Süddeutsche Zeitung

Antarktis-Kreuzfahrt:"Die Robbe ist tot, warum nur, warum?"

Die Abenteuer des Herrn Siebeneisen in der Antarktis mit den seltsamsten Mitreisenden südlich des Äquators.

Da stand er also auf dem Eis, stand da und wusste nicht wohin. Sie waren überall, und er durfte ihnen nicht zu nahe treten, das hatten die Wissenschaftler an Bord immer wieder betont.

Abstand wahren!

Nicht stören!

Nicht hektisch bewegen!

Siebeneisen machte einen vorsichtigen Schritt zur Seite, aber natürlich hockten, lagen, standen und kackten auch dort Pinguine. Auf der anderen Seite ebenfalls. Vorne auch. Hinter ihm genauso. Wie bitteschön konnte man einen Zehn-Meter-Abstand einhalten, wenn man mitten zwischen Zigtausenden Pinguinen abgesetzt wurde?

Es war niemand da, den er hätte fragen können. Der Inder war an Bord der MS Fram geblieben; der Neuseeländer ging sowieso nie an Land. Die Australierinnen waren aus dem anlandenden Schlauchboot gestürmt, als wollten sie den D-Day nachspielen. Frau Naubeck mit ihrer Gehhilfe schwankte weit hinten über den steinigen Strand; die Kreischerin stützte sie. Und die Grönländer suchten mal wieder einen Platz für ihre Flagge. Sonst war niemand zu sehen.

Siebeneisen sondierte seine Lage, als ein Pinguin aus einer Gruppe ausscherte und auf ihn zuwatschelte. Er blieb vor ihm stehen, starrte auf sein linkes Bein - und hackte zu.

Für einen Moment zog und zerrte der Pinguin am aufgenähten Logo des Expeditionshosen-Herstellers und schlug dazu wie außer sich mit seinen Stummelflügeln. Dann ließ er los, gab ein erbärmliches Krächzen von sich, drehte sich weg und bückte sich. Aus seinen hinteren Federn schoss ein langer weißer Strahl auf die Expeditionshose.

Siebeneisen beschloss, sich augenblicklich zurück zum Schiff bringen zu lassen.

Wie war er hierhin gekommen, ans Ende der Welt? Darauf hatte Siebeneisen mehrere Antworten. Später, mit stabilem Boden unter den Füßen, würden ihm die anderen einfallen, die midlifekriselnden, tiefgründelnden, die nach einem Glas schweren Rioja verlangten, mit Beethovens Cellokonzerten als Untermalung: dass sich der Mensch ruhig einmal auf menschenfeindliches Terrain begeben solle, um die eigene Sterblichkeit zu erfahren, und dass ein wegschmelzender Kontinent sehr schön die Vergänglichkeit allen Seins symbolisiere, so was alles.

Angst vor den Mitreisenden

Im Moment aber würde er die Frage nach dem "Wie" mit einem saloppen "auf dem Schiff natürlich" beantworten, damit war alles gesagt.

Siebeneisen hatte die Fahrt über die Drake-Passage nur mit Hilfe der Kaugummis überstanden, die ihm sein Apotheker zu Hause verkauft hatte.

Offensichtlich war dieses Geheimmittel andernorts nicht erhältlich; bei den ersten Mahlzeiten saß er jedenfalls meist allein am Tisch. Siebeneisen mochte das. Schon auf dem Flug zum Schiff hatte er sich anhören müssen, wie toll es seinen Sitznachbarn (und Bald-Mitpassagieren) letzte Woche doch am Amazonas gefallen hatte und dass die Omanreise im vergangenen Monat das bisherige Highlight des noch sehr jungen Jahres gewesen sei.

Siebeneisen schwindelte es bei sowas. Da aß er lieber allein zu Abend und dachte darüber nach, wie es wohl sein würde, mit 73 noch arbeiten zu müssen.

Als die MS Fram angekommen war in der Antarktis, war das Meer so ruhig wie die Klarsichtfolie, die bei der Augsburger Puppenkiste immer den Ozean gibt. Das ganze Schiff schien permanent auf den Beinen zu sein, um ja nichts zu verpassen. Ständig gab es neue Landzungen und Eisberge, und wenn rechts oder links ein Wal aus dem Wasser auftauchte, wechselten alle im Sprint die Deckseite. Da konnte man froh sein, dass das Schiff wie ein Brett im Wasser lag.

Dieses ständige Hin und Her bereitete Siebeneisen anfangs Probleme. Weil alle Passagiere identische, schlumpfblaue Expeditionsjacken trugen und mit Mützen, Schals und völlig übertriebenen Gletscherbrillen vermummt waren, wusste er nie, wen er vor sich hatte. Es hatte zwei, drei Tage gedauert, bis er zumindest einen Teil seiner Mitreisenden auseinanderhalten konnte. Und wusste, dass der barfüßige Inder, der immer auf einem Sofa in der Schiffslobby schlief, keineswegs zum Küchenpersonal gehörte.

