mehr miteinander sprechen. Und eben dies ist das Konzept der "Akademie Landpartie". Bei den Landpartien, die bisher stattgefunden haben, profitierten die Städter vom lokalen Wissen der Menschen in der Region - und die wiederum empfanden es als Zeichen der Wertschätzung, dass sich Menschen aus der Stadt eigens zum Wandern zu ihnen auf den Weg gemacht haben. Wir gehen ja bewusst nicht nur an Orte, die seit Generationen von Wanderern aufgesucht werden, sondern auch in Gebiete, die noch nicht als touristische Destinationen gesetzt sind. Und selbst diejenigen, die von dort kommen, entdecken dabei Orte, an denen sie noch nie waren - und müssen dafür oft keine zehn Kilometer zurücklegen."

© SZ.de/kaeb
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