Süddeutsche Zeitung

Airbnb:Die Wut der Florentiner

Knapp 10 000 Airbnb-Wohnungen gibt es in Florenz. Einheimische fühlen sich wie Statisten in der eigenen Stadt, die zum Disneyland verkommt. Ein neues Gesetz soll die Entwicklung stoppen - eigentlich.

Der Juwelier Ugo Bellini fühlt sich wie ein Panda. "Die Touristen glotzen durchs Fenster und machen ein Foto - wie im Zoo. Fehlt nur noch, dass sie mir Nüsse hineinwerfen." Das klingt lustig, aber Ugo ist traurig. Früher hätten die Bewohner des Viertels regelmäßig seinen Schmuck gekauft, Kettenanhänger für die Ehefrauen, Ringe für Verliebte.

Jetzt kämen immer weniger Einheimische, weil sie wegziehen müssten. "Wohnungsbesitzer machen keine Langzeitverträge mehr und vermieten lieber an Touristen", sagt er. Auf die ist er nicht gut zu sprechen. "Die sehen meinen Laden wohl als Staffage. Florenz wird immer mehr zum Disneyland - und mit schuld ist Airbnb."

Wie Venedig und Barcelona werde Florenz zu einer "Kathedrale des Konsums", finden auch Stefano Picascia und seine Kollegen von der Universität in Siena. Die Forscher haben vor Kurzem auf dem Kongress der AESOP, einem Netzwerk europäischer Universitäten mit Raum- und Stadtplanungsstudiengängen, ihre Studie zu den Auswirkungen von Airbnb in 13 Städten in Italien vorgestellt - eine der ersten, die das so ausführlich untersucht hat. Mit 340 000 Anzeigen steht Italien danach weltweit an dritter Stelle der Anbieter, nach den USA und Frankreich. 121 000 Wohnungsbesitzer vermieteten 2016 über Airbnb, 5,6 Millionen Gäste sind gekommen, was den Besitzern 621 Millionen Euro bescherte.

18 Prozent des Wohnungsbestands in Florenz werden inzwischen über Airbnb angeboten, also eine von fünf Wohneinheiten. In Rom und Venedig ist es dagegen "nur" jede zwölfte Wohneinheit. 9539 Airbnb-Unterkünfte gibt es inzwischen in Florenz, und jedes Jahr kommen Tausende dazu. Eines der Viertel, das stark betroffen ist, ist San Frediano, wo auch Ugos Laden ist. Ein Zeitungshändler musste dort schließen, weil keiner mehr Zeitungen kaufte. Dafür gibt es jetzt alle paar Meter eines dieser gesichtslosen Lokale, mit kleinen Holztischen, süffigem Wein und schlechter Pasta - doch die Touristen mögen es und denken, das ist Italien.

Geschickt haben Unternehmer das Potenzial der Airbnb-Touristen erkannt. Die freuen sich über - sehr unitalienischen - Smoothie aus Plastikbechern und fleischfreie Hamburger im neuen veganen Bistro, über Coffee to go und über Vollkornbrot aus dem S. Forno, der mit der auf alt gemachten Glasvitrine, den Holzregalen und Brotkörben an eine Bäckerei aus den 1950er-Jahren erinnert.

"In den letzten Jahren sind Airbnb-Wohnungen wie Pilze aus dem Boden geschossen", sagt Ivana Giovannelli, Steuerberaterin in Oltrarno. "Es sind heute nicht nur Tausende mehr, sondern die meisten werden von großen Agenturen vermietet." Und die Ladenbesitzer arrangieren sich damit. Touristen bringen Geld, deshalb sagt Obsthändlerin Melania Luzzi auch nichts, wenn sich die Kunden aus dem Ausland selbst bedienen und ihr Obst antatschen - für Italiener undenkbar.

Melania hat nur noch wenige "alte" Kunden aus dem Viertel. Sie macht Obstsalat zum Mitnehmen, Lasagne und Pasta oder brät frisches Gemüse, was sich die Touristen in ihrer Unterkunft aufwärmen können. Zwar sei die Konkurrenz durch den nahen Supermarkt groß, "aber viele Airbnb-Touristen kaufen lieber bei mir".

Der Chinese Riccardo - der eigentlich Licai Hu heißt - bot in seinem Minimarket vor Jahren nur das Nötigste an: Klopapier, Spülmittel, Wein, Bier, Kaffee, Olivenöl und Konserven. Heute versorgt er Touristen aus aller Welt mit ihren Lieblingsspeisen: Für die Japaner Miso-Paste aus Sojabohnen, für die fleischhungrigen Brasilianer Corned Beef, für die Indonesier Instant Noodles, für die Inder Gewürze und Kokosmilch und für die Neuseeländer das Getränkepulver Milo. Und für ein schnelles Abendessen im Kurzzeit-Zuhause tiefgefrorene Xia Jiao, chinesische Teigtaschen. Vermisst ein Tourist etwas, besorgt es Riccardo meist bis zum nächsten Tag - chinesische Geschäftstüchtigkeit.

Marzio Pirgher verfolgt eine andere Strategie. Sein Lebensmittelladen sieht noch so aus wie ein "klassischer" Alimentari-Laden: Neben Käse und Wurst verkauft er Lebensmittel für den täglichen Bedarf, etwa kleine Dosen mit Bohnen, Zwieback für das typische karge italienische Frühstück, Marmelade, Nudeln oder Reis. "Ich will die Traditionen erhalten", sagt er. Etwas befremdlich finden Stammkunden die geführten Touristengruppen, die täglich Marzios und andere Läden besuchen, damit sie das "wahre" Florenz kennenlernen.

Manovrino heißt die Steuer, kleines Manöver. Bewirkt hat sie bisher nichts

"Mit Airbnb kann man in eine fremde Stadt besser eintauchen", sagt Gabriela Beck, Reisejournalistin aus München. "Hier in Oltrarno gibt es kaum Hotels - da bietet sich Airbnb an." Abgesehen davon fühle sie sich in einer individuell eingerichteten Wohnung wohler als im Hotel. Auch Patrick Imhasly, Redakteur aus Zürich, war begeistert von Airbnb, als er mit seiner Frau und den beiden Söhnen kürzlich zum ersten Mal in Barcelona damit übernachtete. "Wir bekamen Tipps vom Besitzer, zahlten nicht so viel wie im Hotel und konnten uns am Abend in eine gemütliche Wohnung zurückziehen", erzählt er. "Vor allem mit Kindern ist das ideal."

Doch dann fiel ihm auf, wie wenige Einheimische er im Zentrum sah und stattdessen viele und vor allem junge Touristen, die gerne über Airbnb buchen. "Barcelona kam mir vor wie eine künstliche Stadt. Man ist nur noch unter Touristen und sieht nichts mehr vom wirklichen Leben."

Das Ziel: Touristen erziehen

Ihr sei das Geld nicht so wichtig, sagt Rena Otte, die seit drei Jahren ihre Wohnung in San Frediano über Airbnb vermietet. "Mir macht es Spaß, Kontakt zu Leuten aus aller Welt zu haben und ihnen einen unvergesslichen Urlaub in Florenz zu ermöglichen. Würde ich die Wohnung langfristig vermieten, käme es finanziell fast auf das Gleiche heraus - außerdem könnte ich sie dann nicht spontan für mich, Freunde oder Verwandte nutzen."

Abgesehen davon sind Langzeit-Mietverträge in Italien unbeliebt, weil es immer wieder Fälle gibt, wo die Mieter trotz mehrfacher Kündigung jahrelang wohnen bleiben. Reisejournalistin Beck findet Airbnb in Städten in Ordnung, wenn die Besitzer selbst in der Wohnung wohnten und nur an Touristen vermieteten, wenn sie in Urlaub fahren oder beruflich unterwegs sind.

Florenz setzt mit seiner neuen Kampagne "#EnjoyRespectFirenze" indes auf Erziehungsregeln für Touristen. "Wer unsere Stadt besucht, muss das historische Erbe und seine Bewohner respektieren", sagt Tourismus-Chefin Anna Paola Concia. Die Aktion kommt zur richtigen Zeit. Denn inzwischen hat man das Gefühl, manche Touristen würden sich alles erlauben. Wer Müll rumliegen lässt, wird ab sofort bestraft, auch wer nachgemachte Markensachen kauft, auf Treppenstufen vor Kirchen herumlungert oder Monumente beschmiert. Verbreitet wird die frohe Botschaft auf Tassen, T-Shirts, Einkaufstaschen oder per Lichtprojektion auf Monumenten.

Eine Lösung der "Touristifizierung" könnte das neue Gesetz bringen, Manovrino genannt, kleines Manöver. Seit Mitte Juni müssen Airbnb und andere Wohnungsvermittler von den Einkünften der Vermieter einen fixen Steuersatz von 21 Prozent direkt an den Staat abführen - theoretisch. Doch bis jetzt ist nichts passiert.

"Wir hatten nicht genügend Zeit, uns darauf einzustellen und wissen nicht, wie wir vorgehen sollen", sagt Mauro Turcatti, Pressesprecher bei Airbnb Italien, "und das in der Sommerpause - da läuft hierzulande ja gar nichts." Zum einen gäbe es das Problem, dass er alle 120 000 Airbnb-Mitglieder in Italien fragen müsste, ob sie zum Beispiel ein Bed & Breakfast oder eine Ferienwohnung anbieten, denn dafür gelten andere Steuersätze. "Würden die Vermieter lügen, würde Airbnb zur Rechenschaft gezogen werden", erklärt Turcatti.

Abgesehen davon sei es auch technisch nicht einfach, in so kurzer Zeit die Airbnb-Computer neu zu programmieren. "Am einfachsten wäre, wir würden von jedem die 21 Prozent abziehen und die Vermieter müssen sich später um die Differenz kümmern", sagt Turcatti. "Aber das können nicht wir entscheiden, sondern der Staat."

"Kontrollen existieren quasi nicht"

Inzwischen hat auch die Steuerbehörde erkannt, dass die Entscheidung wohl etwas vorschnell war. Bis jetzt hat Airbnb Aufschub bekommen und keine Steuern abgezogen, die Vermieter bekamen die volle Miete und müssen sich um die Besteuerung wie bisher auch alleine kümmern. "Leider versuchen viele Italiener, Steuern zu hinterziehen und vermieten schwarz", regt sich Steuerberaterin Giovannelli auf. "Vielleicht würden weniger Leute über Airbnb anbieten, wenn wie geplant die Steuern automatisch abgezogen würden und sie merkten, dass es sich finanziell nicht so sehr lohnt."

Die Behörde versichert, es gebe natürlich Kontrollen, um herauszukriegen, welche Vermieter schwarz vermieteten. "Solche Kontrollen existieren aber hierzulande quasi nicht", sagt dagegen Giovannelli. "Der Staat ist unfähig, gegen die Steuerflucht vorzugehen."

Airbnb-Forscher Picascia hält das Manovrino für keine gute Idee. "Die finanzielle Ungerechtigkeit könnte damit noch zunehmen", sagt er. Vermieter von nur einer Wohnung würden aufgeben, weil es sich finanziell für sie nicht lohne, dafür gäbe es mehr Hotels oder Vermietungen über Agenturen im Zentrum, denn die Touristen kämen sowieso. "Besser wäre, wenn Vermieter in weniger touristischen Gegenden weniger Steuern zahlen müssten", sagt er. So könne man die Wirtschaft in weniger bekannten Quartieren fördern, und die Touristen würden nicht immer nur das überfüllte Zentrum kennenlernen.

Aber auch als Reisender könne man zur "De-Touristifizierung" beitragen, sagt der Schweizer Patrick Imhasly. "Man sollte sich das Problem bewusst machen und überlegen, ob man da mitmachen möchte", meint er. Mit seiner Freundesgruppe fährt er seit Jahren in völlig unbekannte Orte in Italien. "Ehrlich gesagt: Dort erleben wir so viel von Land und Leuten, dass ich auf Florenz getrost verzichten kann."

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SZ vom 15.09.2017/kaeb
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