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Antarktis-Kreuzfahrt:Angst vor den Mitreisenden

Im Moment aber würde er die Frage nach dem "Wie" mit einem saloppen "auf dem Schiff natürlich" beantworten, damit war alles gesagt.

Knigge für die Kreuzfahrt

Kurs auf Manieren

Siebeneisen hatte die Fahrt über die Drake-Passage nur mit Hilfe der Kaugummis überstanden, die ihm sein Apotheker zu Hause verkauft hatte.

Offensichtlich war dieses Geheimmittel andernorts nicht erhältlich; bei den ersten Mahlzeiten saß er jedenfalls meist allein am Tisch. Siebeneisen mochte das. Schon auf dem Flug zum Schiff hatte er sich anhören müssen, wie toll es seinen Sitznachbarn (und Bald-Mitpassagieren) letzte Woche doch am Amazonas gefallen hatte und dass die Omanreise im vergangenen Monat das bisherige Highlight des noch sehr jungen Jahres gewesen sei.

Siebeneisen schwindelte es bei sowas. Da aß er lieber allein zu Abend und dachte darüber nach, wie es wohl sein würde, mit 73 noch arbeiten zu müssen.

Als die MS Fram angekommen war in der Antarktis, war das Meer so ruhig wie die Klarsichtfolie, die bei der Augsburger Puppenkiste immer den Ozean gibt. Das ganze Schiff schien permanent auf den Beinen zu sein, um ja nichts zu verpassen. Ständig gab es neue Landzungen und Eisberge, und wenn rechts oder links ein Wal aus dem Wasser auftauchte, wechselten alle im Sprint die Deckseite. Da konnte man froh sein, dass das Schiff wie ein Brett im Wasser lag.

Dieses ständige Hin und Her bereitete Siebeneisen anfangs Probleme. Weil alle Passagiere identische, schlumpfblaue Expeditionsjacken trugen und mit Mützen, Schals und völlig übertriebenen Gletscherbrillen vermummt waren, wusste er nie, wen er vor sich hatte. Es hatte zwei, drei Tage gedauert, bis er zumindest einen Teil seiner Mitreisenden auseinanderhalten konnte. Und wusste, dass der barfüßige Inder, der immer auf einem Sofa in der Schiffslobby schlief, keineswegs zum Küchenpersonal gehörte.

Offensichtlich verbrachte der Mann sein Leben in einer Art Vor-Nirwana, in dem er nicht gestört werden durfte. Wenn er nicht schlief, saß er mit dem Rücken zum Fenster und las mathematische Fachbücher. Als Siebeneisen ihn einmal auf eine besonders beeindruckende Szenerie aufmerksam machte, bekam er nur ein kryptisches "Die habe ich schon in meinen Träumen gesehen" zur Antwort. Darüber sinnierte Siebeneisen dann den ganzen Abend.

Überhaupt erinnerten ihn seine Mitpassagiere an das wohl gecastete Ensemble eines Fellini-Films. Da gab es zum Beispiel die australischen Frauen, die "Women's-Liberation!!!"-Buttons an ihren Pullovern trugen. Sie waren etwa zwischen Mitte 80 und 104 und sangen sich beim Essen gerne Radiowerbespots aus ihrer Kindheit vor, "jelly jelly, how jelly is my jelly", wobei sie sich an den Händen hielten und selig strahlten. Siebeneisen hatte Angst vor ihnen und versuchte, mindestens vier Tische, Schlauchboote oder Robben zwischen sich und sie zu bringen.

Dumme Touristenfragen II

"Kann ich den Zug nach Hawaii nehmen?"