Nationalratswahl am 29. September Du, glückliches Österreich, wähle!

Der eine Kandidat ist ein Rätsel, das niemand lösen will, der andere holt sich Rat vom Kardinal, ein dritter hetzt gegen Ausländer und predigt Nächstenliebe; die einzige Frontfrau ist kompetent, darf aber gerade deshalb wohl nicht regieren. Politik in Wien ist schaurig schön. Nach der Wahl aber kommt wohl, was wir Österreicher verdienen.

Ein Gastbeitrag von Thomas Glavinic

Der österreichische Schriftsteller Thomas Glavinic während einer Lesung in München im Jahre 2008.

(Foto: cath)

Am 29. September wählt Österreich den Nationalrat. Um die österreichische Politik besser zu verstehen, muss man zwei wichtige Fakten kennen.

Erstens: Ein Viertel aller Österreicher lebt in Wien. Wien dominiert das Land wie in Europa sonst wohl nur noch London England. In Deutschland kann man von Berlin aus auf Hamburg oder München schauen. In Österreich heißen die Landeshauptstädte Graz, Linz oder Salzburg und haben zwischen nicht mal 100.000 und 250.000 Einwohner. Zum Vergleich: Wien hat 23 Bezirke, einer davon heißt Favoriten, dort leben knapp 180.000 Menschen.

Zweitens: Wien, das ist die Innere Stadt, jedenfalls politisch. Auf den drei Quadratkilometern des ersten Bezirks sind die meisten Ministerien untergebracht, die Hofburg, das Parlament. Beamte wie Abgeordnete und Minister essen gemeinsam oder mit Journalisten zu Mittag; zu diesen Stunden ist hier auch auf der Straße der sonderbare k.u.k.-Gruß "Mahlzeit!" üblich.

Diese Enge, dieser Filz

Man ist meist parteiübergreifend per Du. Diese österreichische Besonderheit muss der Betrachter verstehen, diese Enge, diesen Filz. Hier kennt man Menschen, die man nicht mag, "vom Wegschauen", aber man kennt sie.

Diese drei Quadratkilometer, das ist das politische Österreich.

Kein Wunder also, dass sich die Parteien in vielen Fragen gar nicht so sehr voneinander unterscheiden. Sehr unterscheidbar sind indes die Spitzenkandidaten. Die SPÖ stellt seit 2007 den Bundeskanzler; 2006 wurde Wolfgang Schüssel von der ÖVP abgewählt, der mit der FPÖ Jörg Haiders koaliert und in dessen Regierungszeit es zahlreiche Skandale gegeben hatte.

Sein Nachfolger wurde der Sozialdemokrat Alfred Gusenbauer. Dem traute man sogar zu, dass er ab und zu ein Buch in die Hand nimmt, so wurde er folgerichtig nach zwei Jahren von seinem Parteifreund Werner Faymann abgelöst, kurz nachdem die beiden zusammen einen unterwürfigen offenen Brief an den Herausgeber der mächtigen Kronen Zeitung geschrieben hatten, ein beispielloser Kniefall der Politik vor dem Boulevard.

Würde Angela Merkel ihre Politik der Bild unterwerfen und in einem kriecherischen Brief an den Chefredakteur auf dessen politische Forderungen eingehen? In Deutschland ruft höchstens der Bundespräsident an und droht mit Krieg - das ist wenigstens eine Haltung.

Werner Faymann ist eine der undurchsichtigsten Persönlichkeiten, die je die SPÖ geführt haben. Die Auszeichnung für den undurchsichtigsten Kanzler geht aber nach wie vor an den Konservativen Wolfgang Schüssel, bei dem man sich nicht sicher sein konnte, ob er abends für die Hausmusik die Geige auspackte oder ob er nicht doch nachts in einem Geheimverlies Zuchtspinnen zusah, wie sie sich gegenseitig zerfleischten.

Wahl in Österreich Hitlergruß beim Wahlkampf der FPÖ
Österreich

Hitlergruß beim Wahlkampf der FPÖ

Kurz vor der Parlamentswahl in Österreich recken Männer bei einem Wahlkampfauftritt des rechtspopulistischen FPÖ-Chefs Strache den rechten Arm - und werden fotografiert.   Von Oliver Das Gupta

Während Schüssels Regierungszeit konnte die Organisation einer Pressekonferenz die Republik schon mal 93.000 Euro kosten; dankbarer Kunde war eine dem Koalitionspartner nahestehende Agentur.

So etwas gibt es in dieser Form bei Werner Faymann nicht. Sein Auftreten ist zwischen Sparkassenvorstand und Pflichtschuldirektor zu verorten, er gibt sich volksnah und bleibt farblos. Er ist ein Rätsel, das niemand lösen will.

Wahl in Österreich

Alpha-Männer und eine Frontfrau

Nicht viel aufregender wird es bei seinem konservativen Herausforderer Michael Spindelegger, mit dem Faymann seit fünf Jahren in einer Großen Koalition sitzt. Der ist wie alle ÖVP-Chefs stramm katholisch, sehr beherrscht, geht morgens um sieben Uhr aus dem Haus und kommt gegen 22.30 Uhr zurück. Er ist ein Beamter der Macht und nicht zu unterschätzen.

Denn er scheint dem in der ÖVP ständig schwelenden Streit zwischen den Ländern und den Bünden zumindest insoweit gewachsen zu sein, als dass er für Ausgleich sorgt, Posten taktisch klug besetzt und sich mit dem einflussreichsten Konservativen, Niederösterreichs Erwin Pröll, genauso intensiv berät wie mit dem Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn.