Fluchtursachen Das kann Deutschland tun

Der Politikwissenschaftler Sändig ist pessimistisch. "Um Nigeria zu helfen, müsste man bei ganz grundlegenden Dingen anfangen, wie dem Aufbau stabiler staatlicher Strukturen", erklärt Sändig. "Das sind sehr langfristige Unterfangen."

Auch das Militär zu unterstützen ist heikel: "Selbst die USA sind davor zurückgeschreckt, Kampfhubschrauber zu schicken, weil dem nigerianischen Militär so brutale Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden", so Sändig. Gar nichts tun könne aber auch keine Lösung sein. Die beste Chance böten kleine, lokale Entwicklungsprojekte.

Sichere neue Heimat? "Plötzlich brannte es"

Ifeanyi Abiazie schaffte es über einen Umweg nach Deutschland: Eine katholische Gruppe wollte nach Italien, für eine Konferenz, und konnte ihn mitnehmen.

Von Rom aus buchte er einen Zug nach München. Er lebt nun in einer Unterkunft in Nußdorf am Ilm, einem kleinen Ort wenige Gehminuten von der österreichischen Grenze entfernt. Im März wurden er und die anderen Bewohner mitten in der Nacht geweckt. "Es war kurz vor Mitternacht. Plötzlich brannte es", erinnert sich Abiazie. Zum Glück wurde niemand verletzt. Das Feuer hätte sich schnell ausbreiten können, stellte ein Richter später fest. Die Polizei fand zwei mit Benzin gefüllte Flaschen und ein Hakenkreuz an der Außenwand, das jemand Tage zuvor mit schwarzer Farbe gesprüht hatte. Nur zwei Wochen später gab es wieder einen Brandanschlag.

"Ich kann mir nicht erklären, wer uns angreifen wollte", erzählt Abiazie. Was er nicht wusste: Die beiden Täter kehrten nach dem zweiten Anschlag zurück, mit dem Einsatzwagen der Freiwilligen Feuerwehr, um den Brand zu löschen, den sie selbst gelegt hatten. Die Polizei konnte die beiden jungen Männer später festnehmen. Auf dem Computer des einen fand die Polizei Nazi- und Hitlerbilder mit verharmlosenden Texten. Sie wurden zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.

Nach den Anschlägen konnte Abiazie noch weniger schlafen als davor. Er nahm Antidepressiva, doch die halfen kaum. Im Mai kam der zweite Tiefpunkt: Das Bamf glaubt Abiazie nicht. Er sei in Nigeria sicher. Gegen die Entscheidung könne er aber klagen. Also tat er das.

Das ist jetzt ein Jahr her. Seitdem wartet er. Auf den Gerichtstermin. Darauf, dass seine Heimat Nigeria wieder zu einem Land wird, in dem er sicher leben kann. Oder darauf, dass zumindest Deutschland zu seiner neuen Heimat wird. "Ich verstehe, wenn Deutschland wenig für Nigeria tun kann", sagt Abiazie. Aber sein Leben als Flüchtling hier ein wenig sicherer machen, das könnte Deutschland schon, findet er.

Familie Abdullas Puppe

Familiennachzug

Abdullas Puppe

Familiennachzug, die Wirklichkeit: zu Besuch bei einem neunjährigen Jungen, der in einem Flüchtlings­camp im Libanon lebt. Und bei seinem Vater in einem Wohnheim in Berlin.   Von Ann Esswein