Offensichtlich verbrachte der Mann sein Leben in einer Art Vor-Nirwana, in dem er nicht gestört werden durfte. Wenn er nicht schlief, saß er mit dem Rücken zum Fenster und las mathematische Fachbücher. Als Siebeneisen ihn einmal auf eine besonders beeindruckende Szenerie aufmerksam machte, bekam er nur ein kryptisches "Die habe ich schon in meinen Träumen gesehen" zur Antwort. Darüber sinnierte Siebeneisen dann den ganzen Abend.

Überhaupt erinnerten ihn seine Mitpassagiere an das wohl gecastete Ensemble eines Fellini-Films. Da gab es zum Beispiel die australischen Frauen, die "Women's-Liberation!!!"-Buttons an ihren Pullovern trugen. Sie waren etwa zwischen Mitte 80 und 104 und sangen sich beim Essen gerne Radiowerbespots aus ihrer Kindheit vor, "jelly jelly, how jelly is my jelly", wobei sie sich an den Händen hielten und selig strahlten. Siebeneisen hatte Angst vor ihnen und versuchte, mindestens vier Tische, Schlauchboote oder Robben zwischen sich und sie zu bringen.

Flucht vor der Kreischerin

Gleiches galt für den ausgemergelten Neuseeländer, bei dem das aber nicht weiter schwierig war, weil der ausgemergelte Neuseeländer jeden Tag vier mal 90 Minuten auf einem Laufband im schiffseigenen Fitnessstudio verbrachte, wo man ihn vom Deck aus beim Ausmergeln zusehen konnte. An Land ging er nie - Siebeneisen vermutete, dass der Mann nur jene Jogging-Shorts und ärmellosen T-Shirts im Gepäck hatte, in denen er auch zum Dinner erschien.

Dann war da noch die dickliche Frau Naubeck, die allen immerzu erklärte, dass sie sich schon für die kommende Expedition angemeldet habe, um schnell zu ihren kleinen Pinguinfreunden zurückzukehren: "Manchmal glaube ich, die erkennen mich wieder!" Zwei Inuit waren auch an Bord, sie hissten bei Landgängen heimlich eine grönländische Flagge, offenbar bereiteten sie sich auf die Souveränität vor.

Und natürlich die Kreischerin, eine Frau in den Fünfzigern, die jedes Mal vor Begeisterung aufschrie, wenn sie eine Robbe sah - was die Robbe in der Regel zur sofortigen Flucht ins Wasser veranlasste. Blieb sie ausnahmsweise liegen und döste weiter, hielt die Kreischerin sie für tot und schrie deswegen: "Sie ist tot, oh nein, warum ist sie bloß tot?" An den ersten Reisetagen hatte Siebeneisen die Frau zu beruhigen versucht.

Später flüchtete er, sobald die Kreischerin sich ihm näherte. Er nahm sich vor, sie mit dem Inder bekanntzumachen. Das würde bestimmt beruhigend auf sie wirken.

Siebeneisen selbst hätte gelassener nicht sein können: Die Antarktis hatte eine nachgerade sedierende Wirkung auf ihn. Sobald die Sonne das Eis frühmorgens glitzern ließ, saß er dick verpackt an Deck und versank in den vorbeiziehenden Panoramen. Das war vielleicht ein Land!

Diese Weite!

Diese Menschenleere!

Und die Eisberge erst!

Die Robben waren Siebeneisen egal, die heimtückischen Pinguine erst recht - die Eisberge aber liebte er. Manchmal tauchten sie aus dem Nebel auf wie Gebilde, die aus einem surrealistischen Gemälde von Dalí gepurzelt sind, langsam und lautlos und majestätisch. Siebeneisen wurde immer ein bisschen schwermütig, wenn er die weißen Riesen vorbeitreiben sah. Dann sinnierte er über das Verschwinden großer Dinge und fühlte sich ganz novembrig.

Ein- oder zweimal am Tag ging es an Land.

Attacke von oben

Zuerst düste eine Art Späher-Schlauchboot voraus, um das Gelände zu sondieren, anschließend folgten alle anderen (bis auf den Neuseeländer und den Inder) nach einem ausgeklügelten Shuttle-Fahrplan. Siebeneisen schätzte, dass bei jedem Landgang High-End-Gerätschaften im Wert von mehreren 100.000 Euro an Land geschleppt und in den nächsten 60 Minuten etwa 17 Terrabyte Speicherkarten mit schiefen Horizonten, fußlosen Pinguinen und unscharfen Seevögeln gefüllt wurden.

Er bedauerte schon jetzt jene armen Zeitgenossen, die sich die Resultate dieser wirren Zooms und Schwenks später in einem Wohnzimmer irgendwo auf der Welt anschauen mussten. Da würden einige bestimmt die Kaugummis aus seiner Apotheke benötigen.

