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TV-Debatte der US-Demokraten:Sie kriegen Sanders nicht zu fassen

Auf der Bühne scheinen sich alle gegen den linken Frontrunner verschworen zu haben, doch er nimmt das gelassen. Biden findet praktisch nicht statt. Und Bloomberg? Der entlarvt sich mit einem Versprecher.

Seit gut einer Viertelstunde geht es wild zu auf der Bühne des Gaillard Center in Charleston, South Carolina. Erst alle gegen Senator Bernie Sanders, dann alle gegen Michael Bloomberg, dann wieder alle gegen Sanders. Und oft einfach alle durcheinander.

Irgendwann breitet Sanders beide Arme aus, wie ein Adler, der seine Flügel schützend über seine Küken spannt. Er muss alle mal kurz beruhigen. "Ich höre meinen Namen gerade recht häufig", sagt er. Die Lacher sind auf seiner Seite. Was die Lage für ihn etwas entspannt.

Sieben Kandidaten stehen an diesem Dienstagabend hinter ihren Pulten. Es ist die zehnte TV-Debatte der Demokraten. Und die vielleicht wichtigste von allen.

Am Samstag kommt es in South Carolina zur vierten Vorwahl. Mindestens für Ex-Vizepräsident Joe Biden steht da bereits alles auf dem Spiel. Drei Tage später ist Super Tuesday, an dem in 14 Bundesstaaten sowie in Amerikanisch-Samoa und beginnend bei den Democrats Abroad, der Auslandsorganisation der Partei, Vorwahlen stattfinden. Wer da keinen Erfolg hat, ist ziemlich sicher raus.

Es war klar, dass an diesem Abend vor allem Sanders unter Feuer stehen würde. Sanders ist seit der Vorwahl in New Hampshire der Frontrunner, er führt klar in den nationalen Umfragen. In allen drei bisherigen Vorwahlen hat er die meisten Wähler hinter sich gebracht. In Nevada am Samstag hat er mit einem Erdrutschsieg gewonnen. Das macht ihn zum Gegner Nummer eins.

So richtig bekommen die Mitbewerber Sanders nicht zu fassen

Die anderen Kandidaten scheinen sich verschworen zu haben, Sanders schon in den ersten Minuten der Debatte auszuknocken. Alles kommt auf den Tisch: Dass angeblich Russland seine Präsidentschaftskampagne unterstützt. Dass er nicht weiß, wie er seine Wahlversprechen bezahlen soll. Dass er mal gegen die Verschärfung von Waffengesetzen war. Dass er das Regime in Kuba mal für seine gute Bildungspolitik gelobt hat. Dass er als Jude nicht stramm hinter Israel stehe.

Seine alte Freundin und Mitkämpferin Warren stellt sich gegen ihn, spricht ihm die Fähigkeit ab, seine an sich guten Ideen in echte Politik umzusetzen. Er sei einfach nicht kompromissbereit genug. Nur sie könne eine progressive Agenda voranbringen. Senatorin Amy Klobuchar hält Sanders für einen gefährlichen Sozialisten. Der frühere Bürgermeister Pete Buttigieg sieht in ihm die beste Garantie, dass Trump auch 2020 noch im Weißen Haus sitzt. Worin sich alle außer Sanders und Warren einig sind.

Sanders nimmt es so gelassen, wie er nur kann. Auf die Angriffe ist er gut vorbereitet. Waffenrecht? Er habe tausendfach seine Stimme abgegeben. Darunter gab es auch mal schlechte Entscheidungen. Die Refinanzierung seiner Wahlversprechen? Er hat Studien bei Hand, die belegen sollen, dass mit seinen Plänen alles unterm Strich günstiger werden kann. Was ist mit Kuba? Barack Obama hat Kuba auch schon gelobt. Israel? Netanjahu sei nun mal ein Rassist.

South Carolina ist Bidens Brandmauer - noch hält sie stand

So richtig bekommen seine Mitbewerber Sanders nicht zu fassen. Das ist vor allem für Ex-Vizepräsident Joe Biden ein Problem. Er hätte hier die Debatte seines Lebens führen müssen. In South Carolina braucht er einen Erfolg. Und zwar einen deutlichen, wenn er alle Zweifel zerstreuen will, ob er das Rennen noch mal zu seinen Gunsten drehen kann. Schafft er das nicht, dann könnte seine Kampagne schnell kollabieren.

Biden aber hat an diesem Abend kaum mehr im Gepäck als seine immer gleichen Botschaften: Er sei der Demokrat der Mitte. Er habe sehr viel erreicht als Vizepräsident unter Barack Obama. Nur er könne Trump schlagen, die Mehrheit im Repräsentantenhaus verteidigen und vielleicht auch den Senat zurückgewinnen. Weil er die Erfahrung habe, mit fast allen Staatsführern der Erde schon an einem Tisch gesessen habe. Aber Ideen für die Zukunft hat er nicht wirklich. Er spricht, als hätte er den Sieg längst in der Tasche.

Seine Chancen in South Carolina sind nicht schlecht. Im Mittel der jüngsten Umfragen hat er innerhalb von zwei Tagen ein Plus von sieben Prozentpunkten hingelegt. Er kommt jetzt auf etwas mehr als 30 Prozent. Sanders auf 22,7 Prozent.

