Polen:Konflikt an der falschen Front

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Polen: In den deutsch-polnischen Grenzgebieten wie hier zwischen Słubice und Frankfurt überwiegt der freundschaftliche Austausch. Zwischen den Regierungen knirscht es heftig.

In den deutsch-polnischen Grenzgebieten wie hier zwischen Słubice und Frankfurt überwiegt der freundschaftliche Austausch. Zwischen den Regierungen knirscht es heftig.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Beim Thema Reparationsforderungen an Deutschland scheinen die tief zerstrittenen politischen Lager plötzlich zusammenzuhalten. Widerrede kommt aus den Grenzgebieten und von den Kirchen.

Von Viktoria Großmann, München

Normalerweise bekämpfen sich die polnischen Regierungsparteien und die Opposition mit fast allen rhetorischen Mitteln. Kein Vorwurf ist zu absurd, kein Angriff zu laut. Doch bei einem Thema herrscht in Warschau nun Einigkeit: den Reparationsforderungen an Deutschland. Erst in dieser Woche erklärte auch der Warschauer Stadtrat einstimmig seine Unterstützung für das Vorhaben - dort hat die die Koalicja Obywatelska, erklärter Gegner der regierenden rechtspopulistischen PiS, eine starke Mehrheit.

Am 1. September hatte die Regierung einen umfassenden Bericht vorgelegt, der die Reparationsschuld Deutschlands an Polen für die im Zweiten Weltkrieg angerichteten Schäden auf 6,2 Billionen Złoty, etwa 1,3 Billionen Euro beziffert. Der polnische Außenminister Zbigniew Rau reicht jüngst in Berlin eine entsprechende diplomatische Note ein.

Nun mahnt der Erzbischof von Katowice, Wiktor Skworc, die Politiker zu Mäßigung im Ton. Es sei nicht gut, "den heutigen Deutschen die Schuld an den Sünden ihrer Vorfahren zuzuschreiben". Eine solche "medial und politisch attraktive Verallgemeinerung ist eine schwere Verletzung der Wahrheit und ein politischer Fehler, der den Weg für Zusammenarbeit und Verständigung versperrt", sagte er der polnischen Nachrichtenagentur KAI.

Mehrere Oppositionspolitiker hielten der PiS zunächst vor, nur mit antideutschen Ressentiments Wahlkampf zu treiben. Das sahen auch knapp 70 Prozent der Teilnehmer an einer Umfrage so. Gleichzeitig fanden die Befragten die Forderungen berechtigt. Und auch 418 der 460 Abgeordneten im polnischen Sejm stimmten für eine Resolution, die diese Reparationen einfordert. Darin heißt es, Polen habe "niemals" Entschädigung für die menschlichen und materiellen Verluste erhalten und auch "niemals" eine Wiedergutmachung.

Das stimme so nicht, sagt der Historiker Krzysztof Ruchniewicz. Er ist Professor am Willy-Brandt-Zentrum der Universität Breslau und hat lange in Deutschland gelehrt. Er erkennt weder die Methoden noch die Wissenschaftler an, die den Bericht geschrieben haben. "Es wäre ein Verdienst gewesen, zu erforschen, was die Sowjetunion eigentlich an Polen ausgezahlt hat."

Die Zivilgesellschaft hat viel erreicht

Denn wahr ist, dass Polen als jenes Land, das möglicherweise am meisten im Zweiten Weltkrieg gelitten hat, nie mit am Tisch saß, wenn es um Kriegsentschädigungen ging. Weder am Ende des Zweiten Weltkriegs noch bei den Zwei-plus-Vier-Gesprächen.

Was Ruchniewicz am meisten ärgert ist, dass der Bericht nichts von dem anerkennt, was in den vergangenen Jahrzehnten an Versöhnungs- und Verständigungsarbeit geleistet worden sei - gerade von der Zivilgesellschaft und der Kirche, etwa von Aktion Sühnezeichen oder dem Max-Kolbe-Werk. Hinzu kommen staatliche Bemühungen wie Schulbuchkommission, Jugendwerk und die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit. Es gebe ein Verantwortungsgefühl und den Willen zur Verständigung. "Das haben wir geschafft", sagt Ruchniewicz, "und das sind tolle Leistungen."

