Spanien:Den Mördern ausgeliefert

Spanien: Mitglieder der Guardia Civil tragen den Sarg ihres am 9. Februar ermordeten Kollegen David Pérez zur Kathedrale in Pamplona.

Mitglieder der Guardia Civil tragen den Sarg ihres am 9. Februar ermordeten Kollegen David Pérez zur Kathedrale in Pamplona.

(Foto: Alvaro Barrientos/AP)

Drogenschmuggler überfahren an Spaniens Südküste eiskalt ein Polizeiboot und töten zwei Zivilgardisten. Danach fragt sich das Land: Haben die Sicherheitskräfte gegen die hochgerüsteten Narcos in der Meerenge von Gibraltar überhaupt eine Chance?

Von Patrick Illinger, Madrid

Ein verwackeltes Video wühlt ganz Spanien auf. Es zeigt ein Blaulicht, das im nächtlichen Hafen von Barbate auf den Wellen tanzt, dahinter die Mole, beschienen von einer Laterne. Das Blaulicht gehört einem Schlauchboot der Guardia Civil, keine sechs Meter lang, wie später zu erfahren ist. Ein zweites Boot, ohne Beleuchtung, zweieinhalbmal so lang, um ein Vielfaches schwerer, umkreist das Vehikel der Staatsgewalt, nimmt Anlauf und rast mit Vollgas darüber hinweg.

Zwei Polizisten werden vom Rumpf des angreifenden Bootes erschlagen. Das erfährt die Öffentlichkeit am nächsten Tag. Es ist ein erschütterndes Dokument, nicht nur, weil es einen kaltblütigen Mord zeigt, begleitet überdies von den Jubelrufen jener, die das Video aufgenommen haben. Es ist zu einem Symbol der Hilflosigkeit geworden. Jener Hilflosigkeit, mit der Spaniens Sicherheitskräfte versuchen, dem Drogenschmuggel an der Straße von Gibraltar Herr zu werden.

Die Boote der Drogenschmuggler ankerten unbehelligt im Hafen

Wie kann es sein, dass die Polizei mit hoffnungslos unterlegener Ausrüstung unterwegs ist? Wer hat die Zivilgardisten auf die todbringende Mission geschickt? Die Schuldzuweisungen sind im vollen Gange. Auch Fernando Grande-Marlaska, der Innenminister Spaniens, ist mit Rücktrittsforderungen konfrontiert.

Weil es stürmisch war an jenem Tag vor der spanischen Atlantikküste zwischen Cádiz und Tarifa, hatten insgesamt sechs Festrumpfschlauchboote mit mehreren gewaltigen Motoren am Heck überraschend Schutz im Hafen von Barbate gesucht. Es waren Drogenschmuggler, die normalerweise auf offener See ausharren, bis sie den nächsten Auftrag bekommen und von Marokko aus an Spaniens Strände pendeln.

Weitere Videos zeigen, wie die Boote tagsüber unbehelligt im windumtosten Hafen ankern. Wie die Zeitung El País herausfand, bat der Bürgermeister von Barbate im Laufe des Nachmittags die Guardia Civil um Hilfe. Weil die Polizei an diesem Küstenabschnitt kein Schiff zur Verfügung hatte, brach ein Trupp von sechs Mann von Algeciras aus auf: Auf dem Landweg zogen sie ihr vergleichsweise kleines Schlauchboot bis in die Nähe von Barbate und ließen es dort zu Wasser, wo das tödliche Gefecht begann. Nach dem Angriff auf das Polizeiboot flüchtete das 14 Meter lange, mehr als 1000 PS starke Drogenboot.

Die ums Leben gekommenen Zivilgardisten wurden mittlerweile in ihren Heimatorten Cádiz und Pamplona zu Grabe getragen. Im Zuge einer großangelegten Suchaktion wurden der Skipper des Drogenbootes, ein Mann mit dem Tarnnamen Kiko El Cabra (Kiko der Ziegenbock) und seine Kumpanen in La Línea de Concepción, einem Nachbarort von Gibraltar, gut 40 Seemeilen von Barbate entfernt, aufgespürt und festgenommen. Die Gruppe steht bereits unter Mordanklage.

Warum wurde die Sondereinheit OCON so schnell wieder aufgelöst?

La Línea de Concepción hat im Zusammenhang mit Drogenhandel weit über Spaniens Grenzen hinaus Bekanntheit erlangt. Die 2020 bei Netflix erschienene mehrteiligen Doku-Serie "Im Schatten der Drogen" wurde dort gedreht.

Aus Sicherheitskreisen ist zu hören, dass es bei dem Schmuggel an Spaniens Südküste vor allem um Haschisch geht, das in Blöcke gepresste Harz von Cannabispflanzen, das aus Marokko stammt. Kokain aus Südamerika landet eher in großen Containerhäfen an, darunter auch Valencia. Und Marihuana, die getrockneten Cannabisblüten und -blätter, muss nicht importiert werden: Spanien ist der wichtigste Produzent der Hanfpflanze in Europa. In allen Fällen sind die Gewinnspannen so hoch, dass sich der Handel lohnt, selbst wenn die Polizei gelegentlich Ware abfängt.

Seit dem Mord in Barbate werden in Spanien viele Fragen diskutiert. Die konservative Opposition fordert eine umfassende Aufklärung im Parlament und will die Führung der Guardia Civil vor die Abgeordnetenkammer zitieren. Der Innenminister soll einen ganzen Katalog von Fragen beantworten. Im Fokus steht dabei auch das ominöse Ende einer Sondereinheit namens OCON, die 2018 gegründet, aber 2022 schon wieder aufgelöst wurde. 150 Elitekräfte der Guardia Civil waren damals abgestellt worden für den Kampf gegen den Drogenhandel an Spaniens Südküste. Vor zwei Jahren entschied man, offiziell aus Effizienzgründen, die OCON-Leute wieder anderen Dienststellen zuzuteilen. War das, trotz Spekulationen über fragwürdige Methoden der Spezialtruppe, ein Fehler?

Am Dienstag dieser Woche berichtete die marokkanische Zeitung Le Matin vom Besuch einer hochrangigen Delegation aus Spanien bei Abdellatif Hammouch, Marokkos Direktor für nationale Sicherheit und territoriale Überwachung. Beobachter vermuten, dass es bei den Gesprächen in Rabat auch um den Drogenhandel an der Straße von Gibraltar ging. An der schmalsten Stelle ist Marokko nur 14 Kilometer vom spanischen Festland entfernt. Ein tausend PS starkes Boot kann diese Strecke in wenigen Minuten bewältigen.

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