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US-Vorwahl in New Hampshire:Der alte Mann und die Revolution

  • Bernie Sanders gewinnt die zweite US-Vorwahl knapp vor Pete Buttigieg.
  • Auch in landesweiten Umfragen liegt der linke Senator teilweise vor dem von der Demokratischen Partei favorisierten Ex-Vize-Präsidenten Joe Biden.
  • Der gibt in New Hampshire früh auf und konzentriert sich lieber auf Bundesstaaten, in denen mehr schwarze Wähler sind.

Bernie Sanders reckt die Faust in die Höhe wie der Kapitän einer Football-Mannschaft, die gerade den Superbowl gewonnen hat. Der Jubel in der Sporthalle der Southern New Hampshire University in Manchester schon vorher: ohrenbetäubend. Jetzt nimmt er nochmal an Stärke zu. Sie rufen, sie schreien, sie brüllen ihre Freude heraus. "Bernie! Bernie! Bernie!" Zwei Minuten geht das so, bis Sanders nach einigen "Thank you! Thank you! Thank you!" endlich "Thank you, New Hampshire!" sagen kann. Und als der Lärm gerade abebbt, da nimmt er noch einmal zu, als wenn erst Schluss sein darf, wenn alle heiser sind.

Sanders hat sich Zeit gelassen. Über vier Stunden nach Schließung der Wahllokale kommt der Sieger endlich auf die Bühne. Mitsamt Frau, Kindern, Enkeln. 78 Jahre alt ist der Mann. Älter als Trump. Seine Anhänger sind vor allem jung.

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Bis zu seinem Auftritt wird jede neue Prognose, die über die Großbildleinwand flimmert, mit neuem Jubel begrüßt. "Bernie! Bernie! Bernie!", rufen die Fans. "Bernie beats Trump! Bernie beats Trump!", Bernie schlägt Trump. Oder: "Another world is possible, we are unstoppable", eine andere Welt ist möglich, wir sind nicht zu stoppen. Es ist, als hätte Bernie jetzt schon gegen Donald Trump gewonnen.

Es ist ein Fest für Sanders, dem Senator aus dem Nachbarstaat Vermont. Als er um kurz nach elf die Bühne betritt, liegt er bei 26 Prozent, 1,6 Prozentpunkte vor Pete Buttigieg. Da sind 90 Prozent der Stimmen ausgezählt. Das ist knapp, aber offenbar genug für Sanders, um diesen Wahlsieg einen "grandiosen" zu nennen.

Er macht es kurz. Wiederholt nach seinem Dank an Wähler und freiwillige Helfer seine Wahlkampfschlager: Krankenversicherung für alle, Ende der Masseninhaftierung, bessere Regeln für Immigranten. Jeder Punkt erzeugt frenetischen Beifall. Es ist der Beifall einer Revolution, die er anzetteln will in den USA.

New Hampshire dürfte auch Kandidatin Klobuchar neuen Schub bringen

Sanders braucht dafür diesen Sieg. In Iowa musste er sich den Platz eins noch mit Pete Buttigieg teilen. Wobei: Offiziell gilt natürlich, dass Buttigieg dort gewonnen hat, er erlangte zwei Delegiertenstimmen mehr als Sanders. Sanders aber reklamierte den Sieg für sich, weil unterm Strich 6000 Menschen mehr für ihn gestimmt haben.

Der Sieg in New Hampshire dagegen ist zwar knapp, aber wenigstens unangreifbar. Ein wichtiges Signal für seine Anhänger. Aber dann doch auch nicht so überragend wie 2016. Da hat er Hillary Clinton mit 37 Prozent und 22 Prozentpunkten Vorsprung empfindlich geschlagen. Und am Ende doch nicht die Nominierung gewonnen. Sanders wird wissen, dass noch ein langer Weg vor ihm liegt.