Wenn es so bleibt, dann hat die Brandmauer gehalten, zu der Biden South Carolina mal erklärt hat. Er kann dann leicht gestärkt in den Super Tuesday am kommenden Dienstag gehen. An diesem Tag werden 1357 Delegiertenstimmen vergeben. In allen vier Vorwahlen davor sind es zusammen nur 155 Stimmen. Der Super Tuesday ist der ganz große Preis, von dem Biden ein ganz großes Stück abbekommen muss, um Sanders einzuholen.

Das hat eine Vorgeschichte: In Iowa und New Hampshire hat Biden krachend verloren, einmal Vierter, dann fünfter Platz. In Nevada hat er einen zweiten Platz gemacht, der sich allerdings für ihn wie eine Niederlage anfühlen muss. Sanders gewann dort mit 47 Prozent, 27 Prozentpunkte vor Biden.

Nevada war für Biden wichtig, weil es dort im Gegensatz zu Iowa und New Hampshire eine nennenswert große schwarze Bevölkerung gibt. Bidens Überzeugung ist ja, dass ohne die schwarzen Wähler im Rücken niemand Präsident werde und er unter ihnen ungebrochene Unterstützung genieße. Sein Versprechen konnte Biden in Nevada nicht vollständig einlösen. Er lag hier mit 39 Prozent unter den schwarzen Wählern zwar vor Sanders. Der aber konnte immerhin 27 Prozent der schwarzen Wähler für sich gewinnen. Unter den Latinos in Nevada lag Sanders gar bei mehr als 50 Prozent. Biden konnte nur 15 Prozent dieser Gruppe überzeugen.

Die Dinge sind aber für Sanders in South Carolina etwas komplizierter. Hier sind 60 Prozent der demokratischen Wähler schwarz - und nicht nur elf Prozent wie in Nevada. Und die Wählerschaft ist durchgängig älter und konservativer. Biden hat tiefe, persönliche Verbindungen in den sogenannten Palmetto State. Die hat Sanders nicht.

Was aber auch stimmt: Im November noch konnte sich Biden in South Carolina nach Umfragen des Fernsehsenders CBS über 54 Prozent Zustimmung unter schwarzen Wählern freuen. Inzwischen ist die Zahl auf 35 Prozent geschrumpft. Und Sanders hat einen weiteren Vorteil: Er will in South Carolina gewinnen, muss aber nicht. Ihm reicht ein guter zweiter Platz.

Warren gegen Bloomberg, Runde zwei

Ein anderer Bewerber tritt in South Carolina gar nicht an. Dafür aber ganz bestimmt am Super Tuesday. Michael Bloomberg, der Multimilliardär und ehemalige Bürgermeister von New York. Er hat schon 500 Millionen Dollar in seinen Wahlkampf gesteckt. Das ist mehr, als Barack Obama in seine komplette Wiederwahlkampagne 2012 investiert hat. Mit dem Geld hat er sich in Umfragen in den zweistelligen Bereich katapultiert. Das allein macht ihn zu einem ernstzunehmenden Faktor und zum wichtigsten Angriffsziel von Senatorin Elizabeth Warren.

Sie bezeichnet ihn als einen Hochrisiko-Kandidaten, als einen "arroganten Reichen", nicht anders als Donald Trump. In der TV-Debatte vergangene Woche warf sie ihm vor, Frauen als "pferdegesichtige Lesben" und "fette Schlampen" bezeichnet zu haben. Jetzt sagt sie, er habe einer Frau empfohlen, ihr Kind abtreiben zu lassen. Bloomberg streitet das ab.

Vor allem aber sagt Warren, dass kein Demokrat diesem Mann trauen könne. Zum Beispiel, weil er noch vor wenigen Jahren zwölf Millionen Dollar eingesetzt habe, um eine demokratische Kandidatin in Pennsylvania zu verhindern. Jetzt gerade erst habe er viel Geld in die Wiederwahl des republikanischen Senators Lindsey Graham aus South Carolina gesteckt, der einer der engsten Verbündeten von Präsident Donald Trump ist. Bloomberg habe sein Geld auch gegen eine demokratische Senatskandidatin in Massachusetts eingesetzt. "Das war ich", sagt Warren. Er habe es nicht geschafft, sie aus dem Rennen zu kicken. Aber er habe sich sehr angestrengt.

Bloomberg will sich verteidigen. Er habe 2018 mehr als 100 Millionen Dollar investiert, damit Demokraten die Mehrheit im Repräsentantenhaus gewinnen. Er habe ermöglicht, dass Nancy Pelosi und die Demokraten im Kongress den Präsidenten kontrollieren können. Und dann das: "Ich habe sie gekauf... - ich habe sie dahin bekommen."

Es ist nur ein Versprecher, aber er wird in den sozialen Medien sofort aufgegriffen und zig-tausendfach geteilt. Für Bloomberg könnte die Frage jetzt vor allem sein, wie viel Geld er einsetzen muss, um diesen Fauxpas vergessen zu machen.

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© SZ.de/bix/cat
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