"Dieser Versöhnung" wolle seine Kirche "auch heute in voller Verantwortung und Unabhängigkeit weiter dienen", sagte nun Erzbischof Skworc. Zuvor hatte der Vorsitzende der polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Stanisław Gądecki, eine "Wiedergutmachung des Unrechts" befürwortet. Skworc sagte nun, die deutschen und polnischen Erzbischöfe sollten eine gemeinsame Haltung zu dieser Frage finden. Auf keinen Fall sollten Ansprüche "in der Sprache der Anklage" geltend gemacht werden, "die negative Emotionen weckt und auf ein Gefühl der Feindschaft gegenüber dem Täter zurückgreift".

In den Grenzgebieten schaut man lieber auf die gute Zusammenarbeit. Bei einem Gespräch mit Bürgermeistern schlesischer Städte Ende September geben sich die meisten ziemlich unbeeindruckt von den Misstönen zwischen Warschau und Berlin. "Keiner hat Zweifel an den Verbrechen der Nazis, aber das wird von der PiS instrumentalisiert", sagte etwa der Bürgermeister von Wałbrzych, Roman Szełemej, bei dem Gespräch in Breslau.

"Es tut uns leid, dass die Regierungsbeziehungen so aussehen", ergänzt sein Kollege Tomasz Kiliński aus Nowa Ruda. "Aber wir arbeiten auf unserer Ebene dagegen." Bei den Städtepartnerschaften etwa seien persönliche Beziehungen wichtiger als die große Politik.

"Mit Geld nicht gutzumachen"

Polens größte Tageszeitung Gazeta Wyborcza reagierte eher verstört auf die Forderungen der polnischen Regierung, sprach von einem "imaginären deutsch-polnischen Krieg" des Parteivorsitzenden Jarosław Kaczyński, der sich wohl erhoffe, einen besonders in der älteren Generation noch "tief verwurzelten Hass" auf die Deutschen anzusprechen. "Herr Kaczyński, der Krieg findet jenseits der Ostgrenze, nicht an der Westgrenze statt."

Ähnlich äußerte sich die Europapolitikerin Roża Thun, sie gehört der linksliberalen Partei Polska 2050 an. Die Verbrechen könne man ohnehin "mit Geld überhaupt nicht wiedergutmachen", sagte sie diese Woche im Deutschlandfunk. Wichtiger sei es, Geld auszugeben, um die Ukraine zu bewaffnen. "Das heißt, Sicherheit, Frieden heute in unserer Umgebung zu schaffen, aber nicht Spannungen zwischen Polen und Deutschland."

Die PiS aber findet es gerade jetzt einen ziemlich guten Zeitpunkt, um die Deutschen um derart hohe Summen anzugehen. Die Regierungsspitze behauptet, wenn Deutschland für seine Verbrechen zahle, würde das die Beziehungen der beiden Länder sehr verbessern.

Historiker Ruchniewicz befürwortet eine "pragmatische Lösung". Etwa die Unterstützung ehemaliger Zwangsarbeiter oder Shoa-Überlebender. "Ob nun Medikamente oder ein Platz im Altersheim", sagt Ruchniewicz. Es wäre eine wichtige Arbeit, herauszufinden, welche Opfer noch gar keine oder kaum Entschädigung erhalten hätten. Die gemeinsam in langer Arbeit erstellten Schulbücher müssten nun auch genutzt werden, mahnt Ruchniewicz und auch mit der Arbeit am Gedenk- und Begegnungsort zur Erinnerung an die deutschen Verbrechen in Polen müsse es vorangehen. Noch einen konkreten Vorschlag hat der Historiker: "Die deutschen Politiker sollten ihre Sonntagsreden nicht nur in Polen halten, sondern auch in Deutschland und dort um Verständnis werben."

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