Pete Buttigieg, bis Jahresbeginn noch Bürgermeister der 100 000-Einwohner-Stadt South Bend in Indiana, landet mit 24,4 Prozent auf einem respektablen zweiten Platz. Dass er hier in New Hampshire nur knapp hinter Sanders liegt, darf ihn freuen. Es hätte ja auch anders enden können. Ihm sind Siegchancen für diesen Abend vorhergesagt worden. Wer in den vergangenen Tagen über die Landstraßen des Bundesstaates gefahren ist, der hat viele "Pete 2020"-Schilder am Straßenrand gesehen. Mehr als von jedem anderen Kandidaten. Seine Wahlkundgebungen waren mindestens gut besucht, wenn nicht heillos überfüllt.

Sanders aber war einfach besser. Am Sonntag hat er einen Rekord aufgestellt: 2000 Menschen kamen zu seiner Kundgebung. Soviel wie in keiner anderen Vorwahl-Kundgebung der Demokraten. Am Montagabend hat er das noch getoppt. In die rappelvolle Whittemore Center Arena in Durham kamen 7500 Menschen.

Für Amy Klobuchar, Senatorin aus Minnesota, ist der dritte Platz mit 19,7 Prozent ein mindestens ebenso großer Erfolg. In nationalen Umfragen krebst sie bei nur vier, fünf Prozent vor sich hin. Ein paar Wahlbezirke in New Hampshire hat sie sogar gewonnen. Vielen gilt sie als die Stimme der Vernunft in diesem aufgeheizten Rennen um ideologische Meinungsführerschaft. Oder wie es Jack Lightfood, 72, aus Goffstown unweit von Manchester auf dem Weg ins Wahllokal sagt: "Sie weiß, dass nicht alles auf einmal geht." Womit er vor allem die Pläne von Sanders und Elizabeth Warren zu einer Krankenversicherung für alle meint. Beide erwecken den Eindruck, als könnte das über Nacht geschehen. New Hampshire dürfte Klobuchar neuen Schub bringen.

Amy Klobuchar

Amy Klobuchar bei ihrer Wahlparty.

(Foto: AP)

Nach ihr kommt lange nichts. Dann Elizabeth Warren. Sie wird sich mit ihren 9,3 Prozent langsam fragen müssen, wie lange sie ihre Kampagne noch in der Spur lassen will. Warren hat ein ähnlich progressives Programm wie Sanders. In den Umfragen aber kommt sie nicht vom Fleck. Es wird immer offensichtlicher, dass die Leute wenn dann das linke Original ins Präsidentschaftsrennen gegen Trump schicken wollen. Und das ist Bernie Sanders.

Der prominenteste aller Kandidaten schneidet überraschend schlecht ab

Für einen Kandidaten sind die Chancen an diesem Abend radikal gesunken. Joe Biden, der ehemalige Vizepräsident unter Barack Obama und prominentester unter allen Kandidaten. Das Parteiestablishment der Demokraten würde ihn gern auf dem Ticket sehen. Und lange sah es sehr gut aus für ihn. Seit einem Jahr führt er die nationalen Umfragen an.

Jetzt ist alles anders. 8,4 Prozent in New Hampshire. Rang fünf. Es ist jetzt schon so etwas wie eine fortgesetzte Leidensgeschichte. In Iowa holte er vor gut einer Woche nur Rang vier. In den vier jüngsten nationalen Umfragen, die am Montag und Dienstag veröffentlicht wurden, führt in dreien jetzt Sanders. Zum Teil deutlich mit bis zu zehn Prozentpunkten Vorsprung auf Biden. Sanders führt sogar in Kalifornien. Der Staat, der mit 416 Delegierten die meisten Stimmen zum Parteitag der Demokraten im Sommer beisteuert, auf dem der Kandidat oder die Kandidatin gekürt wird. New Hampshire hat nur 24 Delegierte zu vergeben.

Am Dienstagmorgen um 11.03 Uhr bereits ließ Biden eine recht überraschende Pressemitteilung versenden. Er wird den Wahlabend nicht in New Hampshire verbringen. Stattdessen will er den Wahlkampf im Süden aufnehmen. Vor allem unter den vielen schwarzen Wählern dort genießt er große Unterstützung - die er jetzt in dringend benötigte Siege ummünzen muss. Gegen sechs Uhr am Abend steigt Joe Biden also in den Flieger nach South Carolina. Eineinhalb Stunden bevor die Wahllokale schließen ist er einfach weg.

Presidential Candidate Joe Biden Holds Rally In SC On Night Of NH Primary

Joe Biden reiste gleich in den Süden. Hier eröffnet er seine Kampagne in Columbia, South Carolina.

(Foto: AFP)

Die Daten, die Biden von seinen Leuten in New Hampshire offenbar vorab bekommen hat, müssen verheerend gewesen sein. Das bestätigt sich später, als der Nachrichtensender CNN 15 Minuten nach Schließung der Wahllokale die erste Hochrechnung präsentiert. Biden landet da klar unter zehn Prozent. Eine kolossale Niederlage, die er offenbar lieber nicht vor Ort erklären möchte. Seine Anhänger in New Hampshire bekommen ihn am Abend nur per Live-Stream zu sehen. Auch eine Art, seine Niederlage einzugestehen.

Aus der Ferne müssen seine Anhänger dann mit anhören, wie er New Hampshire mit Nevada verwechselt. Sein einziger Mutmachpunkt: 99 Prozent aller schwarzen Wähler hatten bislang keine Chance, ihre Stimme abzugeben. Das schreibt Biden zumindest bei Twitter. Nur er könne ihre Stimmen gewinnen. Ohne sie könne und solle niemand für die Präsidentschaftskandidatur nominiert werden.

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Zu vermuten ist, dass sich eine Reihe von Wählern im letzten Moment statt für Biden dann doch für den 38 Jahre alten Pete Buttigieg oder Amy Klobuchar, die Senatorin aus Minnesota, entschieden haben, die beide eher moderat auftreten. Unentschiedene Wähler gab es jedenfalls bis zum Schluss zu Hauf.

"Ich weiß nur, dass ich einen Demokraten wähle"

Wenige Stunden vorher, die High School von Goffstown, ein 18 000-Einwohner-Städtchen zehn Meilen westlich von Manchester. Heute ist hier eines von zwei Wahllokalen der Stadt eingerichtet. Andrea Bedard eilt auf den Eingang zu. 32 Jahre alt, alleinerziehende Mutter. Der Sohn ist acht Jahre alt. Sie macht drei Jobs, um über die Runden zu kommen. Für einen Lieferdienst, als Verkäuferin in einem Shop und an der Rezeption eines Haarsalons. Reicht es zum Leben? "Nur knapp. Für dieses Jahr kann ich mir keine Krankenversicherung leisten." Sie lacht auf. "Welcome to America."

Andrea ist "independent", sagt sie, unabhängig. Was bedeutet, dass sie sich gleich den Wahlzettel aussuchen kann. Den für die Vorwahl der Republikaner. Oder den für die Demokraten. "Ich weiß nur, dass ich einen Demokraten wähle", sagt sie. Aber sie ist noch nicht entschieden. Das scheint nicht ungewöhnlich zu sein. Nacheinander erzählen vier Wählerinnen und Wähler, dass sie noch keine Ahnung haben, wo sie gleich ihr Kreuzchen machen werden.

Hat Andrea Favoriten? "Ja, drei. Aber das will ich nicht laut sagen. Hier hört jeder alles." Ein Hinweis, wie gespalten auch dieser Ort ist. Sie kommt etwas näher und flüstert. "Joe Biden, Pete Buttigieg oder Elizabeth Warren. Aber vielleicht eher Biden. Der hat die meiste Erfahrung." Nicht Sanders? Nicht Sanders. Sie findet vieles gut, was er sagt. Aber er ist zu links, zu radikal, um zu gewinnen, sagte sie.

Jetzt muss sie rein. Sie friert. Überall liegt Schnee. Es ist kalt in Goffstown. Eine Stunde später ist sie immer noch im Wahllokal. Es scheint eine schwere Entscheidung gewesen zu sein.

© SZ.de/mxm/cck/bix
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