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Vor der Landtagswahl in NRW:Liebe Wähler, bitte einigt euch!

Bloß keine Kieler Verhältnisse: Mit Appellen an die Wähler versuchen die Parteien in Nordrhein-Westfalen, wenige Stunden vor der Landtagswahl Unentschlossene zu mobilisieren. Rot-Grün will ein knappes Ergebnis wie in Schleswig-Holstein verhindern, die CDU unbedingt über der 30-Prozent-Marke bleiben. Eitel Sonnenschein herrscht nur bei der FDP.

Die Landesmutter hat kalte Füße. Annegret Kramp-Karrenbauer ist in Ballerinas nach Köln gereist. Am Vortag war es hier noch sommerlich warm, jetzt zeigt das Thermometer zehn Grad Celsius. Die Haut der saarländischen Ministerpräsidentin färbt sich in den offenen Schuhen leicht bläulich. Eine halbe Stunde steht sie das durch, ihrem Parteifreund Norbert Röttgen zuliebe. Der wimmelt ein britisches Fernsehteam ab ("Sorry, but I would like to get in contact with some people") und versucht, Rosen zu verteilen. Doch Kramp-Karrenbauer und Röttgen bleiben von den Kölnern weitgehend unbehelligt.

Kraft und Löhrmann

Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD, r.) und ihre Stellvertreterin Sylvia Löhrmann (Grüne) im Wahlkampf.

(Foto: dpa)

"Sie sehen müde aus", sagt ein älterer Herr zu ihm. "Sie sollten Pause machen." Röttgen versucht ein Lächeln. "Na, ist ja bald geschafft", sagt der Spitzenkandidat der Union.

Nordrhein-Westfalen wählt am Sonntag einen neuen Landtag. Das steht fest. Alles andere ist nicht so sicher. Das bringt die Wahlkämpfer zum Verzweifeln.

[] Die bisherigen Regierungsparteien SPD und Grüne haben in manchen Umfragen eine knappe Mehrheit. In anderen fehlt ihnen dazu genau ein Sitz im Parlament. So war es schon 2010, als Rot-Grün eine Minderheitsregierung einging. Eine solche Konstellation wollen beide Parteien diesmal unbedingt verhindern. Sie werben mit einem "Dreiklang" aus Einsparungen, Investitionen und Verbesserung der Einnahmen. Die Opposition hält ihnen vor, trotz guter Wirtschaftslage neue Schulden zu machen.

[] Die CDU hatte sich große Chancen ausgerechnet, als Rot-Grün Mitte März am Haushaltsentwurf für 2012 gescheitert war. Doch nach zahlreichen Patzern im Wahlkampf fürchtet die Partei eine krachende Niederlage. In Umfragen liegt sie bei etwa 30 Prozent. Ein schlechteres Ergebnis könnte eine heftige Personaldebatte und Röttgens Abschied als Landesvorsitzender zur Folge haben. Die Union verspricht eine Konsolidierung des Haushalts, hält sich mit konkreten Sparvorschlägen aber zurück. SPD und Grüne warnen daher vor einem sozialen Kahlschlag, sollte die CDU an die Regierung kommen.

[] Die FDP, vor Wochen noch totgesagt, erhält in NRW großen Zuspruch. Spitzenkandidat Christian Lindner verspricht unter anderem eine Haushaltskonsolidierung durch einen schlankeren Staat. Mit laut Umfragen sechs Prozent oder mehr könnte er zum großen Gewinner der Wahl aufsteigen. Vielleicht kommt es aber auch anders. Der Wähler ist in Nordrhein-Westfalen dieser Tage so unberechenbar wie das Wetter.

In Soest ist am Donnerstag fernes Gewittergrollen zu hören, als Hannelore Kraft ans Mikrofon tritt. Sie steht sicherheitshalber unter einem rotweißen Pavillon, der sich im Wind biegt. Kraft spricht über Kita-Plätze, über das Tariftreuegesetz, über Mindestlöhne. Dann hält sie inne. "Ich habe eine kurze, herzliche Bitte", sagt die Ministerpräsidentin. "Am Sonntag ist Muttertag, einige Kinder haben Kommunion, und Formel 1 ist auch, glaube ich. Es gibt also Gründe, warum man die Wahl vergessen kann. Aber ich bitte Sie, gehen Sie hin und geben Sie der SPD Ihre Stimme. Wir wollen weitermachen." Es klingt beinahe flehentlich.

Kraft will anschließend mit Bürgern reden, aber sie kommt kaum unter dem Pavillon hervor. "Sie haben mir echt aus dem Herzen gesprochen", sagt eine junge Mutter. "Sagen Sie weiter die Wahrheit", ruft eine Rentnerin. Kraft bedankt sich, arbeitet Autogramm- und Fotowünsche ab, trinkt einen Kaffee. Die 50-Jährige hat die Rolle der Landesmutter in zwei Jahren Amtszeit absolut verinnerlicht. Die Genossen drängen sich um sie, als wollten sie sich an ihr wärmen. Kaum hat Kraft den Marktplatz verlassen, fängt es heftig an zu regnen.

In Düsseldorf bleibt es tags darauf bei einigen Tropfen. Es waren bis zu 20 Grad vorhergesagt, aber es ist kalt, zu kalt für ein leichtes Sakko, wie Cem Özdemir es trägt. Der Bundesvorsitzende der Grünen zieht fröstelnd die Schultern hoch. Vor ihm stehen und sitzen etwa 50 Menschen. Eine Direktkandidatin spricht versehentlich vom "Wahlkrampf" der vergangenen Wochen. Ein anderer klagt im Hinblick auf die Piraten, er habe sich "schon um Transparenz gekümmert, als es unsere neue Konkurrenz noch gar nicht gab". Der Moderator fragt das Publikum, wie die Nudeln mit roter und grüner Sauce schmecken, die gratis verteilt werden. Er erhält keine Antwort. Özdemir schaut mit düsterer Miene gen Himmel.