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Sexuelle Gewalt im Krieg:"Wir sprechen von Überlebenden, nicht von Opfern"

Monika Hauser

Die italienisch-deutsche Ärztin Monika Hauser

(Foto: UllaBurghardt/medica mondiale)

Die Ärztin Monika Hauser fordert mehr Mitsprache für Frauen bei Friedensmissionen. Der UN-Sicherheitsrat befasst sich heute mit sexueller Gewalt in Konflikten.

Die italienisch-deutsche Ärztin Monika Hauser engagiert sich seit 30 Jahren für Frauen und Mädchen in Kriegsgebieten. Mit ihrer in Köln ansässigen Hilfsorganisation "Medica mondiale" unterstützt die 59 Jahre alte Gynäkologin Opfer sexueller Gewalt - anfangs in Bosnien, Kosovo und Albanien, später auch in Afghanistan und afrikanischen Ländern wie z.B. Liberia.

An diesem Dienstag befasste sich der UN-Sicherheitsrat mit dem Thema "Sexuelle Gewalt in Konflikten". Den Vorsitz hat Deutschland, das bis 2020 einen der nichtständigen Sitze in dem Gremium innehat. Laut Bundesaußenminister Heiko Maas zählen der Kampf gegen Vergewaltigung und Missbrauch im Krieg zu den Schwerpunkten, die Deutschland im mächtigsten UN-Gremium setzen will. Höchste Zeit, findet Monika Hauser. In ihren Augen hat die Politik in den vergangenen 20 Jahren vieles falsch gemacht.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Frau Hauser, seit fast drei Jahrzehnten beschäftigen Sie sich mit sexueller Gewalt gegen Frauen. Stumpft man irgendwann ab?

Nein. Mich treffen manche Erzählungen immer noch. Das können Details sein, die mich berühren und erahnen lassen, was für ein Schmerz dahintersteht. Eine Ruanderin, Ärztin, die schon lange in Deutschland lebt, hat mir zum Beispiel vor Kurzem erzählt, dass sie nicht nur in ihrer Heimat Gewalt und Diskriminierung erlebt hat, sondern auch hier. Wie sie in öffentlichen Verkehrsmitteln mehrmals von Männern gefragt wurde, wie teuer sie wäre, wie viel ein Quickie kosten würde. Und wie gedemütigt sie sich danach fühlte. Ihre Augen voller Schmerz gehen mir immer noch nach. Wenn ich diese Berührbarkeit nicht mehr hätte, müsste ich aufhören. Ich will keine Funktionärin des Leids werden.

Nach Ihrer Rückkehr aus Bosnien in den Neunzigerjahren haben Sie selbst einen Zusammenbruch erlebt, die Arbeit mit vergewaltigten Frauen hatte auch Sie traumatisiert.

Das war schmerzhaft damals, aber auch lehrreich. Ich habe gelernt, dass ich gut für mich sorgen muss, um weitermachen zu können. Aber ich schöpfe auch Kraft aus der Arbeit mit Kolleginnen aus aller Welt. Egal in welches Land wir gehen, überall gibt es Frauen, die voller Leidenschaft die gleiche Arbeit tun wie wir, oft mit viel weniger Mitteln.

Der jüngste Friedensnobelpreis ging an die Jesidin Nadia Murad und den Kongolesen Denis Mukwege. Beide kämpfen gegen sexuelle Gewalt. Die eine als Überlebende, der andere als Arzt, der Opfern wieder zu einem Leben in Würde verhilft. Erkennt die Welt endlich, wie gravierend das Problem ist?

Ich habe mich natürlich gefreut, dass Nadia Murad und Denis Mukwege diese Anerkennung bekommen haben. Ich kenne und schätze beide. Diese Arbeit wird ja sonst kaum gesehen, auch nicht, was sie an Kraftaufwand für den Einzelnen bedeutet. Ich habe mich aber schon gefragt, wie die Menschen, die dort minutenlang geklatscht haben und aufgestanden sind, diese Arbeit nachhaltig unterstützen. Wie tragen wir alle dazu bei, dass sexualisierte Gewalt aufgedeckt wird? Dass mit dem Finger auf die Täter und nicht auf die Opfer gezeigt wird? Wie beenden wir die Straflosigkeit? Selbst in Deutschland liegt die Zahl der verurteilten Täter im einstelligen Prozentbereich, das ist nicht hinnehmbar. Auch wenn inzwischen mehr berichtet wird, ist nach wie vor auf allen Ebenen viel Verdrängung da.

