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Türkei:Erdoğan fordert Landsleute auf, Euro und Dollar in Lira zu tauschen

Der Machtkampf zwischen der Türkei und den USA eskaliert. Nun droht Recep Tayyip Erdoğan in einem Gastbeitrag in der "New York Times" sogar mit dem Bruch des Nato-Bündnisses.

Recep Tayyip Erdoğan droht den USA, sich neue Freunde und Verbündete zu suchen. In einem Gastbeitrag in der New York Times wählt der türkische Staatspräsident harsche Worte und setzt im Streit mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump nun seine höchste Trumpfkarte ein: die Nato-Partnerschaft. "Bevor es zu spät ist, muss Washington die törichte Vorstellung aufgeben, dass unsere Beziehung einseitig sein kann, und muss sich damit abfinden, dass die Türkei Alternativen hat."

Auf einer Kundgebung seiner AK-Partei in Rize am Schwarzen Meer sagte Erdoğan außerdem, sein Land stehe im Zentrum eines Wirtschaftskrieges. Die türkische Wirtschaft stecke nicht in einer Krise und stehe auch nicht vor der Pleite, so der Präsident. Die USA und andere Länder führten einen Krieg gegen die Türkei. Dollar, Euro und Gold seien die "Patronen, Kanonen und Raketen" dieses Wirtschaftskriegs.

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Der Präsident versprach seinen Anhängern, die Türkei werde die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen treffen, um ihre Wirtschaft zu schützen. Am wichtigsten sei es jedoch "die Hände zu brechen, die diese Waffen abfeuern". Das Land bereite sich daher darauf vor, mit China, Russland und der Ukraine Handel in den Landeswährungen zu treiben. Bereits zuvor hatte Erdoğan seine Landsleute aufgefordert, Euro und Dollar in die Landeswährung zu tauschen, um die türkische Lira dadurch zu stützen..

Seit 1952 ist die Türkei Mitglied im westlichen Militärbündnis, es war für Amerika und Europa die Vorhut in die östliche und islamische Welt. Die Türkei indes ist durch die Nato faktisch geschützt vor äußeren Feinden. In der Militärbasis in Incirlik sind amerikanische Nuklearwaffen stationiert, die Türkei profitiert von der Arbeit amerikanischer Geheimdienste, während die USA von dort seine Militäraktionen etwa in Afghanistan oder Irak gesteuert hat.

Nun stellt Erdoğan ultimativ das Bündnis in Frage. Hintergrund sind mehrere Streitpunkte mit dem Westen, die seit Monaten schwelen und nun eskalieren. Es handelt sich vor allem um einen Machtkampf zwischen den Präsidenten Erdoğan und Donald Trump, die Konflikte mit Autorität, Stärke und Drohgebärden für sich entscheiden wollen statt mit Verhandlungen und Kompromissen. Das Spiel der stolzen Männer schaukelt sich gefährlich hoch.

Im Kern geht es derzeit um den amerikanischen Pastor Andrew Brunson. Der führt seit mehr als 20 Jahren eine christliche Missionsgemeinde in Izmir. Türkische Behörden verhafteten den 50-Jährigen nach dem Putschversuch im Jahr 2016, er soll ein Spion und Putschistenhelfer sein. Ein Gericht warf ihm vor, Verbindungen zur verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und zur Bewegung um den in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen zu haben. Gülen ist nach Meinung Erdoğans der Drahtzieher des Putschversuchs, er fordert dessen Auslieferung. Mangels Beweisen verweigert dies aber die amerikanische Justiz.

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Brunson selbst bestreitet die Vorwürfe, Präsident Trump hat seine Inhaftierung als "Schande" bezeichnet. Berichten zufolge habe Trump nach dem Nato-Treffen im vergangenen Monat in Brüssel geglaubt, die Türkei stimmte einer Freilassung Brunsons zu, wenn die USA als Gegenleistung helfe, einen von Israel festgehaltenen türkischen Staatsbürger zu befreien. Doch kurz darauf hätten die Türken darauf bestanden, dass die Amerikaner zusätzlich einen Beamten der türkischen Staatsbank Halkbank freilassen, der wegen Umgehung der Iran-Sanktionen in den USA zu 32 Monaten Haft verurteilt worden war.

Trump fachte daraufhin den Machtkampf mit Erdoğan an, indem seine Regierung Sanktionen gegen zwei Minister aus Erdoğans Kabinett verhängte, ein einmaliger Vorgang unter Nato-Partnern. Erdogan nennt diese Entscheidung nun in seinem Gastbeitrag "inakzeptabel, irrational und ultimativ schädlich für unsere lang andauernde Freundschaft." Am Freitag nun verkündete Trump die Verdopplung der Zölle auf Stahl und Aluminium aus der Türkei, woraufhin die türkische Währung Lira einen historischen Absturz erlebte. Erdoğan steht deshalb stark unter Druck, ein wirtschaftlicher Absturz des Landes kann auch ihm gefährlich werden. Da er der wirtschaftlichen Kraft der USA nichts entgegensetzen kann, wählte er als Gegenschlag die Drohgebärden via New York Times.

Darin erinnert er daran, dass die Türkei nach den Anschlägen vom 11. September treu zu Amerika gestanden habe und Truppen nach Afghanistan sendete. Er verurteilt, dass die USA nicht wie vom türkischen Volk angeblich erwartet, den Putsch von 2016 entschieden verurteilt haben. Erdoğan geht zudem auf den Syrien-Konflikt ein und verurteilt die Partnerschaft Amerikas mit den dortigen Kurden. Die USA arbeiten eng zusammen mit den syrischen Kurden im Kampf gegen die Armee des sogenannten Islamischen Staates. Wohingegen türkische Truppen im Norden Syriens gegen die dortigen Kurden vorgingen. Dies habe nun dazu geführt, beklagt Erdoğan, dass sich amerikanische Waffen gegen das türkische Militär gewendet hätten.

Im Streit um Pastor Brunson verweist Erdoğan darauf, das Vorgehen der türkischen Justiz zu respektieren. Er vergisst freilich zu erwähnen, dass diese seit dem Putschversuch im Verdacht steht, Erdoğans Linie zu folgen. Zudem haben türkische Behörden laut New York Times neben Brunson weitere 19 Amerikaner verhaftet sowie drei Türken, die im US-Konsulat arbeiteten.

Angesichts des schwierigen Verhältnisses zu Amerika, aber auch zu Staaten in Europa wie Deutschland, intensiviert Erdogan seit einiger Zeit seine Verbindung zu Moskau. Zuletzt schloss die Türkei einen Vertrag mit Russland über die Lieferung des Raketenabwehrsystems S-400 für angeblich 2,5 Milliarden Dollar. Das führte in den USA zu Irritationen, weshalb der dortige Kongress beschloss, die Lieferung von in Amerika hergestellten F-35-Kampfflugzeugen zurückzuhalten, bis das Pentagon das Risiko der wachsenden Beziehungen der Türkei mit Russland bewertet. Donald Trump beschloss seinen Tweet am Freitag, in dem er die Zölle für die Türkei erhöhte, mit dem Satz: "Unsere Beziehungen zur Türkei sind derzeit nicht gut."

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