Pluralismus in der westlichen Welt:Pressefreiheit ist nicht grenzenlos

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Journalisten sterben in vielen Staaten, weil sie ihre Arbeit machen, in Mexiko oder in Afghanistan. Andere arbeiten unter tödlicher Bedrohung, auch mitten in Europa. So muss sich der italienische Publizist Roberto Saviano vor der Camorra verstecken. Die Mitarbeiter der dänischen Jyllands-Posten leben seit 2005, als die Zeitung Mohammed-Karikaturen veröffentlichte, mit ständigen Anschlagsdrohungen. Sie schreiben und zeichnen hinter Stacheldraht und Sicherheitsschleusen.

Besonders viel Courage hat in den vergangenen Jahren die Redaktion von Charlie Hebdo bewiesen. Weil sie sich immer wieder satirisch mit den Religionen auseinandersetzte und ebenfalls Karikaturen des Propheten Mohammed druckte, verwüsteten Extremisten das Redaktionsgebäude 2011 durch einen Brandanschlag. Die Leute von Charlie Hebdo ließen sich nicht stoppen und machten in dem Wissen weiter, dass jederzeit geschehen könnte, was dann am Mittwoch passiert ist. Nun müssen auch die meisten anderen Pariser Blätter unter Polizeischutz weiterarbeiten.

Dem Attentat zum Trotz geht die Hauptgefahr für die Pressefreiheit in Europa bislang jedoch nicht von Extremisten aus. Zeitungen und Zeitschriften sind in ihrer Existenz bedroht, weil Anzeigenkunden verloren gehen und Leser sich lieber gratis im Internet informieren, als für ein Abonnement zu bezahlen. Zum Zeitpunkt des Anschlags erschien die Internet-Seite von Charlie Hebdo mit dem Aufruf: "Charlie ist in Gefahr!" Die Zeitschrift bat ihre Leser um Spenden, da sie sonst der Pressekrise nicht standhalten werde.

Pressefreiheit ist ein Schutz vor Chaos

Um die Verluste auszugleichen, streichen Verleger Redaktionsetats und Stellen zusammen, die Arbeitsbedingungen verschlechtern sich in vielen Häusern. Dies wird zu Lasten aller Bürger gehen, die gerade in komplizierten Zeiten sorgfältig recherchierte Informationen und durchdachte Meinungsbeiträge brauchen. Die heterogenen Einwanderungsgesellschaften, zu denen Europas Staaten werden, profitieren von einer freien Presse, die dem Pluralismus Ausdruck gibt und den Streit der Meinungen mit friedlichen Mitteln ermöglicht. Pressefreiheit ist so auch ein Schutz vor Chaos - oder Diktatur.

Sehr viele Franzosen sind sich dessen bewusst, wie ihre Reaktionen auf den Anschlag zeigen. Und viele Medien auf der ganzen Welt spüren, dass die Attentäter vom 7. Januar auch ein Freiheitsrecht angegriffen haben, das über Jahrhunderte mühsam errungen worden ist. Aus Solidarität mit Charlie Hebdo, aber auch zur Verteidigung dieses Prinzips, drucken nun viele Zeitungen die Mohammed-Karikaturen. Dadurch wird zugleich erneut die Frage aufgeworfen, wie weit die Pressefreiheit bei religiösen Themen gehen darf und wo sie enden soll.

Pressefreiheit ist nicht grenzenlos, wie Artikel 5 des deutschen Grundgesetzes klarstellt. Wer zu Angriffen auf Moscheen aufruft, macht sich strafbar. Wer Menschen mit Schmähkritik überzieht, auch. Jenseits krasser Ausnahmefälle wird die Pressefreiheit in demokratischen Staaten jedoch meist nicht eingeschränkt. Es wird dem Verantwortungsbewusstsein und Stilgefühl der Medien überlassen, sich Grenzen zu setzen. Man muss nicht gutheißen, wenn Satireblätter Mohammed mit Bombe im Turban oder den gekreuzigten Christus als Klopapierhalter darstellen. Doch man muss deswegen nicht den Staatsanwalt rufen. Ohne Toleranz gegenüber Zumutungen werden moderne Gesellschaften mit ihren unterschiedlichen Strömungen nicht reüssieren.

Vor allem aber ist es nun Aufgabe der Journalisten, sich vom Terror nicht beeinflussen zu lassen. Sie müssen weiter die Dinge beim Namen nennen, etwa, dass gewalttätige Islamisten üble Gotteslästerer sind - die Allah als primitiven Schlächter dastehen lassen, weil sie in seinem Namen morden, vergewaltigen und brandschatzen.

Die Dinge beim Namen zu nennen, wird nach jeder Drohung und nach jedem Anschlag schwieriger. Angst ist ein mächtiger Zensor. Journalisten brauchen daher den Einsatz der ganzen Gesellschaft für die Pressefreiheit. Es reicht nicht, sie in die Verfassung zu schreiben. Sie muss immer wieder neu behauptet werden. Orientierung gibt dabei ein oft zitierter Satz, der Voltaires Haltung wiedergeben soll: "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst."

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