Offener Brief von Feministinnen:Sigmar Gabriel soll Vorzeige-Papa werden

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Männer an den Kinderwagen: In einem offenen Brief fordern Frauen den werdenden Papa Sigmar Gabriel auf, jungen Vätern ein Vorbild zu sein und Elternzeit zu nehmen. Auch die einstige SPD-Bundespräsidentschaftskandidatin Gesine Schwan hat unterschrieben. Gabriel reagiert verärgert auf die Aktion.

Melanie Staudinger

SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles musste sich einige kritische Fragen anhören, als sie sich im vergangenen Jahr nach der Geburt ihrer Tochter Ella Maria "nur" zwei Monate Auszeit nahm. Ihr Job wecke "Begehrlichkeiten", sagte sie in einem Interview mit der Frauenzeitschrift Brigitte zur Erklärung. Vor allem Männer nahmen ihr diese Aussage übel. In Briefen sei sie als "karrieregeil" und "Rabenmutter" beschimpft worden, sagte Nahles.

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Er soll sich rechtfertigen: Wenn SPD-Chef Sigmar Gabriel im Frühling Vater wird, soll er mit gutem Beispiel vorangehen und eine Auszeit nehmen, um sich um den Nachwuchs kümmern zu können. Das fordert eine Gruppe Frauen um die ehemalige Bundespräsidentenkandidatin Gesine Schwan in einem offenen Brief.

(Foto: dapd)

Bei Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) kamen ähnliche Fragen auf, als im Juni 2011 ihre Tochter Lotte Marie auf die Welt kam. Vom damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff wollte hingegen kaum jemand wissen, ob er die Doppelbelastung nach der Geburt von Sohn Linus im Jahr 2008 stemmen könnte.

Das sei ungerecht, findet Anna-Katharina Meßmer. "Wir wollen den Spieß umdrehen", sagt sie. Mit neun Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen von SPD, Grünen und der Piratenpartei sowie Künstlerinnen hat die 29-jährige Soziologin nun einen offenen Brief an den SPD-Parteichef Sigmar Gabriel geschrieben, der voraussichtlich im April zum zweiten Mal Vater wird. Unter den Unterzeichnerinnen ist auch die einstige SPD-Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin, Gesine Schwan.

Gabriel reagiert verärgert

Die Frauen wollen von Gabriel wissen, wie er die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sieht, ob er der Doppelbelastung als Vater und Parteivorsitzender gewachsen sei und ob er sich als junger Vater die Leitung eines Bundestagswahlkampfes zutraut.

"Mehr noch: Kann ein junger Vater Kanzler werden?", schreiben die zehn Frauen. Und: "Wie schnell werden Sie nach der Geburt Ihres Kindes Ihren Beruf wieder aufnehmen?" Gabriel soll auch beantworten, ob er sich denn Sorgen mache, dass sein Job Begehrlichkeiten wecken könnte, wenn er seine Berufsarbeit unterbreche und sich seiner Rolle als Vater widme.

Bei der SPD traf der Brief der Feministinnen auf wenig Gegenliebe. Sigmar Gabriel sagte der SZ, er habe im Internet davon erfahren. "Auch im digitalen Zeitalter gibt es mitteleuropäische Umgangsformen", sagte der Parteichef. Er beantworte Briefe nur, wenn sie ihn vor einer Veröffentlichung persönlich erreicht hätten. Zudem habe er seine "private Lebensplanung mit meiner Frau besprochen". Das gehe niemanden etwas an.

Für Gabriel kommt die Debatte zur Unzeit. Zuletzt waren die Spekulationen über eine Kanzlerkandidatur des Parteichefs wieder lauter geworden. Die Unterzeichnerinnen betonen jedoch im Gespräch mit der SZ, es gehe ihnen nicht darum, den SPD-Chef bloßzustellen.

Sie sei selbst SPD-Mitglied, betont Meßmer. "Das ist keine Frauen-gegen-Männer-Geschichte", sagt sie. Vielmehr wolle die Gruppe, die sich bei einer Tagung zum Thema "Geschlechterrollen in den Medien" getroffen hatte, auf ein Problem aufmerksam machen.

Frauen haben heute zwar die Wahl, ob sie Kind und Karriere verbinden wollen oder nicht. Diese Freiheit aber, so argumentiert die 29-Jährige, führe dazu, dass sich nur die Frau um die Vereinbarkeit kümmert, während Männer sich aus den Debatten oft heraushielten.

"Es ärgert uns einfach, dass die alleinige Verantwortung auf uns Frauen abgewälzt wird", sagt Meßmer. Noch immer müssten viele Frauen damit rechnen, beruflich nicht mehr voranzukommen, wenn der Nachwuchs erst da ist.

An SPD-Chef Gabriel wollen die Feministinnen jetzt ein Exempel statuieren. Der offene Brief soll ihn dazu bewegen, als Vorbild zu dienen. Ganz nach dem Motto "Papas an die Kinderwagen" soll er mit gutem Beispiel vorangehen und auch persönlich zur progressiven Familienpolitik seiner Partei stehen. "Sie haben eine wunderbare Chance, als Vorsitzender der SPD das Leitbild einer partnerschaftlichen Familie öffentlich wirksam vorzuleben und ihm damit neue Wege zu bahnen. Wir würden uns freuen, wenn Sie diese Chance wahrnehmen", schreiben die Frauen.

Im September 2011 hatte der SPD-Vorstand ein Fünf-Punkte-Programm beschlossen, das unter anderem mehr Zeit für die Familie vorsieht, ohne die beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten der Eltern einzuschränken. So sollen Väter und Mütter, die den Elterngeldbezug mit Teilzeitarbeit kombinieren, 14 statt bisher sieben Monate Elterngeld bekommen. "Frauen und Männer sollen Familienarbeit und Berufstätigkeit partnerschaftlich vereinbaren können", heißt es.

Horst Seehofer hätte den Brief nicht bekommen

Gabriel soll nun den Beweis antreten, dass das stimmt. Warum der offene Brief ausgerechnet an ihn adressiert wurde und nicht an andere Politiker, erklärt Meßmer so: Sie habe bei Gabriel einfach die Hoffnung, dass mit ihm ein echter Dialog zustande kommen könnte.

Anderen Politikern traut Meßmer die Bereitschaft zur öffentlichen Diskussion nicht zu. Dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer hätten die Frauen das Schreiben wahrscheinlich nicht schicken brauchen, erklärt die 29-Jährige. Seehofers Partei, die CSU, hat sich mit ihrer Forderung nach einem Betreuungsgeld bei vielen Frauenrechtlerinnen unbeliebt gemacht.

Dass Spitzenpolitik und Vaterschaft vereinbar sind, hatte 2009 Cem Özdemir bewiesen. Der Bundesvorsitzende der Grünen hatte sich damals Elternzeit genommen. Wenn auch nur für sechs Wochen.

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