Iran:Der lange Arm der Revolutionswächter

Iran: Trümmerberg in Damaskus: Iran verurteilt den Luftschlag, bei dem mehrere Revolutionswächter getötet wurden.

Trümmerberg in Damaskus: Iran verurteilt den Luftschlag, bei dem mehrere Revolutionswächter getötet wurden.

(Foto: Ammar Safarjalani/dpa)

Fünf Iraner sind durch einen mutmaßlich israelischen Angriff in Syrien getötet worden. Sie gehörten zu Teherans Revolutionsgarden. Was treibt Iran in Syrien an? Und was will Israel erreichen?

Von Raphael Geiger, Istanbul

Seine Macht ist offenbar nicht mehr viel wert. Die Macht, um die Syriens Diktator Baschar al-Assad jahrelang gekämpft hat, um den Preis von mehreren Hunderttausend Toten und Millionen Vertriebenen. Assad hält sich jetzt zurück; er, der Feind Israels, dessen Land direkt an Israel grenzt. Gleichzeitig kann er nicht verhindern, dass Syrien erneut zum Schlachtfeld wird - zur Kampfzone eines Konflikts im Schatten des Gazakriegs.

Am Wochenende hatten Raketen ein vierstöckiges Gebäude in der syrischen Hauptstadt Damaskus getroffen und völlig zerstört. Die fünf Menschen, die sich darin aufgehalten hatten, waren tot. Wenig später wurde bekannt, um wen es sich bei ihnen gehandelt hat: Sie waren Angehörige der iranischen Revolutionsgarden.

Iran geht wohl zu Recht davon aus, dass es ein israelischer Angriff war. Ein gezielter Schlag gegen eine Geheimdiensteinheit, einer von vielen der Israelis in den vergangenen Monaten. Fast wöchentlich greift das Land iranische Ziele in Syrien an. Wieder und wieder traf es die Flughäfen von Damaskus und Aleppo, daneben iranische Konvois in der Wüste. Im Dezember wurde ein General der Revolutionsgarden getötet, der sich gerade in Damaskus aufhielt.

Teheran kontrolliert den irakischen Apparat von innen

Der Mann, Sajjed Rasi Musawi, war zuständig gewesen für genau das, was Israel verhindern oder wenigstens stören will: die militärische Zusammenarbeit zwischen Iran und Syrien. Für das iranische Regime ist Syrien strategisch wichtig, es ist Teil seiner antiisraelischen "Achse des Widerstands". Die haben die Mullahs über Jahre aufgebaut, ihr Weiterbestehen ist ihnen offenbar auch wichtiger als ein direktes Eingreifen in den Gazakrieg.

In den Ländern, die zur Achse gehören, folgt der iranische Einfluss einem ähnlichen Prinzip. Lokale Milizen, die Teheran finanziert und ausbildet, arbeiten mit den Auslandseinheiten der iranischen Revolutionsgarden zusammen. Im Irak haben sich diese Milizen einen solchen Status erkämpft, vor allem in den Schlachten gegen den IS, dass sie Teil der Armee wurden. Teheran kontrolliert so den irakischen Apparat von innen. Libanon wird faktisch von der Hisbollah-Miliz beherrscht, der Verbündeten Irans.

Zwischen dem Irak und Libanon liegt Syrien. Baschar al-Assad hat schon lange, bevor die Revolution gegen ihn anfing, die Nähe zu Teheran gesucht. Während des Kriegs boten ihm die iranischen Freunde an, die aufgeriebene syrische Armee zu unterstützen, mit eigenen Verbänden und mit lokalen Milizen, außerdem mit Söldnern, zum Beispiel jungen Männern aus Afghanistan. Ohne Iran hätte Assad den Krieg wohl nicht gewinnen können.

Iran schützt seine Waffenlieferungen vor IS-Angriffen

Der syrische Krieg ist fast vorbei, von einzelnen Kämpfen abgesehen, die Iraner aber blieben im Land. Die Revolutionsgarden setzten sich fest, vor allem in der Wüste im Osten, nahe der irakischen Grenze. Dort schützen sie ihre Waffenlieferungen vor IS-Angriffen und stellen sicher, dass alles problemlos über die Grenze geschmuggelt wird. Von Syrien aus gelangen die Lieferungen weiter nach Libanon, zur Hisbollah.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, dass Iran seine Hilfslieferungen nach den Erdbeben im vergangenen Februar für Waffentransporte genutzt habe. Hunderte Flüge aus Iran seien in den Wochen nach den Beben in Aleppo gelandet, offenbar nicht nur aus humanitären Gründen. Die Iraner seien auch sofort ins Erdbebengebiet aufgebrochen, mehrere Tage bevor Baschar al-Assad sich dort zeigte, ein Zeichen dafür, wie groß ihr Einfluss im Land ist.

Iran: Irans Präsident Ebrahim Raisi und Syriens Machthaber Baschar al-Assad im Gespräch in Damaskus im Mai 2023.

Irans Präsident Ebrahim Raisi und Syriens Machthaber Baschar al-Assad im Gespräch in Damaskus im Mai 2023.

(Foto: AP)

Seit dem 7. Oktober hat Iran es seinen Verbündeten in den Nachbarländern überlassen, den Krieg gegen Israel und die USA zu führen. Während die Hisbollah den Norden von Israel beschießt, feuern irakische und syrische Milizen Raketen auf US-amerikanische Basen. Die USA sind nicht nur noch immer im Irak mit Truppen präsent, sondern auch in Syrien. Die Militärbasis von Al-Tanf im Süden zum Beispiel liegt umgeben von Land, das Assad untersteht, beziehungsweise den iranischen Kräften dort. Der Stützpunkt wurde immer wieder zum Ziel von Angriffen.

Es finden also, genau genommen, zwei Schattenkriege statt: Israel greift in Syrien iranische Ziele an; Iran-treue Milizen in Syrien attackieren im Gegenzug die USA, die wiederum mit Vergeltungsschlägen reagieren. Könnte daraus ein größerer Krieg werden? Den will im Moment zwar keine der Konfliktparteien. In Israel ist es allerdings eine Urangst, dass Iran zur Atommacht aufsteigen könnte. Damit droht Teheran seit Oktober wieder explizit, es hat die Anreicherung von Uran beschleunigt, theoretisch wäre es bis zum Bau einer Bombe nicht mehr weit.

Dem iranischen Regime geht es um Sicherheit. Deshalb das Atomprogramm, deswegen die Achse des Widerstands. Es will sich unangreifbar machen. Für Israel ist der Einfluss der potenziellen Atommacht Iran in der direkten Nachbarschaft eine ständige Gefahr, genau die Gefahr, die Iran sein will. Dagegen wehrt sich Israel nun deutlicher. Und mit weniger Vorsicht.

Früher, vor dem Überfall der Hamas, flog die israelische Luftwaffe zwar auch schon Angriffe in Syrien, sie vermied es damals aber, dass dabei Iraner oder Angehörige der Hisbollah ums Leben kamen. Jetzt legt es die Regierung in Jerusalem offenbar sogar darauf an, sie tötet gezielt Revolutionswächter. Das ist eine Warnung an das iranische Regime, nicht doch noch die Eskalation im Nahen Osten zu suchen. Den großen Krieg, den niemand will.

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