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Weltkriegsgedenken in Russland:"Den Zuspruch erhält der Kriegsgewinner Stalin, nicht der Massenmörder"

Wie erklärt sich die hohe Popularität, die der frühere Diktator Josef Stalin in Russland laut einer aktuellen Umfrage genießt? Ein Gespräch mit dem Moskauer Soziologen Boris Kagarlizki.

Ein Stalin-Verehrer hält auf dem Roten Platz in Moskau ein Porträt des Ex-Diktators in die Höhe.

Ein Stalin-Verehrer hält auf dem Roten Platz in Moskau zwei Porträts des sowjetischen Diktators in die Höhe.

(Foto: dpa)

Seit die Wehrmacht in der Nacht auf den 9. Mai 1945 in Berlin im Zweiten Weltkrieg kapitulierte, wird dieser Tag in Russland als "Tag des Sieges" feierlich begangen. Diesen Erfolg halten die Russen dem damaligen sowjetischen Diktator Josef Stalin bis heute zugute. Dass seinem mörderischen Unterdrückungsapparat auch Millionen von Sowjetbürgern zum Opfer fielen, gerät dabei in den Hintergrund. Dies offenbarte nun eine Umfrage des Moskauer Levada-Zentrums, der zufolge 70 Prozent der Russen Stalins Rolle in der Geschichte positiv bewerten, während sie nur von 19 Prozent negativ beurteilt wird. Stalins vorheriger Rekord-Zustimmungswert lag laut Levada-Zentrum 2016 bei 54 Prozent, während er damals von 32 Prozent negativ eingeschätzt wurde. Der marxistische Soziologe Boris Kagarlizki, der zu Sowjetzeiten als Dissident systemkritische Samisdat-Literatur verbreitete, saß wegen Kritik an Stalin in den frühen Achtzigerjahren 13 Monate im Gefängnis. Heute leitet er das Moskauer "Institut für Globalisierung und soziale Bewegungen". Im Gespräch äußert er sich über die Hintergründe der Popularität, die Stalin in Russland genießt.

Die Umfrage des Levada-Zentrums ergab, dass Stalin derzeit so populär in Russland ist wie noch nie zuvor, seit der Staat als solcher aus der Sowjetunion hervorging. Wie ist es möglich, dass ein Massenmörder in einem zivilisierten Land so viel Zuspruch erhält?

Es ist ja nicht der Massenmörder Josef Stalin, der diesen Zuspruch bekommt, sondern der Kriegsgewinner Josef Stalin. Die Russen unterscheiden in ihrer Beurteilung Stalins deutlich zwischen ihm als historischer Figur und dem politischen Konzept, für das er steht. Als Gestalt der Geschichte sprechen sie ihm unter dem Strich eine positive Rolle zu, ganz einfach, weil er den Zweiten Weltkrieg für die Sowjetunion gewonnen hat. Doch die wenigsten würden sagen, dass seine Unterdrückungsherrschaft gut war. Die Leute sagen nicht: 'Es ist großartig, dass es den Gulag gab.'

Aber gehört nicht beides zu Stalin: sowohl seine Rolle als Kriegsherr als auch als Unterdrücker?

Die Menschen erkennen ja durchaus diese zwei Seiten an Stalin. Aber sie sagen: 'Dass er den Krieg gewonnen hat, ist so großartig, dass man ihm in gewisser Weise den Gulag nachsehen kann.' Sie denken das umso mehr, weil sie inzwischen wissen, dass Stalins Unterdrückungsapparat in der Vergangenheit als übertrieben blutrünstig hingestellt wurde. Zum Teil stimmt das leider auch.

Tatsächlich?

Ja, in der Reaktion auf die Leugnung der stalinistischen Gewalt zu sowjetischer Zeit wurde sie in den Neunzigerjahren übertrieben dargestellt. Das führte zu der paradoxen Situation, dass Leute wie ich, die zu Sowjetzeiten wegen Kritik an Stalin im Gefängnis saßen, ihn plötzlich verteidigen mussten. Ich hatte keine andere Wahl als zu sagen: Jetzt mal halblang. In der Zeit der "Großen Säuberung" wurden von den Troikas (Kommissionen von drei Personen, die Menschen in Schnellverfahren aburteilte; Anm. d. Red.) mehr als 700 000 Menschen zum Tod verurteilt, aber nicht zwei oder drei Millionen, wie in der liberalen russischen Presse geschrieben wurde. Mindestens zwei Millionen Bauern wurden zwangsumgesiedelt, aber nicht vier oder fünf Millionen, wie es nun hieß.

Es gibt noch viele weitere Opfer des Stalinismus, etwa durch die Zwangskollektivierung. Aber allein die Opferzahlen, die Sie nennen, sind monströs.

