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Fluchtursachen:Die Gang hatte seine Zeit im Gefängnis genutzt

Während die Eliten extrem reich sind, hungert der Großteil der Bevölkerung. Fast die Hälfte der Nigerianer lebt von weniger als 1,90 Dollar am Tag, schätzt die Weltbank. Und das Problem wächst mit der Bevölkerung: In den vergangenen 50 Jahren hat sie sich vervierfacht. 200 Millionen Einwohner hat Nigeria. Bis 2050 könnte es das Land mit der drittgrößten Bevölkerung sein, nach Indien und China.

Abiazie merkte das früher in seinem Alltag, wenn er sich durch die Menschenmassen auf den Straßen von Lagos drängen musste, der größten Stadt Nigerias. Hier hatte er sein Leben aufgebaut. "Ich denke nicht darüber nach, was meine Regierung für mich tun kann. Ich frage mich, was ich selbst für meine Zukunft tun kann", sagt Abiazie. Sein Mantra klingt ein wenig wie eine nigerianische Version von Kennedys berühmten Zitat, sein Optimismus erinnert an den Amerikanischen Traum: "Du kannst alles erreichen, wenn du selbst daran arbeitest", glaubt Abiazie.

Er studierte Wirtschaft und baute einen Laden für Elektrogeräte auf, mit Geld, das er sich von der Bank lieh. Nach fünf Jahren hatte er ein laufendes Geschäft und fünf Mitarbeiter unter sich. "Mir ging es gut", sagt er. Dann kam der Valentinstag.

Drei Tage saß Abiazie in der Zelle, erzählt er. Schließlich ließen die Polizisten ihn laufen, für ein Bestechungsgeld von umgerechnet 1200 Euro. Als er zu seinem Laden kam, fand er ihn zerstört vor. Die Gang hatte seine Abwesenheit genutzt, die Scheiben eingeschlagen und seine Waren gestohlen.

"Ich wusste nicht, wo ich hin sollte", erzählt Abiazie heute. "Mein Geschäft war ruiniert, ich hatte noch immer Schulden bei der Bank. Mein Anwalt sagte mir, dass die Polizei mich jederzeit wieder verhaften und anklagen könnte." Abiazie wollte zu seiner Familie in den Osten fliehen. Doch die hatten bereits von dem Vorfall gehört und einen Brief des örtlichen Herrschers bekommen. In Nigeria gibt es noch eine Reihe von Monarchen, die zwar offiziell keine politische Macht mehr haben, regional aber trotzdem oft einflussreich sind. In dem Brief stand, dass seine Familie Abiazie nicht aufnehmen durfte, sonst sei auch ihr Leben in Gefahr. Er versteckte sich bei einem Freund, für acht Monate. Nur nachts traute er sich auf die Straße. Abiazie musste weg. Aber wohin?

Fluchtursachen zu bekämpfen, wird schwierig

Eine Flucht ins Ausland ist für die meisten Nigerianer zu teuer. Etwa zwei Millionen sind deshalb innerhalb des Landes auf der Flucht, schätzen die Vereinten Nationen. Doch in Nigeria überlagern sich die Konflikte: muslimischer Norden gegen christlichen Süden, Arm gegen Reich, Polizisten gegen Gangs, das Militär gegen Boko Haram, Seperatisten und andere Rebellengruppen, und auf dem Land gehen sesshafte Bauern und nomadische Hirten mit Macheten und Gewehren aufeinander los, weil sie sich um Weideflächen streiten - eine Auseinandersetzung, durch die schon mehr Menschen getötet wurden als durch die Terroristen. Wer hier Fluchtursachen bekämpfen möchte, der hat eine schwere Aufgabe vor sich.

Deutschland hat immer wieder betont, eben das versuchen zu wollen. Als die Kanzlerin im August 2018 Nigeria besuchte, waren die Erwartungen groß. Nigeria hofft auf eine engere Zusammenarbeit, Deutschland darauf, viele Geflüchtete problemlos zurückschicken zu können. Das Thema stand zwar nicht auf der offiziellen Tagesordnung. Angesprochen wurde es doch. "Wir sind gegen illegale Migration", sagte Nigerias Präsident Buhari. Konkrete Pläne für eine Rückführung vereinbarten Merkel und Buhari aber nicht.

"Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit mit Nigeria konzentriert sich auf die nachhaltige Wirtschaftsentwicklung", heißt es auf der Seite des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. 57,6 Millionen Euro gab Deutschland dafür 2016 aus.