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Immerhin: Bundesaußenminister Heiko Maas bringt das Thema gerade auf die Agenda des UN-Sicherheitsrats.

Dass sexualisierte Gewalt in der deutschen Politik als Thema gesehen wird, ist ein Erfolg, keine Frage. Aber das ist erst seit Kurzem so. Und Deutschland ist im Sicherheitsrat auch nicht das erste Land mit diesem Fokus, Schweden ist da schon federführend vorangegangen. Wir haben mit der UN-Resolution 1325 "Frauen, Frieden und Sicherheit" schon seit 2000 ein Instrument zum Schutz vor sexualisierter Gewalt und zur Beteiligung von Frauen an Friedensprozessen. Das, was da drin steht, hätte längst umgesetzt werden müssen.

Was steht denn drin?

Dass die Seite der Frauen bei allen Themen konsequent mitgedacht werden muss. Dass es keinen Friedensvertrag, keine Friedensmission geben darf, die nicht auf die Gender-Perspektive hin abgeklopft wurden. Aber wir sehen das ja bei unserer Arbeit in den Krisengebieten: Die Realitäten der Frauen kommen nicht vor, nicht in den Friedensverträgen, nicht beim Wiederaufbau. Sie sitzen nicht mit am Verhandlungstisch. In Afghanistan zum Beispiel hätte es eine so tolle Chance gegeben. Deutschland hat da eine 15-jährige, teure Mission mitgestaltet, es hätte afghanische Frauen als Politikerinnen, als Fachleute in den Wiederaufbau einbinden können. Das hat man aber komplett verpasst. Ich behaupte, die Situation heute würde anders aussehen, hätte man Frauen konsequent mitgestalten lassen. Jetzt hat Deutschland angekündigt, sich für diese Dinge einzusetzen. Ich hoffe wirklich, dass das passiert.

Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?

Sexualisierte Gewalt in ihrer massiven Dimension weltweit können wir nur bekämpfen, wenn wir auf vielen Ebenen zugleich ansetzen. Es gibt die UN, es gibt die EU, es gibt die einzelnen Staaten. Diese Ebenen müssten Hand in Hand gehen, aber das Gegenteil ist derzeit der Fall, überall wird nur auf die eigenen Interessen geschaut.

Was könnte ein Staat wie Deutschland tun?

Es geht darum, das eigene Verhalten auf den Prüfstand zu stellen. Schweden zum Beispiel verfolgt konsequent eine feministische Außenpolitik. Wegen des extrem frauenfeindlichen Verhaltens von Saudi-Arabien exportierten die Schweden keine Rüstungsgüter mehr dorthin. Das ist konsequent und präventiv. Oder gute Regierungsführung in anderen Ländern unterstützen. Man sollte sich auch überlegen, wie man mit Konzernen umgeht, die etwa im Ostkongo Rohstoffe ausbeuten und so die Gewalt dort am Laufen halten, unter der vor allem Frauen und Kinder leiden. In Genf gab es letztes Jahr Verhandlungen über ein UN-Abkommen für verbindliche, internationale Regeln für Großkonzerne zur Einhaltung von Menschenrechten - da hat sich Deutschland verweigert.

Sie kritisieren regelmäßig auch die Berichterstattung über sexuelle Gewalt. Was machen Medien falsch?

Zunächst einmal finde ich schon die Bezeichnung falsch. Mit "sexueller Gewalt" oder auch mit einem Wort wie "Sexsklavin" wird suggeriert, dass auch die Frauen dabei Sex hätten. Es geht hier aber um einen puren Gewaltakt, bei dem die Sexualität nicht im Vordergrund steht. Wir sprechen deshalb von sexualisierter Gewalt, von Gewalt mit sexuellen Mitteln. Dann geht es in den Berichten oft mehr um die sensationellen Details von Vergewaltigungen als um die Frauen selbst, um die Subjekte, die das alles erlebt, überlebt haben. Ich denke zum Beispiel an die Boko-Haram-Geiseln oder an die Jesidinnen. Da geht es um Blut, um Tränen, um die genaue Art der Vergewaltigung. Ich wünsche mir, dass die Kraft dieser Frauen nach vorne gestellt wird, die in ihrem Überleben sehr viel Stärke bewiesen haben. Wir sprechen deshalb von Überlebenden, nicht von Opfern. Wenn es Medien gelingt, respektvoll und empathisch über das Thema zu berichten, vermeiden sie, dass die Frauen stigmatisiert und weiter traumatisiert werden.

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