Natürlich. Was diese Zahlen ausdrücken, ist immer noch furchtbar genug und lässt Stalin in keinem besseren Licht erscheinen. Doch bei manchem entstand der falsche Eindruck, dass er gar nicht so übel war, wie immer behauptet wurde. Das war mir natürlich überhaupt nicht recht, doch als seriöser Wissenschaftler hatte ich keine andere Wahl, als mit korrekten Zahlen zu hantieren. Ich sage deswegen immer sofort dazu, dass das immer noch mehr als genug Opfer sind. Doch gegen den psychologischen Effekt, dass für manchen Stalin durch diese Korrektur irgendwie rehabilitiert war, kam ich nicht an.

Boris Kagarlitskij

Der russische Soziologe Boris Kagarlizki: "Viele Leute sehen in Stalin den Mephisto in Goethes Faust, der sagte: 'Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft."'

(Foto: Skilpaddle / CC-by-sa-3.0)

Hat die Popularität Stalins auch damit zu tun, dass er die Sowjetunion zu einer Weltmacht aufgebaut hat?

Zumindest wird ihm zugebilligt, dass er geschafft hat, was er sich vorgenommen hatte. Auf das weist eine Studie meiner Kollegin Anna Otschkina hin, die 2014 eine Umfrage machte, in der sie russische Nationalisten aufforderte, historische Persönlichkeiten zu nennen, die von ihnen positiv eingeschätzt werden. Stalin wurde erwartungsgemäß am häufigsten erwähnt, doch es war eigenartig, wer sonst noch bei den Antworten auftauchte: Charles de Gaulle, Theodore Roosevelt, Winston Churchill, Che Guevara und noch einige andere. Das heißt: Es wurden Figuren angeführt, die mit westlichen Demokratien assoziert werden, andere wiederum standen für totalitäre und kommunistische Regimes, und dann gab es noch einige Protagonisten wie Che Guevara, die einen Sonderstatus hatten.

Das scheint widersprüchlich zu sein.

Ist es aber nur auf den ersten Blick. Denn das waren alles Führungspersönlichkeiten, die das umgesetzt haben, was sie versprochen haben. Wenn jemand mit demokratischen Mitteln erfolgreich war und die Menschenrechte befolgt hat, dann sind die Menschen sehr zufrieden mit dieser Person. Wenn jemand seine Agenda durchgebracht und dabei demokratische Regeln verletzt hat, wird das nicht als optimal eingeschätzt, doch möglicherweise akzeptiert.

Was wird Stalin neben dem Gewinn des Zweiten Weltkrieges zugutegehalten?

Viele Leute sehen in Stalin den Mephisto in Goethes Faust, der sagte: 'Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.' Das heißt: Sie erkennen durchaus, dass seine Methoden barbarisch waren, aber sie halten ihm zugute, dass er auf lange Sicht einen funktionierenden Großstaat geschaffen hat, der ein Bildungssystem, Krankenversicherung und Sozialleistungen zur Verfügung stellte.

Ist die gestiegene Popularität Stalins damit auch ein Zeichen für die Unzufriedenheit der Russen mit ihrer derzeitigen Regierung, die für sie vor allem korrupt und bürokratisch ist, und die aus ihrer Sicht unfähig ist, das schleppende Wirtschaftswachstum anzukurbeln?

Das ist absolut so. Die Russen bringen nur zwei Namen in Zusammenhang mit der Politik: Putin und Stalin. Und natürlich besteht zwischen diesen beiden Namen eine Verbindung. Wenn Putins Popularität sinkt, wie es derzeit der Fall ist, dann steigt die Beliebtheit Stalins. Denn es wird ihm angerechnet, dass er das geliefert hat, wozu die derzeitige Regierung aus Sicht vieler Menschen nicht in der Lage ist.

Muss man den gewonnenen Krieg als Hauptgrund dafür verstehen, dass sich die Russen der Aufarbeitung des Stalinismus nicht so stellen wie etwa die Deutschen der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus? Jedes Konzentrationslager ist in Deutschland ja heute eine Gedenkstätte.

In Moskau gibt es immerhin ein Gulag-Museum. Aber ich bin auch nicht einverstanden damit, Hitler und Stalin gleichzusetzen. Hitler führte Krieg, um ganze Völker auszurotten, und das tat Stalin nicht. Er war ein furchtbarer und barbarischer Herrscher, aber es ist kein Zufall, dass er durch den Gewinn des Zweiten Weltkrieges mit dafür sorgte, dass sich die westlichen Demokratien wieder etablieren konnten. Trotzdem betrachte ich es als meine moralische Pflicht, Stalin für seine Menschenrechtsverletzungen zu kritisieren. Aber das muss in einer Weise geschehen, die den Tatsachen entspricht, und nicht mit übertriebenen Beschreibungen und Zahlen.

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