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Airbnb:Das Ziel: Touristen erziehen

Ihr sei das Geld nicht so wichtig, sagt Rena Otte, die seit drei Jahren ihre Wohnung in San Frediano über Airbnb vermietet. "Mir macht es Spaß, Kontakt zu Leuten aus aller Welt zu haben und ihnen einen unvergesslichen Urlaub in Florenz zu ermöglichen. Würde ich die Wohnung langfristig vermieten, käme es finanziell fast auf das Gleiche heraus - außerdem könnte ich sie dann nicht spontan für mich, Freunde oder Verwandte nutzen."

Abgesehen davon sind Langzeit-Mietverträge in Italien unbeliebt, weil es immer wieder Fälle gibt, wo die Mieter trotz mehrfacher Kündigung jahrelang wohnen bleiben. Reisejournalistin Beck findet Airbnb in Städten in Ordnung, wenn die Besitzer selbst in der Wohnung wohnten und nur an Touristen vermieteten, wenn sie in Urlaub fahren oder beruflich unterwegs sind.

Florenz setzt mit seiner neuen Kampagne "#EnjoyRespectFirenze" indes auf Erziehungsregeln für Touristen. "Wer unsere Stadt besucht, muss das historische Erbe und seine Bewohner respektieren", sagt Tourismus-Chefin Anna Paola Concia. Die Aktion kommt zur richtigen Zeit. Denn inzwischen hat man das Gefühl, manche Touristen würden sich alles erlauben. Wer Müll rumliegen lässt, wird ab sofort bestraft, auch wer nachgemachte Markensachen kauft, auf Treppenstufen vor Kirchen herumlungert oder Monumente beschmiert. Verbreitet wird die frohe Botschaft auf Tassen, T-Shirts, Einkaufstaschen oder per Lichtprojektion auf Monumenten.

Airbnb Einblicke in ein fremdes Leben
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Einblicke in ein fremdes Leben

Wer bei Airbnb ganze Wohnungen bucht, unterstützt fiese Miet-Haie - und hat hinterher keine guten Geschichten zu erzählen. Ein Plädoyer für die Übernachtungen im Gästezimmer.

Eine Lösung der "Touristifizierung" könnte das neue Gesetz bringen, Manovrino genannt, kleines Manöver. Seit Mitte Juni müssen Airbnb und andere Wohnungsvermittler von den Einkünften der Vermieter einen fixen Steuersatz von 21 Prozent direkt an den Staat abführen - theoretisch. Doch bis jetzt ist nichts passiert.

"Wir hatten nicht genügend Zeit, uns darauf einzustellen und wissen nicht, wie wir vorgehen sollen", sagt Mauro Turcatti, Pressesprecher bei Airbnb Italien, "und das in der Sommerpause - da läuft hierzulande ja gar nichts." Zum einen gäbe es das Problem, dass er alle 120 000 Airbnb-Mitglieder in Italien fragen müsste, ob sie zum Beispiel ein Bed & Breakfast oder eine Ferienwohnung anbieten, denn dafür gelten andere Steuersätze. "Würden die Vermieter lügen, würde Airbnb zur Rechenschaft gezogen werden", erklärt Turcatti.

Abgesehen davon sei es auch technisch nicht einfach, in so kurzer Zeit die Airbnb-Computer neu zu programmieren. "Am einfachsten wäre, wir würden von jedem die 21 Prozent abziehen und die Vermieter müssen sich später um die Differenz kümmern", sagt Turcatti. "Aber das können nicht wir entscheiden, sondern der Staat."

"Kontrollen existieren quasi nicht"

Inzwischen hat auch die Steuerbehörde erkannt, dass die Entscheidung wohl etwas vorschnell war. Bis jetzt hat Airbnb Aufschub bekommen und keine Steuern abgezogen, die Vermieter bekamen die volle Miete und müssen sich um die Besteuerung wie bisher auch alleine kümmern. "Leider versuchen viele Italiener, Steuern zu hinterziehen und vermieten schwarz", regt sich Steuerberaterin Giovannelli auf. "Vielleicht würden weniger Leute über Airbnb anbieten, wenn wie geplant die Steuern automatisch abgezogen würden und sie merkten, dass es sich finanziell nicht so sehr lohnt."

Die Behörde versichert, es gebe natürlich Kontrollen, um herauszukriegen, welche Vermieter schwarz vermieteten. "Solche Kontrollen existieren aber hierzulande quasi nicht", sagt dagegen Giovannelli. "Der Staat ist unfähig, gegen die Steuerflucht vorzugehen."

Airbnb-Forscher Picascia hält das Manovrino für keine gute Idee. "Die finanzielle Ungerechtigkeit könnte damit noch zunehmen", sagt er. Vermieter von nur einer Wohnung würden aufgeben, weil es sich finanziell für sie nicht lohne, dafür gäbe es mehr Hotels oder Vermietungen über Agenturen im Zentrum, denn die Touristen kämen sowieso. "Besser wäre, wenn Vermieter in weniger touristischen Gegenden weniger Steuern zahlen müssten", sagt er. So könne man die Wirtschaft in weniger bekannten Quartieren fördern, und die Touristen würden nicht immer nur das überfüllte Zentrum kennenlernen.

Aber auch als Reisender könne man zur "De-Touristifizierung" beitragen, sagt der Schweizer Patrick Imhasly. "Man sollte sich das Problem bewusst machen und überlegen, ob man da mitmachen möchte", meint er. Mit seiner Freundesgruppe fährt er seit Jahren in völlig unbekannte Orte in Italien. "Ehrlich gesagt: Dort erleben wir so viel von Land und Leuten, dass ich auf Florenz getrost verzichten kann."

© SZ vom 15.09.2017/kaeb
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