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Im Schatten der Eiger-Nordwand:Auf den Hörnern der weißen Riesen

Lobhörner mit Eiger

Zwischen Daumen (li.) und Zipfelmütze ist Platz für eine Verschnaufpause, danach kommt eine der Schlüsselstellen (bis 5. Grad).

(Foto: Florian Wagner)

Nur versierte Bergsteiger sollten sich an die Eiger-Nordwand wagen, zu unberechenbar sind die Bedingungen an dem Koloss. In Sichtweite jedoch kann man auf den Lobhörnern trainieren. In märchenhafter Landschaft.

Noch eine Seillänge bis zur Zipfelmütze. Stephan Siegrist reibt sich kurz die Hände warm, schnappt sich das Seil und klettert los. Scheinbar mühelos zieht er sich die glatten Felsen hoch, nutzt schmale Bänder als Tritte und winzige Kanten als Griffe. Nach zwei Minuten ist Siegrist außer Sichtweite, ein paar Minuten später hallt seine Stimme von den gegenüberliegenden Felswänden wider: "Okay! Stand!" Er ist schon oben an der Zipfelmützen-Spitze.

Die Zipfelmütze sieht exakt so aus, wie sie heißt: Es handelt sich um einen langen, oben etwas schräg hängenden Zipfel aus weiß-grauem Fels, dem eigentlich nur ein plüschiger Bommel fehlt. Der 2480 Meter hohe Gipfel gehört zu einer Gruppe von fünf Bergen im Berner Oberland, die wie die Zacken einer Riesenechse auf einem Rücken hoch über dem Lauterbrunnental sitzen. Sie sehen aus, als gehörten sie eigentlich nicht hierher, sondern eher in die Dolomiten - oder in einen Fantasy-Film. Daumen, Zipfelmütze, Kleines und Großes Lobhorn, so heißen die Zacken. Über die steinernen Hörnchen hinweg führt eine technisch mittelschwere (bis Grad 5-), ziemlich lange Kletterroute. Die Kraxelei über Daumen und Zipfelmütze bis zum Großen Lobhorn dauert drei bis vier Stunden.

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Als die anderen Kletterer oben bei Stephan Siegrist ankommen, wabern Nebelschwaden um die bizarr geformten Kalk-Zacken. Weiter unten, beim Zustieg von Sulwald, hatte es noch genieselt, jetzt setzt sich die Sonne durch. Der Blick von der Zipfelmütze geht über eine watteartige Wolkendecke zum berühmten Dreigestirn Eiger-Mönch-Jungfrau. Beim Klettern durch die märchenhafte Landschaft hat man stets die Eiger-Nordwand als Kulisse im Hintergrund. Es ist fast so, als würde man an einem bizarr geformten Zwergen-Gebirge herumklettern, während drei weiße Riesen einem dabei stumm zuschauen. Die Lobhörner stehen zwar im Schatten der Eiger-Nordwand, doch unterschätzen sollte man sie nicht.

Kaum einer kann das besser beurteilen als Stephan Siegrist. Der 42-jährige Alpinist aus Ringgenberg bei Interlaken gilt als eine Art Hausmeister der Eiger-Nordwand, er hat dort mit Ueli Steck neue Routen erschlossen, Geschwindigkeits-Rekorde aufgestellt und die Felswand im Winter wie im Sommer gemeistert. Zu den Leistungen seiner bisherigen Bergsteigerkarriere gehören Erstbesteigungen auf verschiedenen Kontinenten, er war an den schwersten Bergen Nordamerikas, der Antarktis und Patagoniens unterwegs. Siegrist gilt als alpinistisches Universaltalent, er kennt sich im Bouldern und Sportklettern ebenso gut aus wie mit dem Bigwall-, Eis- und Mixedklettern. Zu seinen Spezialitäten gehören zudem Hochseilakte auf der Highline. So balancierte Siegrist zum Beispiel vom Schweizer Matterhorn-Gipfel zum italienischen Gipfel, in 4470 Meter Höhe.

80 Jahre Erstbesteigung Eiger-Nordwand

Durch die Mordwand

Dennoch ist Siegrist auch bei einer für ihn ziemlich einfachen Tour wie der Lobhörner-Überschreitung hoch konzentriert. Nebenbei hat er genug Puste, um über Parallelen zwischen Nordwand und Lobhörnern zu reden. Die Überschreitung der Zacken ist im Winter eine beliebte Eingehtour für die Eiger-Nordwand. Der Kalkfelsen ist ähnlich glatt und hart, man muss gut auf den Füßen stehen und kann das Klettern an steilen Wänden mit Steigeisen üben, und das alles ohne die großen Gefahren, die in der Eiger-Nordwand drohen: Steinschlag und fallende Eisbrocken kommen an den Lobhörnern eher selten vor.

Verglichen mit den lustig anmutenden Namen der Hörnchen machen einem manche Namen der Schlüsselstellen in der Eiger-Nordwand schon Angst: Schwieriger Riss, Bügeleisen, Weiße Spinne, Wasserfallkamin. Die Eiger-Nordwand erhebt sich 1800 Meter hoch über der Kleinen Scheidegg bei Grindelwald, sie gehört zu den schwersten Wänden der Alpen. Obwohl Stephan Siegrist in einem Dorf bei Bern aufgewachsen ist und schon als junger Sportkletterer wichtige große Nordwände der Alpen wie Grandes Jorasses, Matterhorn und Große Zinne gemacht hatte, wagte er sich erst im Alter von 20 Jahren an den Eiger. Bei seiner ersten Durchsteigung der Wand, einer Winterbegehung, wäre Siegrist fast gescheitert, weil seine ausgeliehenen Schuhe zwei Nummern zu groß waren.