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Terroranschlag in Sousse:Vorzeige-Demokratie als Brutstätte für Dschihadisten

Tausende Tunesier kämpfen in Syrien oder im Irak für den "Islamischen Staat". Die Regierung greift gegen Rückkehrer hart durch - nicht immer mit Erfolg.

Wieder trifft es Tunesien. Mindestens 27 Menschen sind tot, ermordet im Urlaubsort Sousse. Bewaffnete Terroristen griffen dort dem Innenministerium zufolge eine Hotelanlage an, die genauen Hintergründe sind noch unklar.

Tunesien gilt als Vorzeige-Land, einerseits. Nachdem der Arabische Frühling den Diktator Ben Ali im Januar 2011 aus dem Amt fegte, etablierte sich dort - anders als etwa in Ägypten und Libyen - eine Demokratie, die Bestand hat. Im Januar 2015 erlebte das Land eine friedliche Machtübergabe.

Andererseits hat Tunesien ein großes Problem mit dem Terrorismus. Gemessen an der Bevölkerungszahl hat die Terrormiliz "Islamischer Staat", die derzeit vor allem in Syrien und im Irak kämpft, aus keinem Land mehr Zulauf als aus Tunesien. Nach Schätzungen des Innenministeriums sollen 3000 Kämpfer - darunter auch junge Frauen - aus dem Elf-Millionen-Staat nach Syrien und in den Irak gezogen sein, um verschiedene Terrorgruppen zu unterstützen.

Das Land fürchtet schon seit Monaten die massenhafte Rückkehr fanatisierter und militärisch geschulter Islamisten. An den Grenzen wurden die Sicherheitsvorkehrungen zuletzt massiv verschärft.

Die Kämpfer kommen aus allen Gesellschaftsschichten

Terroranschlag in Sousse Auswärtiges Amt befürchtet deutsche Todesopfer
Anschlag am tunesischen Strand

Auswärtiges Amt befürchtet deutsche Todesopfer

+++ Terrorangriff auf eine Tui-Hotelanlage in Tunesien, mindestens 37 Tote +++ Mutmaßlicher Täter tarnte sich als Tourist +++

"Intern nennen die Behörden noch höhere Zahlen, von 4000 bis 5000 Kämpfern ist die Rede. Mehr als 9000 Tunesier haben sie nach eigenen Angaben aufgehalten. Hunderte sind schon ums Leben gekommen - und etwa 500 sollen wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sein", schrieb SZ-Korrespondent Paul-Anton Krüger bereits im Oktober 2014 in dieser Reportage. Sie kämen nicht nur aus der abgehängten Unterschicht, die von der auseinanderklaffenden Schere zwischen Arm und Reich frustriert sei, sondern auch aus der Mittelschicht. Studenten seien ebenso darunter wie sozial benachteiligte junge Männer, die keine Arbeit fänden.

Anfang Februar hat die tunesische Regierung nach eigenen Angaben eine Terrorwelle vereitelt. 32 Extremisten sollen festgenommen worden sein, darunter auch Syrien-Rückkehrer. Sie hätten Anschläge im ganzen Land geplant, auch in der Hauptstadt Tunis.

Im März verübten dann tatsächlich Terroristen einen Anschlag auf das Bardo-Museum in der tunesischen Hauptstadt Tunis. Sie töteten 23 Menschen, darunter 20 Touristen. Das Attentat sei der "erste Tropfen des Regens", hieß es damals in einem Bekennerschreiben, in dem sich die Terroristen zum Islamischen Staat bekannten. Sicherheit und Frieden seien nicht mehr gewährleistet in dem Land. Die Opfer wurden als "Angehörige von Kreuzritterstaaten" bezeichnet, die Tunesien in eine "Brutstätte von Ausschweifungen und Unglauben" verwandelten. Die Attentäter sollen in einem Dschihadistenlager in Libyen ausgebildet worden sein.

Touristen sind als Ziel besonders geeignet

"Besonders geeignet als Ziele sind in den Augen der Gewalttäter stets die Orte, an denen sich Ausländer in größerer Zahl einfinden, also die bekannten Anziehungspunkte für Touristen: Botschaften, Flughäfen, Einkaufszentren, Museen, Tempelruinen oder Badeorte", schrieb SZ-Autor Tomas Avenarius nach dem Anschlag von Tunis.

Nun hat es einen solchen Badeort getroffen, nämlich Sousse. Die 170 000-Einwohner-Stadt hat eine schöne Altstadt und Hunderte Hotels, sie zieht Jahr für Jahr Millionen Touristen an. Der arabische Fernsehsender al-Dschasira weist jedoch auf die andere Seite von Sousse hin.

Reporter berichteten bereits Ende 2014, die tunesische Stadt sei zur Brutstätte selbsterklärter Dschihadisten geworden. Von den etwa 3000 Tunesiern, die im Irak und in Syrien an der Seite des IS kämpfen, kommen al-Dschasira zufolge etwa 1000 aus Sousse. Dem Sender zufolge schließen sich häufig junge Männer aus einer Nachbarschaft, die dieselbe Moschee besuchen, zusammen und reisen nach Syrien oder in den Irak. Viele sterben dort, viele verschwinden. Einige kommen zurück und führen ihren Krieg in der eigenen Heimat fort.

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Die Welt erlebt einen schwarzen Freitag: In einer Gasfabrik nahe Lyon kommt es zu einem Anschlag, wenige Stunden später wird eine Hotelanlage in der tunesischen Stadt Sousse angegriffen und in Kuwait ereignet sich ein Selbstmordanschlag. Die Botschaft der Täter: Der Terror ist überall.   Diskutieren Sie mit uns.