Die Vögel waren übrigens ziemliche Brummer. Die Skua zum Beispiel, groß wie verfettete Adler und ausgestattet mit imponierenden Hackeschnäbeln. Natürlich durfte man auch ihnen nicht zu nahe kommen. Kommt ein Skua geflogen, sollte man immer sofort die Hände über den Kopf halten, weil die Vögel immer den höchsten Punkt attackieren. Auch manche Robbenarten konnten erstaunlich schnell sein. Siebeneisen wurde Zeuge, wie eine dieser prallen Würste giftig fauchend auf die Kreischerin zurobbte.

Offensichtlich hatte sie das Tier für verstorben gehalten und wollte ein wenig über dem Leichnam weinen. Jetzt sah man sie kreischend zurück zu Frau Naubeck laufen. Siebeneisen beschloss, den Inder vor der Frau zu warnen.

Waren keine Skuas, Pinguine und Robben in der Nähe, lag die Antarktis schweigend und leer unter einem drückenden Himmel. In der Halfmoon-Bay war Siebeneisen durch die Ruinen einer Walverarbeitungsanlage gestromert. Die rostigen Tanks und Kessel sahen aus wie die Überreste einer außerirdischen Zivilisation, die einst hier Fuß fassen wollte und es sich dann doch anders überlegt hatte.

Auch die britische "Base E" auf Stonington Island war verlassen. In den Regalen stapelten sich alte Konserven, auf dem Tisch standen Gläser und Teller, es schien, als seien die Forscher nur mal kurz um den Block - nach einem Aktfoto von Raquel Welch auf der Herrentoilette zu schließen, musste das allerdings um 1976 gewesen sein. Leider wurde Siebeneisen beim Betrachten des Posters von den Australierinnen erwischt.

Das Mitleid der Pinguine

Die Situation eskalierte nur deshalb nicht, weil sie im Regal unter Raquel ein prähistorisches Päckchen Waschmittel entdeckten. Als ihnen dazu augenblicklich die entsprechende Radiowerbung einfiel: "Who makes our blouses shiny clean? The Washing Queen! The Washing Queen!", konnte sich Siebeneisen nach draußen schleichen, wo die Grönländer sich gerade mit ihrer Flagge fotografieren ließen.

Er hätte schwören können, dass die Pinguine ihn mitleidsvoll anschauten.

Später saß er mit einem Glas Scotch und an Bord geschmuggelten Eisstückchen an Deck und beobachtete einen Wal, der immer wieder neben der MS Fram auftauchte und die Passagiere an Deck anzuschauen schien. Die Antarktis ist der einzige Kontinent ohne menschliche Kultur, sinnierte Siebeneisen, und vielleicht kam sie ihm genau deshalb auch besser vor als der Rest der Welt.

Konkreter.

Klarer.

Ehrlicher.

Er seufzte. An der Reling zog die übliche Leinwand aus Bergen, Wasser und Gletschern vorbei, die eine ähnlich hypnotische Wirkung entfalteten wie loderndes Kaminfeuer. Als er sich aufrappelte, sah er hoch über seinem Rücken im Sportstudio den ausgemergelten Neuseeländer, der gerade bei einer Zusatzeinheit auf dem Laufband war.

Krächz zum Abschied leise "Servus"

Ein paar Tage später liefen sie in Ushuaia ein. Ein Gewimmel in schlumpfblauen Jacken wuselte von Bord, mit dem joggenden Neuseeländer vorneweg. Der Inder verneigte sich tief vor Siebeneisen. Frau Naubeck und die Kreischerin überreichten ihm Zettel mit den Daten ihrer kommenden Antarktisreisen, falls es zeitlich passe, wäre doch schön. Die Grönländer waren schon fort, offensichtlich mussten sie ihre Flagge auch in Patagonien hissen. Siebeneisen wurde es ein bisschen schwer ums Herz.

Hinter ihm hörte er ein leises Summen. Als er sich umdrehte, standen die Australierinnen da und sangen ein Abschiedslied, irgendwas mit "Kälte des Meeres" und "Gottes schützender Hand", vielleicht ein alter Werbespot der Seefahrtsmission.

Dann schenkten sie ihm einen großen Plüschpinguin aus dem Bordverkauf. Siebeneisen nahm ihn gerührt entgegen. Versehentlich drückte er dabei einen Knopf im Stoff, worauf der Plüschpinguin nach Siebeneisens Finger schnappte und wie außer sich mit den Stummelflügeln schlug. Dann öffnete er den Schnabel und gab ein erbärmliches Krächzen von sich.

Siebeneisen kam das alles seltsam bekannt vor. Bevor es zu spät war, steckte er den Pinguin schnell zurück in die Plastiktasche.

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Quelle:
SZ vom 11.11.2009/kaeb
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